„Der neue Gesundheitsminister gibt keine Pressekonferenzen“

Junge Erwachsene aus Brasilien, Nigeria, Kamerun und Argentinien erzählen, wie sich die Pandemie auf ihre Länder auswirkt.
Protokolle von Luis Nicolas Jachmann

Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

Die Länder mit den meisten Infizierten befinden sich noch allesamt auf der Nordhalbkugel unserer Erde. Viele Länder im Süden stehen dagegen noch ganz am Anfang der Epidemie. Trotzdem haben die Regierungen dort bereits strenge Ausgangssperren angeordnet. Was bedeutet das für das tägliche Leben junger Erwachsener? Vier von ihnen erzählen von ihrem neuen Alltag, ihren Befürchtungen und Hoffnungen.

Brasilien ​​​​​​

Foto: privat

Mariana Souza kommt aus Brasilien und ist 26 Jahre alt, sie arbeitet als Lehrerin in Sao Paulo. In ihrem Heimatland gibt es etwa 170 000 Fälle des Coronavirus. Alle Bundesstaaten haben eine Quarantäne verhängt. Die meisten Gouverneure und Bürgermeister im Land empfehlen Abstandsregeln und das Tragen einer Masken im öffentlichen Raum. In Stadien und Messehallen wurden Lazarette eingerichtet.

„Ich unterrichte eine vierte Klasse in einem benachteiligten Viertel im Westen Sao Paulos, doch seit Wochen sind die Schulen geschlossen. Viele Schülerinnen und Schüler haben keinen Zugang zum Internet oder zu Computern. Also bereite ich von meinem Schreibtisch aus Materialien für die Kinder vor, damit sie Zuhause weiterlernen können. Die Diskussionen mit den Kindern im Klassenzimmer fehlen mir sehr. Jetzt verbringe ich 70 Prozent meines Tages vor dem Computer. Ich nehme Videos auf und habe Konferenzen mit meinen Arbeitskollegen. 

Ich verlasse meine Wohnung sehr selten und lasse mir gerade alles nach Hause liefen. Einfache Tätigkeiten wie ein Ausflug zum Markt sind zu großen Herausforderungen für mich geworden, vor allem auch mental. Ich habe Angst: Überall kannst du dich anstecken. Ich sorge mich daher um meine Verwandten und Freunde. Nicht alle sind krankenversichert. Ich fürchte, dass sie sich einen Arztbesuch nicht leisten können, wenn sie einen bräuchten. 

Ich sorge mich auch um mein Land. Wir haben nicht genügend Ärztinnen und Ärzte, medizinische Ausrüstung und Tests. Das haben wir auch unserem Präsidenten Jair Bolsonaro zu verdanken. Anfangs hat er die Pandemie sogar als einfache Grippe abgetan. Er ist total ignorant und der Aufgabe als Präsident unseres Landes nicht gewachsen. Sein Verhalten ist machohaft, rassistisch und korrupt. Er hat den Gesundheitsminister entlassen, weil dieser gegen das Virus kämpfte. Der neue Gesundheitsminister gibt keine Pressekonferenzen. Die Bevölkerung ist äußerst verwirrt.

Ein Großteil der schwarzen Bevölkerung gehört den unteren sozialen Schichten an. Sie verfügen nur über eine Basis-Krankenversicherung. Damit sind nicht alle Arztbesuche abgedeckt. Viele meiner Schülerinnen und Schüler haben dieses Problem. Sie können nicht immer Zuhause bleiben. Sie leben in kleinen Wohnungen. Dort mangelt es an guter Belüftung und einfachen sanitären Einrichtungen.“

Kamerun 

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Baratiel Malet kommt aus Kamerun und ist 25 Jahre alt, sie arbeitet als Journalistin in Douala. In ihrem Heimatland gibt es 2700 Fälle des Coronavirus. Kamerun hat bereits Mitte März alle Grenzen zu seinen Nachbarstaaten geschlossen. Eine strenge Ausgangssperre gibt es nicht. Allerdings gilt im öffentlichen Raum eine Maskenpflicht.

„Bis vor Kurzem habe ich als Praktikantin bei einem Online-Medium gearbeitet. Ich habe über lokale Veranstaltungen berichtet, aber mit der Corona-Krise wurden alle städtischen Veranstaltungen bis auf Weiteres verschoben. Unser Chef hat alle gebeten, Zuhause zu bleiben. Seit zwei Monaten bin ich jetzt bei meinen Eltern. Sie kümmern sich um mich. Ich suche nach neuen Ideen für Geschichten, die man von Zuhause aus machen kann. 

