Wenn die Mitbewohnerin an einer Essstörung erkrankt

Viele Betroffene verheimlichen ihre Krankheit jahrelang.
Illustration: FDE

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Trigger-Warnung: In diesem Text werden verschiedene Formen von Essstörungen thematisiert. Die Inhalte dieses Textes könnten auf Leser*innen traumatisierend oder retraumatisierend wirken. Wenn du selbst betroffen bist, kannst du dir bei Beratungsstellen für Betroffene mit Essstörung in deiner Stadt Hilfe suchen. Mögliche Anlaufstellen sind beispielsweise die Caritas, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder auch dein Hausarzt. 

Als Sarah* 14 Jahre alt ist, beginnt sie, mehr als drei Stunden am Tag Sport zu machen. Wenige Monate später übergibt sie sich regelmäßig nach dem Essen. Sarah erkrankt an einer Essstörung. Und auch als sie mit 17 Jahren für ihr Studium in eine Wohngemeinschaft zieht, ist sie noch krank. Zwar spricht Sarah das in ihrer WG nicht an, trotzdem beeinflusst ihre Krankheit das Zusammenleben. Denn Sarah erbricht die gemeinsamen Mahlzeiten, stiehlt sogar Lebensmittel ihrer Mitbewohner*innen, weil sie ihren Hunger nicht mehr kontrollieren kann. Heute, neun Jahre später, sagt sie über die Zeit: „Als Mitbewohnerin war ich nie richtig anwesend, in Gedanken war ich immer bei der Essstörung.“

Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind 61 von 1000 Frauen und Mädchen wie Sarah an einer Essstörung erkrankt. Die vermutete Dunkelziffer liegt deutlich höher. Einige der Betroffenen, insbesondere die Jüngeren, leben in Wohngemeinschaften. Wenn sie die Krankheit verheimlichen, kann sie nicht nur das Zusammenleben belasten, sondern auch das Leben der Erkrankten selbst gefährden. Denn: Je länger Betroffene darauf verzichten, Hilfe zu holen und an der Krankheit leiden, desto größer ist die Gefahr für ihre Gesundheit. Aber wie können Mitbewohner*innen erkrankte Menschen unterstützen? Und was bringt es, wenn sie eine vermutete Essstörung ansprechen?

„Ich war komplett in einer anderen Welt“

Das Leben in WGs ist für Menschen mit Essstörung nicht unbedingt schlechter oder besser als in anderen Wohnsituationen – aber die Herausforderungen sind andere, haben mal mehr, mal weniger direkt mit den Mitbewohner*innen zu tun. Für Sarah zum Beispiel war es das Verstecken. Also das heimliche Erbrechen, kurz darauf der Ekel vor sich selbst und die ständige Angst, ihre Mitbewohner*innen könnten ihren Essensvorrat entdecken. Für Tina* hingegen war nicht das Verstecken, sondern das Beisammensein schlimm. Sie erkrankte mit 18 Jahren an einer Essstörung. Für ihr Studium entschied Tina sich sogar gezielt dafür, in eine WG zu ziehen. Sie erhoffte sich, so leichter aus ihren gefährlichen Gewohnheiten ausbrechen zu können. Ein halbes Jahr zuvor begann sie, ihr Essen nach den Mahlzeiten zu erbrechen. In einer WG, so ihre Hoffnung, zwinge sie das Zusammenleben vielleicht, damit wieder aufzuhören – aus purer Scham vor den Mitbewohner*innen. Vielleicht würde sie lernen, mit ihnen gemeinsam wieder regelmäßiger zu essen. 

