„Betten und Beatmungsgeräte alleine heilen keine Menschen“

Alexander Jorde ist Krankenpfleger und sagt: Wir sind noch nicht gut genug auf das Coronavirus vorbereitet.
Interview von Lara Thiede
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Alexander Jorde ist Krankenpfleger – und fordert bessere Bedingungen in der Pflege. Besonders jetzt, da das Coronavirus sich verbreitet.

Foto: Annette Hauschild

Alexander Jorde ist 23 Jahre alt und Krankenpfleger. Er wurde 2017 mit einem Fernsehauftritt in der ARD-Wahlarena bekannt, wo er Angela Merkel kritisch zum Pflegenotstand befragte. 2018 trat er in die SPD ein, 2019 veröffentlichte er sein Buch „Kranke Pflege. Gemeinsam aus dem Notstand“. Nun, da sich das Coronavirus verbreitet, fürchtet er eine Zuspitzung der Situation für Pflegekräfte. Er schreibt dazu auf Twitter: „Ich kann eines garantieren: Wir sind NICHT gut vorbereitet.“

jetzt: Alexander, du schreibst auf Twitter, dass Deutschland nicht gut auf das Coronavirus vorbereitet sei. Warum gehst du davon aus?

Alexander Jorde: Es gibt schon jahrelang Probleme, überhaupt die Grundversorgung in der Pflege sicherzustellen und ein Mindestmaß an Sicherheit für Patienten und Pflegende zu bieten. Wie soll das jetzt plötzlich alles funktionieren, obwohl es sehr bald sehr viel mehr Patienten geben wird? Die Politik schwärmt davon, dass wir ja im Gegensatz zu anderen Ländern genügend Betten und Beatmungsgeräte haben. Aber was nutzen Betten und Beatmungsgeräte, wenn es nicht genug Pflegkräfte gibt? Ohne uns können Patienten nicht behandelt werden. Denn diese Geräte müssen bedient werden, Patienten müssen versorgt werden. Betten und Beatmungsgeräte alleine heilen keine Menschen. 

„Was fällt weg? Der eigene Schutz oder die Versorgung der Patienten?“

Inwiefern bedeutet das Coronavirus dann Mehrarbeit für Pflegekräfte wie dich?

Wir stehen jetzt am Anfang der Pandemie und haben die ersten Fälle, noch ist es zu bewältigen. In den nächsten Tagen, Wochen und Monaten wird sich das aber sicher ändern und unser Arbeitsaufwand wird sich dramatisch erhöhen. Denn zum einen hat Jens Spahn die Personalvorgaben außer Kraft gesetzt, und damit auch die Vorgabe, dass wir nicht mehr als eine bestimmte Anzahl an Menschen betreuen dürfen. Zum anderen kostet es Zeit, die neuen hygienischen Anforderungen einzuhalten. Man muss die spezielle Schutzausrüstung ständig an - und ausziehen, noch häufiger Desinfektionsmaßnahmen durchführen. Zeit, die wir eigentlich nicht haben. Da muss man sich fragen: Was fällt weg? Der eigene Schutz oder die Versorgung der Patienten? 

Und wofür entscheidest du dich?

Der eigene Schutz muss natürlich oberste Priorität haben. Denn sind wir dabei nachlässig, könnten wir auch unser Umfeld und unsere Kollegen infizieren. Am Ende fallen so alle aus. Das darf in so einer Situation nicht passieren.

Könnt ihr euch denn gut schützen? Man hört ja immer wieder von Lieferengpässen und Menschen, die Desinfektionsmittel aus Krankenhäusern klauen.

Unsere Station ist nicht für jeden zugänglich, um reinzukommen, muss man klingeln. Daher kennen wir das Problem des geklauten Desinfektionsmittels nur begrenzt. Auf anderen Stationen ist das aber ein großes Thema – und das macht mich wütend. Denn so ein Verhalten ist egoistisch und rücksichtslos gegenüber dem Personal und den Patienten, die sich schützen müssen. Diejenigen, die das Desinfektionsmittel klauen erwarten, wenn sie im Krankenhaus sind, auch gut und sicher versorgt zu werden. Dann sollten sie uns nicht die Möglichkeit nehmen.  

Tatsächlich haben viele Krankenhäuser auch Lieferengpässe. Das führt dazu, dass wir oft Schutzausrüstungen tragen müssen, die nicht hundert Prozent sicher sind. Ich trage Kittel und Masken, die bestimmte Körperstellen wie beispielsweise den kompletten Hals frei und somit ungeschützt lassen. 

„Viele Kolleginnen und Kollegen in anderen Kliniken tragen den ganzen Tag über den gleichen Mundschutz “

Sorgst du dich auch um deine eigene Gesundheit? 

