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Der Boss der Lieferdienst-Fahrer ist ein Algorithmus.

Foto: dpa

Mit dem Login begann das Wettrennen. Milan, der eigentlich anders heißt und heute 26 ist, schwang sich auf sein Fahrrad, fuhr mit seinem pinken Würfel-Rucksack auf dem Rücken zum ersten Restaurant. Dann immer dahin, wo die Foodora-App ihn hinschickte. 14 Kilometer pro Stunde schnell soll er laut App sein. „Am Anfang wurde alles gemessen – wann man sich einloggt, wann man am Restaurant ist, wie lange man beim Kunden ist, wie lange man vom Restaurant zum Kunden braucht.“ Ein Wettrennen gegen die App auf seinem Handy – die bemerkt über GPS-Tracking genau, wenn man sich fünf Minuten mal nicht bewegt. 

Und ein Wettrennen gegen die anderen Fahrer, die zur gleichen Zeit für Foodora in Bonn liefern. Alle zwei Wochen sieht Milan ein Ranking in seinen Mails: Wer schnell fährt, viel und am Wochenende arbeitet, schafft es in die oberen Prozent. Die dürfen sich als erstes neue Schichten aussuchen. „Andauernd wurde Konkurrenz geschaffen,“ sagt Milan. Weil er vom Radeln durch die Kälte dauernd krank war und ausfiel, fand er sich oft unter den letzten zehn Prozent wieder. 

Die Aufträge und Auswertungen verteilen keine Menschen. Ein Algorithmus ist der Betrieb – er beauftragt, trackt und vergleicht rund 2500 Foodora-„Rider“ in 34 deutschen Städten. Sie sind beim Unternehmen angestellt – als Werkstudenten, Mini- oder Midijobber, auf ein Jahr befristet, mit neun Euro Stundenlohn.

Beim Konkurrenten Deliveroo sind es etwa 1000 Rider in sechs Städten. Zwei davon waren Sarah Jochmann, 35, und Orry Mittenmayer, 26, in Köln. Sie gehen davon aus, dass deutschlandweit alle Deliveroo-Kuriere mittlerweile auf eigene Kappe arbeiten und nur über Provision Geld verdienen – für einen Lieferauftrag gibt es 5,50 Euro. Ein Algorithmus sucht den unmittelbar nächsten Fahrer aus und teilt ihm Aufträge zu. Gearbeitet wird nach algorithmischer Laune, ohne feste Strukturen, ohne Kollegen und Vorgesetzte zu kennen. Die Büroräume sind die Straßen. Alles läuft automatisiert und anonym. Wie der Algorithmus genau funktioniert, wissen die Rider nicht.

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Sarah und Orry von „Liefern am Limit“.

Foto: BR / Zündfunk Netzkongress

Gegen die Soloselbstständigkeit (die Selbstständigkeit von Leuten, die keine Beschäftigten haben), die ständige Überwachung und das, wie sie sagen, unfaire Leistungssystem wollen Sarah und Orry mit ihrer Initiative „Liefern am Limit“ vorgehen. Dass die Essenskuriere Fahrrad und Smartphone selbst stellen müssen, wollen sie auch ändern. „Liefern am Limit“ haben Sarah und Orry im Frühjahr 2018 gegründet, als sie beide schon nicht mehr für Deliveroo fuhren. Eigentlich wollten sie sich in einem Betriebsrat engagieren. Aber das war nicht so einfach.

Das anonyme Arbeitsmodell machte es für Sarah und Orry schwer, sich zu organisieren. „Als ich letztes Jahr bei Deliveroo angefangen hatte, gab es noch eine unternehmensweite Kommunikationsplattform, quasi wie ein schwarzes Brett. Als wir da eine Vollversammlung in Köln angekündigt haben, um Betriebsratswahlen abzuhalten, wurde die Nachricht nach einer halben Stunde gelöscht und der Chat bald ganz abgestellt“, erzählt Sarah. 

Deliveroo gab bekannt, dass die Abstellung des Chats nichts mit dem Betriebsratswunsch zu tun gehabt habe. Mit ihrer Idee eines Betriebsrats konnten Sarah und Orry nun nicht alle Kölner Fahrer erreichen, mussten irgendwie über WhatsApp weiterkommen.

