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Foto: Linda Rosa Saal

Franziska Seyboldt leidet seit ihrem zwölften Lebensjahr unter einer Angststörung. Jahrelang hat die Erkrankung ihr Leben eingeschränkt. Und jahrelang hat Franziska, 33, sie vor ihrem Umfeld versteckt. Bis 2016. Damals hat die Journalistin in einem taz-Artikel zum ersten Mal über ihre Erkrankung geschrieben. Jetzt hat sie ihre Geschichte in einem sehr berührenden Buch verarbeitet: „Rattatatam, mein Herz“ (Kiepenheuer & Witsch).

Darin beschreibt Franziska, was in ihr vorgeht, wenn die Angst sie ergreift. Mit wie viel Unverständnis Außenstehende dem Thema bis heute begegnen. Und sie personifiziert die Angst. Sie macht sie zu einer schelmischen Figur, die neben ihr im Kino hockt, ihr in der Kneipe zuprostet und immer dann auftaucht, wenn Franziska sie eigentlich nicht brauchen kann. Dadurch wirkt sie am Ende vor allem eines: weniger bedrohlich. Ein Gespräch über das Leben mit der Angst.

jetzt: Franziska, was hält die Angst davon, dass du mit mir und anderen Journalisten über sie sprichst?

Franziska Seyboldt: Sie ist stinksauer, das gefällt ihr überhaupt nicht. Die Angst findet ja, dass unsere Beziehung nur sie und mich was angeht. Sie hat mir jahrelang eingetrichtert, dass ich damit bloß nicht an die Öffentlichkeit gehen soll.

Was macht dein Buch also mit eurem Verhältnis?

Es hat sich einiges geändert, seit ich es geschrieben habe. Vorher habe ich die Angst nicht so personifiziert, sie war sehr abstrakt, nicht greifbar. Dadurch wirkt sie viel bedrohlicher. Für das Buch hatte ich dann das Gefühl, sie personifizieren zu müssen, damit die Leser verstehen, was die Angst umtreibt. Das hat zum einen wahnsinnig viel Spaß gemacht, weil ich sie mir zurechtschreiben konnte. Zum anderen, weil sie kein Monster geworden ist. Ich hab mittlerweile eine ziemlich klare Vorstellung von ihr.

„Angst ist etwas Wichtiges. Aber bei mir fing sie irgendwann an, gegen mich zu arbeiten“

Was ist sie für ein Typ?

Die Angst ist ein bisschen zickig und unheimlich besserwisserisch. Wie eine Art Comicfigur, das macht sie gewissermaßen auch lustig. Wenn ich heute in angsteinflößende Situationen komme, gelingt es mir manchmal, sie mir so vorzustellen, wie ich sie mir hingeschrieben habe. Dabei muss ich manchmal sogar ein wenig in mich hineinkichern.

Du warst zwölf, als du während eines Arztbesuchs ohnmächtig geworden bist. Im Buch sitzt sie danach neben dir auf der Liege. Ist sie dir damals zum ersten Mal begegnet?

Nein, aber bis dahin ist sie nur aufgetaucht, wenn sie mich beschützen sollte. Angst ist ja etwas sehr Wichtiges, jeder von uns kennt sie. Sie hält uns zum Beispiel davon ab, auf eine heiße Herdplatte zu fassen. Bei mir fing sie aber irgendwann an, gegen mich zu arbeiten. Sie ist mir immer wieder dazwischen gegrätscht, ohne dass ich sie darum gebeten hatte.

Wie ging es nach dem Arztbesuch weiter?