Grundsätzlich sei das keine abwegige Idee, findet Cornelia Schlehlein, Sozialpädagogin und Familientherapeutin in der Fachambulanz für Essstörungen der Caritas München. „Eine WG mit gesundem Essverhalten und einem guten Zusammenhalt kann einer erkrankten Person helfen, ihre Essstörung zu überwinden.“ Tinas Hoffnung bewahrheitete sich allerdings nicht. Sie lebte in einem Wohnheim, teilte sich mit ihren Mitbewohnerinnen nur die Küche. „Es war einfach so easy mit einem eigenen Bad“, sagt sie heute, „Es hat ja niemand bemerkt.“ Stattdessen wurden die gemeinsamen Mahlzeiten zum Problem: zum ständigen Vergleich. „Eine meiner Mitbewohnerinnen hat immer mit sehr viel Butter gekocht, war aber echt schlank. Da habe ich mich immer gefragt: Wie geht das? Wie kann sie so viel Butter essen und so schlank sein? Ich habe damals kein Fett gegessen, aus Angst, zuzunehmen. Ich war neidisch auf ihre Figur und habe mich immer gefragt: bin ich dicker als sie?“

Bekommen Mitbewohner*innen dann überhaupt mit, dass etwas nicht stimmt?

Geburtstage, Restaurant-Verabredungen oder eben das Zusammenleben im Wohnheim: „Für mich waren alle gesellschaftlichen Situationen der Horror, bei denen es Essen gab, an dem man sich einfach bedienen konnte. Ich konnte mich nicht mehr auf die Leute fokussieren, ich war in einer anderen Welt“, erzählt sie heute. Das Ablenkungsgefühl, das Tina schildert, ist ein gängiges Symptom von Essstörungen. „Die Betroffenen sind permanent in Gedanken mit dem Essen beschäftigt“, erklärt Cornelia Schlehlein. Sie fragen sich die ganze Zeit: Was habe ich heute schon gegessen?, berechnen Kalorien und vergleichen ihren Körper mit dem ihrer Freundinnen.“ Sowohl Tinas ständiges Vergleichen, als auch Sarahs Verstecken, sind von außen nur schwer erkennbare Verhaltensweisen. Und: Obwohl Sarah aufgrund ihrer Krankheit täglich mehrere Stunden Sport treibt und Tina ihr Essverhalten und ihre Figur ständig mit denen ihrer Mitbewohnerinnen vergleicht, sprechen sie in ihrer WG nie explizit an, dass sie krank sind. Tina, weil sie keine enge Beziehung zu ihren Mitbewohnerinnen hat. Sarah, weil sie sich ihrer Krankheit damals noch nicht stellen möchte. Bekommen Mitbewohner*innen dann überhaupt mit, dass etwas nicht stimmt?

Sarah ist sich sicher, dass ihre Wohngemeinschaft von ihrer Essstörung wusste. Sie sei nach fast jedem Frühstück, jedem Abendessen in der WG auf Toilette gegangen, um sich zu erbrechen. Einmal habe eine Mitbewohnerin beim gemeinsamen Essen gesagt: „Sarah, ich glaube, du hast ein Problem. Und ich glaube du brauchst Hilfe und es dauert länger bis es wieder gut wird.“ Sarah sagt, das fühlte sich damals für sie an, als läge sie nackt im Bett und ihre Mitbewohnerin ziehe ihr plötzlich die Decke weg. Als würde man sie an den Pranger stellen. Sarah war damals nicht bereit, sich ihrer Mitbewohnerin anzuvertrauen, sie wehrte die Bemerkung mit einem Kopfschütteln und einem Lachen ab. Sich länger Zeit genommen und ihr Unterstützung angeboten hat damals niemand – und ihr somit auch nicht wirklich helfen können. Das Thema kam zwischen den beiden nie wieder auf. 

Sollten Mitbewohner*innen lieber schweigen, wenn sie eine Essstörung in der WG vermuten? „Nein“, sagt Cornelia Schlehlein. „Auch in einer WG haben wir eine bestimmte Verantwortung füreinander. Wenn Mitbewohner*innen viele Essensverpackungen im Mülleimer finden oder bemerken, dass eine Mitbewohnerin oder ein Mitbewohner nur noch sehr wenig und unregelmäßig isst, dann sollte das ein Anlass sein, die Person zu fragen, ob alles in Ordnung ist.“ 

