„Ich werde dargestellt wie ein Verbrecher, wenn ich keine Maske trage“

Wie geht es Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen keinen Mund- und Nasenschutz tragen können und sich immer wieder dafür rechtfertigen müssen?
Von Melanie Schröder

Illustration: FDE

Seit Ende April gilt deutschlandweit Maskenpflicht im Einzelhandel und im öffentlichen Nahverkehr. Trotz wenig polizeilicher Kontrolle halten sich die meisten Menschen an das neue Verhüllungsgebot. Maßgeblich trägt dazu die sogenannte soziale Kontrolle bei: Masken-Träger*innen kontrollieren Nichtmasken-Träger*innen und sorgen so dafür, dass die Pflicht auch wirklich eingehalten wird. 

Diese soziale Kontrolle setzt Menschen, die aufgrund physischer oder psychischer Erkrankungen keine Maske tragen können, teilweise stark unter Druck. Dabei gehören vieler dieser Personen paradoxerweise zur Risikogruppe, die durch die Maskenpflicht geschützt werden sollen.

Lehrer*innen fragen immer wieder, warum Tobias keinen Mund- und Nasenschutz trägt

Tobias ist 18 Jahre alt und besucht seit kurzer Zeit wieder eine inklusive Fachoberschule in München. Er lebt mit spinaler Muskelatrophie und gehört damit zur Risikogruppe. Er kann seine Muskeln nicht gut ansteuern, wovon auch die Atmung betroffen ist. Nachts ist er daher an eine Beatmungsmaschine angeschlossen. Tagsüber schafft er je nach Tagesform etwa zehn Stunden ohne Beatmung.

In den ersten Tagen der Maskenpflicht hat Tobias trotz seiner Erkrankung versucht, einen Mund- und Nasenschutz in der Schule zu tragen. Denn hier gilt eine Teilmaskenpflicht. So muss auf den Fluren, in der Pause und auf der Toilette eine Maske getragen werden. 

Doch Tobias musste die Maske immer wieder nach kurzer Zeit absetzen: „Es ist ohnehin schon schwierig für mich zu atmen und mit Maske ist es noch einmal deutlich schwerer. Ich kann mich mit dem Mund- und Nasenschutz nur schwer konzentrieren und werde sehr schnell müde vom Sauerstoffmangel, was irgendwann zur Atemnot führt.“ Deshalb lässt sich Tobias momentan ein ärztliches Attest ausstellen, das ihn offiziell von der Pflicht befreit. 

Nun geht Tobias seit ein paar Tagen ohne Mund- und Nasenschutz in die Schule. Das hat anfänglich auch gut funktioniert. Denn in seiner Klasse ist bekannt, dass er keine Maske tragen kann. Doch außerhalb seiner Klasse stößt er teilweise auf wenig Verständnis. „Ich wurde insbesondere von Lehrer*innen und Assistent*innen teilweise recht genervt angesprochen, warum ich keine Maske trage. Das führt dazu, dass ich mich dauernd erklären muss. Ich will gar nicht wissen, wie es wäre, wenn ich an eine ganz normale Regelschule gehen würde“, sagt Tobias.  

Die Supermarkt-Security wollte die ärztliche Bescheinigung zunächst nicht akzeptieren

Wie Tobias hat auch Karsten in den ersten Tagen der neuen Pflicht versucht, eine Maske zu tragen. Doch leider hatte auch er mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen: „Mir wurde schlecht, ich konnte nur schwer atmen und schwitzte sehr stark unter der Maske. Nach fünf Minuten musste ich den Einkauf abbrechen und die Maske abnehmen“, schildert Karsten seinen Selbstversuch. 

Der 32-Jährige wohnt gemeinsam mit seiner Verlobten und zwei Kindern in Erfurt-Gispersleben und arbeitet als Kundenbetreuer regulär im Home-Office. Karsten gehört aufgrund von Asthma, Allergien, Übergewicht und Bluthochdruck zur Risikogruppe. Daher ließ er sich von seinem Hausarzt eine Bescheinigung zur Maskenbefreiung ausstellen. Denn ein Mund- und Nasenschutz könnte aufgrund des fehlenden Sauerstoffausgleichs Asthmaanfälle auslösen.

Doch diese Befreiung von der Maskenpflicht ist für seine Mitmenschen leider nicht sofort erkennbar. So wird sein unmaskierter Anblick mal mehr und mal weniger toleriert. „Im Supermarkt in Gispersleben, wo jede*r jede*n kennt, ist das Einkaufen kein Problem. Ich habe einfach erwähnt, dass ich eine Befreiung von der Maskenpflicht habe und das wurde auch so akzeptiert“, erzählt Karsten. Doch nicht immer reagiert das Umfeld so verständnisvoll. „In einem größeren Supermarkt weiter auswärts wollte die Security mich zunächst gar nicht reinlassen – auch nicht nach Vorlage der Befreiung.“ Erst nach Rücksprache gewährte man ihm Einlass.

