„Der Mensch zählt in dieser Branche nicht“

Wir haben mit einem Insider aus der Fleischindustrie über Arbeitsbedingungen und die Corona-Ausbrüche gesprochen.
Interview von Sophie Aschenbrenner

Illustration: FDE

Die Corona-Krise hat in den vergangenen Wochen auch ein Schlaglicht auf die Fleischindustrie geworfen: Zahlreiche Menschen haben sich dort mit dem Coronavirus infiziert, nicht nur in Deutschland sondern auch in den Niederlanden. Betriebe wurden geschlossen. 

Dadurch entbrannte auch eine Diskussion über die Arbeitsbedingungen. Löhne unter dem Mindestlohn, Massenunterkünfte, knochenharte Arbeit – lange wurde der Alltag der Menschen, die in der Fleischindustrie arbeiten, als gegeben hingenommen. Das soll sich jetzt ändern: Arbeitsminister Hubertus Heil will sogenannte Werkverträge zum Januar des kommenden Jahres verbieten

Denn die meisten Menschen in der Branche sind über Subunternehmen angestellt und kommen aus Osteuropa. Sie sind gewerkschaftlich nicht organisiert, in engen Unterkünften untergebracht, sprechen kaum Deutsch. 

Peter Müller (Name geändert) ist Ende 30. Sein Vater hat viele Jahrzehnte in der Fleischindustrie gearbeitet, davon mehr als 30 Jahre auf verschiedenen Schlachthöfen. Er wuchs mit dem Thema auf, jobbte als Schüler selbst auf dem Schlachthof. Damals verdiente man da noch gut, sagte er. In zwei Wochen seien das bis zu 3000 Mark gewesen. Er hat immer noch Kontakt mit verschiedenen Menschen, die in der Industrie arbeiten und kennt viele Schlachthof-Besitzer persönlich. Er kritisiert die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie scharf.

Zum Schutz der eigenen Person und der seines Vaters bleibt er in diesem Interview anonym. Er ist der Redaktion genauso wie die Namen der Schlachthöfe aber bekannt. Im Interview spricht er über die Arbeitsbedingungen auf dem Schlachthof und darüber, was sich ändern muss.  

jetzt: Hat es Sie überrascht, dass es in vielen Schlachthöfen so viele Corona-Fälle gab? 

Müller: Absolut nicht. Am Schlachtband sind die Arbeitsbühnen oft relativ klein, oft stehen zwei oder drei Menschen zusammen auf einen Podest. Da sind 1,50 Meter Abstand nicht darzustellen. Die kleinen Betriebe können sich Umbaumaßnahmen nicht leisten. In einem Betrieb habe ich nachgefragt, ob es dort schon Tests gab – er sagte, wir sind froh, dass wir noch nicht testen müssen. Und solange wird dort auch nicht getestet. Dort arbeiten 70 Menschen, 55 von ihnen sind Werkvertragsarbeiter aus Osteuropa. Die Bedingungen in den Unterkünften sind schlimm, da sitzen so viele Menschen aufeinander, wenn da einer infiziert ist, überträgt sich das schnell. 

Wie ist die Stimmung in der Branche? 

Sehr schlecht. Der Absatz ist eingebrochen, weil die Gastronomie nicht mehr so viel Fleisch verkauft, die Events und Großveranstaltungen sind abgesagt, außerdem ist der Export durch die Corona-Maßnahmen eingebrochen. Auch unter den Arbeitern ist es schlimm – nur noch mit Mundschutz teilweise 14 Stunden am Stück zu arbeiten, das ist wahnsinnig anstrengend. 

„Die Arbeitskraft und der niedrige Bildungsstand werden gnadenlos ausgebeutet“

Wie würden Sie die Arbeitsbedingungen sonst beschreiben? 

Ganz ehrlich: Ich würde den Job als Drecksjob bezeichnen. Es ist nass und sehr warm oder sehr kalt – wenn man am Schlachtband arbeitet, hat es oft unter fünf Grad. Um die Tätigkeit machen zu können, muss man sehr schnell sein, Kraft haben. Das ist Knochenarbeit. Arthrose und Gicht sind häufige Krankheiten bei den Arbeitern. Wenn es viele Tiere zum Schlachten gibt, dann wird das Band eben schneller gestellt und die Leute müssen schneller arbeiten, ganz einfach. Wenn viel Arbeit ist, gibt es keine Pause, und dann wird auch unsauber gearbeitet. Dann leidet der Tierschutz, die Hygiene und die Menschen. Der Mensch zählt in dieser Branche ohnehin nicht. Da geht es um Stückzahlen und um Profit. Das Schlimmste bei der Arbeit ist, wenn man nachts im Bett liegt und die Finger und Arme brennen, weil sie überlastet sind. Die Menschen sind alle kaputt. Arbeit am Schlachtband ist wie Hochleistungssport. Das hält man nicht sein Leben lang aus. Die Leute arbeiten teilweise von nachts um zwölf bis mittags um zwölf. 