„Lass uns gemeinsam überlegen, welche Möglichkeiten es gibt“

Für ein solches Gespräch empfiehlt Schlehlein, die Person gar nicht direkt mit der vermuteten Essstörung zu konfrontieren. Lieber sollte man sich erstmal in einem ruhigen und persönlichen Moment nach ihrem Wohlbefinden erkundigen. Sollte man eine schwierige Beziehung zu der oder dem Betroffenen haben, könne es sinnvoll sein, „eine andere Person um Hilfe zu bitten, die in engerem Kontakt mit der Person ist.“

Für den Fall, dass die kranke Person offen auf die Nachfrage reagiert oder eine Essstörung sogar selbst anspricht, empfiehlt Schlehlein: „Man sollte ein offenes Ohr haben, nicht übertrieben erschrocken oder panisch sein, sondern sagen: In Ordnung, lass uns gemeinsam überlegen, welche Möglichkeiten es gibt.“ Mitbewohner*innen könnten beispielsweise anbieten, gemeinsam eine Beratungsstelle zu besuchen und die betroffene Person fragen, wie sie sie am besten unterstützen können. Eine Therapie ersetze das allerdings nicht: „Mitbewohner*innen können lediglich eine Unterstützung sein, alles weitere sprengt persönliche Grenzen.“

Aber: Betroffene reagieren nicht immer dankbar, wenn sie auf eine mögliche Essstörung angesprochen werden. So wie Sarah: „Ich habe mir damals selbst nicht eingestanden, dass ich ein Problem hatte. Ich dachte, mir gehe es gut, ich komme mit meiner Figur klar. Ich hatte Spaß auf Partys. Mir war gar nicht bewusst, wie schlecht es mir ging.“ 

Diese Reaktion kennt auch Schlehlein aus Erzählungen von Angehörigen von Menschen mit Essstörung. Das Wichtigste sei deswegen immer eine Abwägung im Einzelfall: „Als Mitbewohner*in kann ich mich nach dem Wohlbefinden erkundigen und Hilfe anbieten, doch wenn das Leben der erkrankten Person nicht akut gefährdet ist, muss ich akzeptieren, dass sie erwachsene Menschen sind, die ihre eigenen Entscheidungen treffen.“ 

„Wenn eine Mitbewohnerin hinfallen würde, würde ich der Person auch wieder aufhelfen“

Auch wenn Betroffene bereits in Therapie sind, können Mitbewohner*innen sie unterstützen, indem sie beispielsweise bei einem Geburtstag mit viel Kuchen oder anderem Essen, das einen Heißhungeranfall einer Betroffenen triggern könnte, anbieten, einen kleinen Spaziergang zu machen. Gerade in einer WG ist durch das enge Zusammenleben die Chance groß, frühzeitig Symptome einer Essstörung zu bemerken und etwas zu unternehmen. Schlehlein appelliert deswegen an die Verantwortung füreinander, die gerade in einer WG wichtig sei: „Wenn eine Mitbewohnerin hinfallen würde, würde ich der Person auch wieder aufhelfen.“ Ähnlich solle man auch mit einer Essstörung umgehen. Trotzdem: Auch mit der Fürsorge kann man es übertreiben – zu viel davon ist weniger hilfreich: „Betroffene sollten nicht in Watte eingewickelt werden, es ist Teil der Genesung mit alltäglichen Essenssituationen umzugehen“, betont Schlehlein. 

In Tinas WG blieben die Mitbewohner*innen stumm, in Sarahs WG blieb es bei wenigen Bemerkungen, auch bei ihr sagten ihre Mitbewohner*innen sehr schnell nichts mehr. Vielleicht, weil sie die Lage nicht richtig einschätzen konnten. Aber vielleicht auch, weil sie damit nicht umzugehen wussten, sich hilflos fühlten, nicht übergriffig handeln wollten. Trotzdem haben Sarah und Tina ihre Essstörungen größtenteils bekämpfen können. Beide haben mittlerweile wieder ein gesundes Essverhalten.

*Um Sarah und Tina zu schützen, haben wir ihre Namen anonymisiert. Die echten Namen sind der Redaktion bekannt.

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