„Eine Bürgerin forderte von uns, dass alle Schutzmasken tragen sollen”

Wer Angst vor dem Coronavirus hat, ruft bei Katrin Grimmer an.
Interview von Marcel Laskus

Illustration: Federico Delfrati

Das Coronavirus scheint sich in Deutschland nicht weiter auszubreiten, dennoch sind viele Menschen verunsichert. Manche von ihnen rufen dann bei Katrin Grimmer an. Sie koordiniert am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Erlangen die Telefon-Hotline zum Coronavirus mit der Nummer 09131/6808-5101, für die knapp 30 Ärztinnen und Ärzte arbeiten. Ein Gespräch über Husten, Ängste und Rassismus.

jetzt: Frau Grimmer, wie viele Anrufe bekommen Sie pro Tag?

Katrin Grimmer: Es sind derzeit um die 120 bis 150. Aber es ist ruhiger geworden in den letzten Tagen. Auch weil andere Bundesländer und Behörden nun ebenfalls Hotlines anbieten. Und viele Informationen gibt es mittlerweile auch anderswo, zum Beispiel auf unserer Website. Wir haben Anfragen aus ganz Bayern, aber auch Anfragen von außerhalb. Es sind Bürger, die sich Sorgen machen. Reiserückkehrer aus China. Es gab auch Anrufe von anderen Ärzten und Medizinern, die verunsichert sind. 

Mit welchen Sorgen kommen die Menschen auf Sie zu?

Meist geht es um das konkrete Risiko, das man erfragen will. Einmal sprach ich mit einer Mutter, die sagte: „Mein Kind hustet. Ich befürchte, dass es Kontakt zu einer chinesischen Familie hatte. Könnte es Coronavirus sein?“ 

Was antworteten Sie ihr? 

Dass es keinen Anlass gibt, in Besorgnis zu verfallen, nur weil man Kontakt mit chinesischen Menschen hatte. In Deutschland gab es den Ausbruch des Virus nur in einer einzigen Firma. Es ist genau nachverfolgbar und deshalb gibt es keinen Anlass, alle Chinesen zu verdächtigen. Uns ist wichtig, dass es keinen Generalverdacht gibt gegenüber Menschen, die aus China kommen. Da wollen wir aufklären.

Gibt es Menschen, die sich bei Ihnen melden, nachdem sie im China-Imbiss essen waren?

Wir hatten zuletzt die Anfrage einer deutschen Restaurantbesitzerin, die sich nicht mehr wohl dabei gefühlt hat, Gäste mit chinesischem Hintergrund zu bewirten. Die Wirtin wollte diese Gäste aussperren.

Was haben Sie ihr gesagt?

Dass es dafür keinerlei Anlass gibt.

„Nein, die Chinesin hatte mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einfach eine Erkältung“

Spielen Vorurteile gegenüber China eine Rolle?

Ich würde eher sagen, es sind Ängste. Da sitzt man im Bus und neben einem ist eine Chinesin, die hustet. Da haben manche einfach Angst. Dann ist es unsere Aufgabe zu sagen: Nein, die Chinesin hatte mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einfach eine Erkältung. 

Ist es mitunter rassistisch, was Sie hören?

Das, was wir hören, ist eher von Unkenntnis geprägt.

Welcher Anruf ist Ihnen noch in Erinnerung geblieben?

Eine Bürgerin rief an und forderte von uns, dass alle in ihrem Landkreis Schutzmasken tragen sollen. Wir sollten das verordnen. Das geht natürlich nicht und dazu gibt es keinen Anlass.

Das klingt ziemlich hysterisch.

Es sind Ängste. Und wir nehmen diese Ängste ernst. Wir holen die Menschen dort ab, wo sie stehen. Und versuchen, mit sachlicher Aufklärung diesen Ängsten entgegen zu wirken. 

Sind es vor allem Ältere, die anrufen?

Nein. Es sind auch viele Eltern mit jungen Kindern, die sich bei uns melden. Aber auch Studentinnen und Studenten. Letztens rief ein jüngerer Mann an, weil seine Freundin vor einiger Zeit in China war und nun Husten hatte. Da wollte er wissen, was sie zu beachten hat. 

„Eine normale Erkältung oder Grippe ist deutlich wahrscheinlicher als das Coronavirus“

Wegen welcher Symptome melden sich die Leute bei Ihnen?

Fieber. Schnupfen. Husten. Allgemeines Unwohlsein. Aber man muss ja auch sagen: Wir haben derzeit Influenza-Zeit. Eine normale Erkältung oder Grippe ist deutlich wahrscheinlicher als das Coronavirus.

Welche Strategien haben Sie, um die Anrufer zu beruhigen?

Per Telefon kann man keine individuelle medizinische Diagnose ausstellen – das dürfen wir auch gar nicht. Aber wir geben eine erste Einordnung. Etwa indem wir empfehlen, dass man sich auf Influenza testen lassen soll. Wir machen all das in enger Absprache mit anderen Behörden, etwa mit dem international vernetzten Robert-Koch-Institut.

Wie gibt man konkrete Tipps bei einer Krankheit, die kaum erforscht ist?

Wir sind ehrlich. Wir sagen, was wir wissen. Und wir sagen, dass vieles noch nicht geklärt ist. Bei den zehn erkrankten Personen in Deutschland beobachten wir, wie die Behandlung funktioniert.

Sind Sie selbst verunsichert?

Nein, ich bin überhaupt nicht verunsichert. Bisher haben wir keine Fälle außerhalb dieser Infekt-Kette feststellen können. Alle zehn Fälle sind auf jene Patientin zurückzuführen, die das Virus zuerst hatte. Alle anderen haben sich zumindest indirekt bei ihr angesteckt. 

Wie schützen Sie sich?

Ich wasche mir, wie auch sonst, gründlich und mehrmals täglich die Hände. Bei Infektionskrankheiten ist eine gute Hand-Hygiene das A und O. Ich würde nicht empfehlen, irgendwelche Veranstaltungen zu meiden. Die Gesundheitsbehörden gehen davon aus, dass das Risiko für die Allgemeinbevölkerung gering ist.

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