Der Lohn für diesen Job ist dagegen dürftig, oder? 

Früher wurden die Menschen dafür sehr gut bezahlt, aber das hat sich geändert. Mittlerweile sind fast alle über Subunternehmen angestellt. Die Lohnpolitik ist dürftig, der beste Mann kriegt zwölf Euro die Stunde, die meisten viel weniger. Die Arbeitskraft und der niedrige Bildungsstand werden gnadenlos ausgebeutet.

Bleiben diese zwölf Euro dann beim Arbeiter oder wird da nochmal was abgegeben für Subunternehmen? 

Das kommt drauf an. Wenn man über einen Werkvertrag angestellt ist, kann es sehr gut sein, dass da nochmal was weggeht. Oft wird am Ende dann nur der Mindestlohn bezahlt. Und mit den Sammelunterkünften wird dann auch noch mal ein Geschäft gemacht. Arbeitskleidung wird in den Betrieben, die ich kenne, gestellt und auch gereinigt, wenn man fest angestellt ist, aber bei den Werkvertragsarbeitern ist es anders. Die Messer zum Schlachten müssen viele selbst bezahlen, das sind dann nochmal gut 50 Euro pro Monat. Es gibt keine Nachtzuschläge, Überstunden werden nicht bezahlt, es gibt kein Urlaubsgeld. Viele der Werkarbeiter sind junge Männer, aber auch Menschen, die schon Mitte 50 sind, weil sie in ihrem Heimatland nur eine kleine Rente bekommen. Viele von ihnen haben eine Ausbildung als Fliesenleger oder Elektriker, und dann werden sie nach Feierabend teilweise noch ausgenutzt und kriegen dann dafür einen Beutel Fleisch oder ein bisschen Geld schwarz auf die Hand. 

Wie bewerten Sie die aktuellen politischen Entscheidungen, dass Werkverträge jetzt verboten werden sollen? 

Ich würde mir für alle Menschen, die in der Branche arbeiten, wünschen, dass das wirklich durchgezogen wird. Gleichzeitig sollten die Landwirte besser bezahlt werden. Gerade verdient nur das Schlachtunternehmen. Ich hoffe nicht, dass es sehr viele Ausnahmen gibt. Ich hoffe, dass die Großunternehmen endlich mal die Zeche zahlen für 25 Jahre Ausbeutung. 

„Alle wollen ihr billiges Rumpsteak auf dem Teller“

Die Zustände sind eigentlich schon lange bekannt – wieso hat sich so wenig getan? 

Weil die Politik nicht will, und die Unternehmen erst recht nicht. Die Menschen, die über Subunternehmen angestellt sind, haben oft eine Kündigungsfrist von vier Wochen. Alle sitzen auf dem Schleudersitz. Natürlich wollen die Unternehmen nicht, dass ein Betriebsrat gegründet wird, dass die Menschen sich organisieren. Das ist ihre größte Sorge. Eigene Mitarbeiter haben Ansprüche. Die Schlacht- und Zerlegebetriebe schreiben immer wieder aus und suchen sich neue Schlachtkolonnen, die noch billiger sind. Die werden dann einfach ausgetauscht. So wird die soziale Verantwortung für die Arbeiter auf den Subunternehmer ausgelagert, und der ist da nur zu wenig verpflichtet. Viele der Werkarbeiter schicken all ihren Lohn direkt in ihre Heimat zu ihren Familien, und das wird ausgenutzt. Das muss beendet werden. Für Leistung muss jeder gleich bezahlt werden. Alle müssen fest angestellt werden und einen Mindestlohn bekommen. Egal, woher jemand kommt und welchen Bildungsstand er hat. 

Was müsste sich sonst noch ändern? 

Wenn man wirklich durchgreifen will, dann müsste man die Betriebe richtig observieren und sich alle Bücher vorlegen lassen. Da läuft so viel schief. Eine Woche Probearbeiten ohne Lohn ist keine Seltenheit. Das ist gängige Praxis. 

Wie sieht es mit den Fleisch-Preisen im Supermarkt aus? 

Fleisch ist in Deutschland zu billig. In den vergangenen Jahren ist alles teurer geworden, Autos, Immobilien, alles. Beim Fleisch ist es genau das Gegenteil. Und die Unternehmen machen fette Gewinne, auf Kosten der Belegschaft, der Landwirtschaft, des Tierschutzes. Deutschland ist das Schlachthaus Europas. 50 bis 60 Prozent der Tiere, die geschlachtet werden, gehen ins Ausland. Das ist ein gewolltes System. Schon seit so vielen Jahren sagt die Politik, sie wolle was gegen diesen Missstand tun. Doch alle wollen ihr billiges Rumpsteak auf dem Teller. Es ist aber kein Problem, wenn das Kilo Fleisch am Ende mal einen oder zwei Euro mehr kostet. Ich bin nicht für einen Mindestpreis, wie ihn die Grünen fordern, sondern dafür, dass sich grundlegend etwas am System ändert. 

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