Jein. ich denke schon, dass ich mich auch infizieren kann. Aber ich bin jung und habe keine Vorerkrankungen. Ich mache mir aber Sorgen um meine Angehörigen. Einige kann ich nicht mehr besuchen. Und was ist mit älteren Kolleginnen oder solchen, die vielleicht chronische Atemwegserkrankungen haben? Diese haben ein höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf und auch bei mir ist es natürlich nicht ausgeschlossen.  

Was müsste passieren, dass ihr euch da sicherer fühlt?

Zum einen braucht es für alle Pflegekräfte gute Schutzkleidung. Wo ich arbeite, können wir Teile der Schutzausrüstung nach dem einmaligen Gebrauch verwerfen. Viele Kolleginnen und Kollegen in anderen Kliniken tragen aber beispielsweise den ganzen Tag über den gleichen Mundschutz und können ihn nicht nach jedem Patientenkontakt entsorgen. 

Außerdem fordere ich einen täglichen Abstrich für das Personal, das länger direkten Kontakt mit infizierten Patienten gehabt hat. Denn dann könnte das Virus vielleicht schon nachgewiesen werden, bevor wir andere anstecken. Wenn ich erst einen Abstrich machen kann, wenn ich Symptome zeige, habe ich doch schon längst andere infiziert. 

Wie ist die Stimmung auf eurer Station?

Viele fühlen sich nicht wertgeschätzt und von der Politik im Stich gelassen. 

Dabei werdet ihr gerade als „systemkritische Berufsgruppe“ bezeichnet. Also als diejenigen, die das System am Laufen halten müssen. 

Genau, das ist aber das Zynische daran. Die „systemkritischen Berufsgruppen“ sind merkwürdigerweise ja die, die am wenigsten soziale Anerkennung erfahren und noch dazu nicht ordentlich bezahlt werden: Pflegekräfte, Kassiererinnen und Kassierer, Müllabfuhr und alle anderen, die das öffentliche Leben am Laufen halten. Die Politiker stellen sich währenddessen vor die Kameras und danken uns, behaupten, sie seien dankbar für unsere Arbeit. Gleichzeitig werden Milliardenhilfen für die Wirtschaft geschaffen. Für uns gibt es nur warme Worte. Die reichen uns nicht. Einige Kollegen haben schon gesagt, dass sie das nicht mehr lange aushalten werden, wenn sich nicht bald etwas ändert.

„Den Leuten ist egal, was mit uns Pflegenden ist. Hauptsache wir funktionieren“

Siehst du das genauso? Denkst du auch darüber nach, den Beruf sein zu lassen? 

Ja, ich denke auch darüber nach. Ich fände daher einen Streik durchaus legitim – aber wir können das nicht so einfach machen wie in anderen Berufen, vor allem nicht zur Zeit. Dann heißt es wieder von überall: „Ihr seid so egoistisch, ihr lasst die Menschen sterben.“ Aber wir gehen doch kaputt an diesen Bedingungen – und sind offenbar die einzigen, die dazu etwas dagegen unternehmen wollen. Denn den Leuten ist egal, was mit uns Pflegenden ist. Hauptsache wir funktionieren. Sie hätten zwar nichts dagegen, dass wir mehr verdienen und bessere Arbeitsbedingungen haben – aber sie setzen sich auch nicht dafür ein. So kommen wir nicht weiter. Ich gefährde mich und meine Angehörigen täglich, dafür will ich auch entsprechend fair entlohnt werden. 

Was wünscht du dir besonders für die Zeit während der Pandemie von der Politik?

Zum einen muss die Kinderbetreuung für alle Pflegekräfte sichergestellt werden. Zum anderen müssen die entsprechenden Schutzmaßnahmen für uns getroffen werden. Ein wichtiges Thema ist dabei übrigens auch, dass unser Arbeitsschutz weiter bestehen muss, dass wir zum Beispiel Ruhezeiten einhalten müssen und dürfen. Es wird ja momentan diskutiert, ob wir überhaupt weiterhin Urlaub nehmen dürfen. Und das muss natürlich erlaubt sein. Denn wir müssen uns ja erholen können, um unsere Arbeit gut zu machen. Wer sich nicht erholt, geht kaputt an dieser Belastung.

Allerdings könnte es für diejenigen, die weiterarbeiten, auch höhere Belastung bedeuten, wenn Kolleg*innen Urlaub nehmen.

Wir sind auch Menschen. Auch wir haben Rechte. Dazu gehört auch Erholung nach Belastungen. Deshalb müssen wir so viele wie möglich gewinnen, die uns unterstützen. Das kann zwar niemand machen, der keine Expertise hat. Aber es gibt ja viele Menschen in Deutschland, die als Pflegekräfte ausgebildet sind – dann aber aus dem Beruf ausgestiegen sind. Wenn man den Beruf nun attraktiver gestalten würde, und das heißt natürlich auch mehr zu bezahlen, könnte man die bestimmt wieder zurückholen. Auch für Pflegekräfte, die momentan Teilzeit arbeiten, wäre das vielleicht ein Anreiz.

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