Drei Monate war Orry Bietriebsrat. Dann verlängerte Deliveroo seinen Vertrag nicht

Bei Foodora und Deliveroo herrscht außerdem eine hohe Fluktuation. Viele Lieferanten wollen einfach nur flexibel arbeiten und nehmen hin, Reparaturen und Datenvolumen selbst zu zahlen zu müssen.

Im Sommer 2017 hatte Orry es geschafft, einen Betriebsrat zu gründen, drei Monate war er Mitglied. Dann verlängerte Deliveroo seinen Sechs-Monats-Vertrag nicht. Auch Sarahs Vertrag lief aus und sie konnte sich nicht zur Wahl stellen. Deliveroo verlängerte keinem der fünf Betriebsratsmitglieder. „Wir sind wehrlos gegen diese auf sechs Monate befristeten Verträge“, sagt Orry. Nach ein paar Monaten war das Projekt Kölner Betriebsrat begraben, die beiden raus. Innerhalb kurzer Zeit stellte Deliveroo sein System in Köln um: von der Anstellung zur Soloselbstständigkeit. Freelancer dürfen sich in einem Betriebsrat nicht engagieren. Deshalb gründeten Orry und Sarah „Liefern am Limit“.

Während die beiden für bessere Arbeitsbedingungen kämpften, reparierte Milan in Bonn sein Fahrrad, checkte den Wetterbericht und versuchte vor Fahrtbeginn möglichst viel zu essen. Während der Schicht blieb kaum Zeit für Pausen. Dass sich im 30 Kilometer entfernten Köln gerade auch ein Betriebsrat gründete, bekam er nicht mit. Rückblickend sagt er: „Ich hätte keine Ahnung gehabt, wie ich einen Betriebsrat hätte kontaktieren können.“ Eines hat der Foodora-Betriebsrat in Köln verändert: Die Schichten an die Fahrer werden hier nicht mehr nach Leistung vergeben – der Grund, aus dem Milan und die Rider in Bonn so unter Druck gerieten. 

Noch immer besteht der Kölner Foodora-Betriebsrat, einen weiteren gibt es in Hamburg. Auch hier lautet der Vorwurf der „Liefern am Limit“-Aktivisten: Das Unternehmen habe Betriebsräten die Verträge nicht verlängert, um deren Arbeit zu sabotieren. Foodora sagt gegenüber jetzt, dass sie über alle Einblicke und Hinweise ihrer beiden Betriebsräte sehr dankbar seien. 

Sarah und Orry können die Unternehmen, die gerade um den Markt in Deutschland kämpfen, gar nicht so leicht erreichen. Sarah meint: „Gewerkschaften haben Probleme, in Plattformen reinzukommen. Normalerweise ist ein Betrieb an einem Ort. Wenn man nur noch in der digitalen Welt, in der Plattform arbeitet, gibt es keinen festen Ort. Dafür gibt es überhaupt keine rechtlichen Regelungen.“

Start-ups wie Foodora und Deliveroo arbeiten mit dem Wirtschaftsmodell der Plattformökonomie. Auf ihren Plattformen kommen alle Aufträge der Kunden und der Restaurants zusammen. Die Plattform tritt dann mehr als Koordinator zwischen Kunden, Kurieren und Restaurants auf, statt als Arbeitgeber.

Vier Monate hat Milan nach seiner Kündigung auf die Kaution für den pinken Würfel-Rucksack gewartet

Im Sommer hat Milan aufgehört, für Foodora zu fahren. Vier Monate hat er nach seiner Kündigung auf die Kaution für den pinken Würfel-Rucksack und die pinke Kleidung gewartet. Andere bekamen sie gar nicht wieder, erzählt Milan. Er würde den Job nicht noch mal machen.

Trinkgeld, meint er, würde den Fahrrinnen und Fahrern am meisten helfen. Überhaupt: Direkt bei den Kunden wollen sie von „Liefern am Limit“ nun ansetzen, beim wenigen menschlichen Kontakt in der Plattformökonomie. „Wir versuchen jetzt, die Kunden zu informieren. Gerade die haben ja die Chance, die Rider, wenn sie ins Haus kommen und Essen bringen, aufzuklären“, sagt Orry. Wie realitätsnah dieser Gedanke ist, sei dahingestellt.

* Regina Steffens ist Schülerin der Deutschen Journalistenschule. Dieser Text ist entstanden im Rahmen des Zündfunk-Netzkongresses, dem Digital Kongress vom Bayerischen Rundfunk und der Süddeutschen Zeitung.

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