Seit diesem Erlebnis geht Karsten gar nicht mehr in den Supermarkt und überlässt den Einkauf seiner Frau. „Mich jedes Mal anmotzen oder blöd angucken zu lassen, stresst mich zu sehr. Man wird ja dargestellt wie ein Verbrecher, wenn man keine Maske trägt“, fasst Karsten zusammen. 

Isabel trägt trotz psychischer Probleme eine Maske

Anders als Tobias und Karsten kann Isabel den Mund- und Nasenschutz aus psychischen Gründen nicht tragen. „Ich denke ständig darüber nach, wie andere Menschen, die mich mit Maske sehen, über mich und mein Aussehen urteilen könnten. Außerdem fällt mir das Atmen nach wenigen Minuten schwer, da ich die warme Atemluft wieder einatme und so ein Gefühl der Atemnot entsteht“, erzählt Isabel. 

Die 24-Jährige aus Schwäbisch Hall lebte bis vor kurzem in einem Internat und hat seit mehreren Jahren Probleme im Umgang mit anderen Menschen und ihrem Selbstbewusstsein. Vermutlich leidet Isabel an emotionaler Instabilität infolge einer Borderline-Störung. Eine finale Diagnose konnte aufgrund ihres jungen Alters aber bislang nicht gestellt werden. Isabel absolviert momentan eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme, dank der sie ihre psychischen Probleme bislang gut im Griff hatte.  

Doch seitdem sich ein Mitarbeiter des Internats mit Corona infiziert hatte, ist alles anders. Infolgedessen musste sich Isabel in Quarantäne begeben, was ihrem Fortschritt ein jähes Ende setzte. Die Maskenpflicht stellt für sie eine zusätzliche Belastung dar. Dennoch möchte sie sich keine ärztliche Bescheinigung ausstellen lassen. „Ich müsste mich jedes Mal rechtfertigen, warum ich keine Maske trage. Daran würde auch ein Attest nichts ändern. Die öffentliche Aufmerksamkeit, wenn man mich auffordert, eine Maske zu tragen, wäre einfach viel zu viel für mich. Die Angst vor diesen „sozialen“ Menschen ist so groß, dass ich trotz meiner Erkrankung lieber eine Maske trage.“ 

Wenn Isabel nun einkaufen möchte, zieht sie also trotzdem eine Maske an, wenn auch nur für kurze Zeit. „Irgendwann kommt der Moment, wo ich die Maske abnehmen muss, weil ich Atemnot bekomme. Ich suche mir dann eine Stelle im Supermarkt, an der ich möglichst alleine bin, ziehe die Maske kurz runter und atme mehrmals tief durch. Währenddessen denke ich, dass es eigentlich unklug ist, die Maske anzufassen. Denn dann ist diese eigentlich obsolet, da ich sie ja kontaminiere.“ Darum versucht Isabel alle Orte, an denen die Maskenpflicht gilt, auf ein absolutes Minimum zu reduzieren.

Wer soziale Kontrolle ausübt, handelt aus Angst  

Warum fühlen sich derzeit so viele Menschen in unserer eigentlich so liberalen Gesellschaft dazu berufen, andere Personen zurechtzuweisen? Und bringen damit indirekt Menschen dazu, eine für sie gesundheitsschädliche Maske zu tragen oder Supermärkte und öffentliche Verkehrsmittel zu vermeiden? 

Anna-Verena Nosthoff, Soziologin und Philosophin, erklärt, dass sichtbar von der Norm abweichende Verhaltensweisen, Angst hervorrufen können. „Das konsequente Anzeigen solch „falscher“ Verhaltensweisen kann der kontrollierenden Person ein Gefühl der Handlungsfähigkeit zurückgeben. Die es so momentan aber nicht unbedingt gibt“, so Nosthoff. Denn wir alle werden täglich damit konfrontiert, dass Erkenntnisse über das Virus und Maßnahmen dagegen ständig hinterfragt, angepasst und überdacht werden müssen. Also eine ziemlich unübersichtliche Situation, die einen gewissen Kontrollverlust für jede*n Einzelne*n von uns bedeutet. Verständlicherweise wünscht man sich nun folglich mehr Handlungsfähigkeit, was sich in der sozialen Kontrolle von anderen zeigen kann.

Dabei ist das Tragen von Masken gerade in der derzeitigen Situation gesellschaftlich erwünscht, um andere nicht zu gefährden, erläutert Nosthoff. Die Soziologin rät dennoch zu Augenmaß: „Wir alle sollten dem eigenen Reflex zur Zurechtweisung anderer Menschen misstrauen. Denn nicht jede*r, die oder der keine Maske trägt, muss deshalb gleich unsolidarisch sein.“

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