Aber nicht alle können sich leisten, die ganze Zeit Zuhause zu bleiben. In meinem Land gibt es viele Tagelöhner. Sie sind im informellen Sektor und würden ohne Arbeit hungern. Schlimm sieht die Lage in den Krankenhäusern aus. Sie haben nicht die Ausrüstung, um alle Patienten mit Covid-19 zu behandeln. Atemgeräte fehlen. Alle fixieren sich deshalb jetzt auf das Coronavirus, um die Situation zu verbessern. Das Problem dabei: Patienten mit anderen Krankheiten sind deshalb aus dem Krankenhaus entlassen worden, um Platz für potenzielle Corona-Infizierte zu schaffen. Sie werden jetzt nicht mehr richtig versorgt.

Unser Präsident Paul Biya äußert sich währenddessen nicht zur Lage in Kamerun. Ich habe kein Verständnis dafür, dass er lange Zeit untergetaucht war und sich nicht an seine Landsleute wendet. Er hat noch keine einzige Rede zur Corona-Virus-Situation gehalten. Dabei steigt die Zahl der Infizierten. Das macht mir Angst.“

Nigeria

 

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Michael Vera kommt aus Nigeria und ist 25 Jahre alt. Er arbeitete bisher als Sozialarbeiter in Abuja. In seinem Heimatland gibt es 4600 Fälle des Coronavirus. Die Regierung hat der Bevölkerung dringend empfohlen, Zuhause zu bleiben. Viele Betriebe haben die Produktion vorübergehend eingestellt. Auf das Virus getestet wurden im bevölkerungsreichsten Land Afrikas erst knapp 20 000 Personen.

 

„Vor der Pandemie hatte ich einen klassischen 8-Stunden-Arbeitstag in einer NGO. Am frühen Abend habe ich Sport gemacht: Tennis, Schwimmen und Fitnesstraining. Und danach habe ich mich mit Freunden getroffen. Seit Beginn der Pandemie ist alles anders. Ich habe bis gestern immer den ganzen Tag von Zuhause aus gearbeitet, danach in der Wohnung Sport gemacht. Nun wurde ich gekündigt, meine NGO löst sich auf, kann sich nicht mehr halten. Kurz danach musste ich auch noch erfahren, dass zwei meiner Schwestern sich wohl mit dem Coronavirus infiziert haben und nun an Covid-19 erkrankt sind.

Und das alles, obwohl Regierung gut und schnell reagiert hat, als es die ersten Fälle in unserem Land gab. Sie hat einen Teil-Lockdown verhängt und hat über das Internet die Bevölkerung über die Gefahren des Virus aufgeklärt. In einigen Regionen wurden Nahrungsmittel an die Ärmsten der Bevölkerung verteilt. Aber wenn die Zahl der Infizierten bei uns im Land steigt, sind wir nicht gewappnet. Die Krankenhäuser haben zu wenig Personal und medizinische Ausstattung.

Sorgen bereitet mir schon jetzt die wirtschaftliche Situation. Hunderttausende haben wie ich ihren Job verloren. Gleichzeitig werden Lebensmittel immer teurer. Ich hoffe, dass die meisten Menschen Zuhause bleiben. Das könnte uns vielleicht helfen, das Virus einzudämmen. Dabei muss uns aber auch die Regierung helfen und mehr testen.“

Argentinien

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Agostina Zanassi kommt aus Argentinien und ist 28 Jahre alt, sie arbeitet als Eventmanagerin im Tourismus in Buenos Aires. In ihrem Heimatland gibt es 6200 Fälle des Coronavirus. Die Regierung veranlasste zu Beginn der Krise eine vierzehntägige Quarantäne für Einreisende. Seit dem 20. März gilt eine Ausgangssperre, noch mindestens bis Ende Mai.

„Ich verlasse die Wohnung zurzeit nicht. Ohnehin haben nur Apotheken und Lebensmittelmärkte geöffnet. Ab dieser Woche ist es auch Pflicht, eine Gesichtsmaske zu tragen. Und ab 16 Uhr dürfen wir in meiner Stadt gar nicht mehr nach draußen gehen. Die Polizei kontrolliert rigoros. Aber ich finde diese Kontrollen richtig. Mich beunruhigt eher, dass viele Menschen in meinem Land sich des Problems nicht bewusst sind. Sie befolgen die verhängten Maßnahmen nicht. Das liegt auch daran, dass wir nicht eine so extreme Situation wie etwa Italien durchmachen. Bei uns haben sich noch nicht so viele Menschen mit dem Virus infiziert.

Ich reise mit meiner Agentur normalerweise viel herum, auch in weit entfernte Länder. Jetzt bin ich die ganze Zeit Zuhause bei meiner Mutter. Wir bereiten im Garten unser Gemüsebeet für den argentinischen Winter vor. Außerdem koche ich viel. Wir kaufen derzeit keine verpackten Lebensmittel und essen nun bewusster. Ich höre mehr auf mich selbst, frage mich immer wieder: Was brauche ich? 

Ich glaube, nicht nur mein Konsumverhalten hat sich verändert, mein Stress ist auch verschwunden. Wenn ich wieder arbeiten kann, möchte ich diese neue Lebenseinstellung beibehalten.“

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