Ab dem Tag war auf jeden Fall eine große Angst vor Ärzten da, jeder Arztbesuch hat mich getriggert. Ich hatte Angst vor der Untersuchung, Angst davor, die Kontrolle zu verlieren, und hatte schon im Wartezimmer schwitzige Hände. Über die Jahre – das lässt sich schwer an Ereignissen festmachen – wurde das immer stärker. Die Angst ist dann auch zu anderen Anlässen mitgekommen. Es hat ihr nicht gereicht, beim Arzt dabei zu sein, sondern sie stand plötzlich mit mir auf der Bühne, wenn ich eine Aufführung mit dem Schulchor hatte oder beim Lesewettbewerb mitgemacht habe. Irgendwann ging sie auch mit ins Kino, ins Theater – sie hat sich immer mehr in mein Leben gedrängt.

Wie kam dir das als Jugendliche vor, wenn du plötzlich Angstzustände bekommen hast?

Ich glaube, ich konnte das damals noch nicht reflektieren. Mir war auch nicht klar, dass das eine Angststörung ist. Es gab nie diese Diagnose, die habe ich erst bekommen, als ich mit 24 das erste Mal zur Therapie gegangen bin. Vorher habe ich das als Lampenfieber abgestempelt, weil es oft bei Auftritten vorgekommen ist. Dass es aber ein krankhaftes Lampenfieber ist, wenn man Panik hat, ohnmächtig zu werden, das wurde mir erst später klar.

„Ich hab das früher immer lapidar ,Angstscheiß' genannt“

Was geht in dir vor, wenn die Angst eintritt?

Das ist ein bisschen, als wäre ich gar nicht mehr dabei. Ein ganz gutes Beispiel: meine Zwischenprüfung an der Uni. Da musste ich einen Vortrag halten und irgendwann hat es sich angefühlt, als würde ich neben mir stehen. Als wäre ich doppelt und würde mir beim Reden zuhören. Da dachte ich: „Krass, du spulst hier dein Programm ab, bist aber gar nicht mehr da.“ Man funktioniert aber trotzdem irgendwie. Eigentlich hat nie jemand gemerkt, dass ich nervös war.

Auch deine Eltern nicht?

Doch, klar. Die waren und sind auch immer noch sehr verständnisvoll und unterstützend. Aber das Wort „Angststörung“ wurde damals in unserer Familie nicht benutzt, und meine Eltern haben mich auch nicht zur Therapie geschickt. Ich hab das früher immer lapidar „Angstscheiß“ genannt: „Dieser Angstscheiß, den ich da hab.“ Mir war das auch wahnsinnig peinlich. Während der Pubertät wussten das nur meine Eltern und meine engste Freundin.

Wann wurde dir bewusst, dass du ein Problem hast?

Nachdem ich angefangen hatte, bei der taz zu arbeiten und in die große Redaktionskonferenz gehen musste, wo sehr viele Menschen im Kreis saßen. Ich musste da regelmäßig was sagen, meistens am Ende. Eigentlich keine schlimme Situation, trotzdem war ich immer wahnsinnig aufgeregt. Dann kam dieser eine Tag, als ich wieder in der Konferenz saß, drauf gewartet habe, bis ich dran bin, und dachte: Okay, ich kippe jetzt um, ich merke es schon. Mein Kopf wurde heiß, vor meinen Augen flimmerten Sternchen. Ich bin dann rausgegangen und habe so getan, als müsste ich zur Toilette. Dort hab ich mir kaltes Wasser über die Hände laufen lassen und mir war klar: So geht’s nicht weiter, entweder kündigen oder Therapie.

Die du dann mit 24 gemacht hast. Warum nicht früher?

Wenn man in Therapie geht, gesteht man sich ein, dass man ein Problem hat. Den Schritt war ich lange nicht bereit zu gehen, stattdessen habe ich die Angst verdrängt. Als ich dann zum ersten Mal die Diagnose bekommen habe, dachte ich: Shit, jetzt hab ich also eine psychische Erkrankung.

Wie reagieren die Menschen, wenn sie von deiner Angststörung erfahren?

Die meisten sind erst mal erstaunt. Ich weiß noch, wie ich vor ein paar Jahren mal einer engen Freundin einen Abend lang davon erzählt habe. Sie war total überrascht, weil ihr nicht klar war, in welchem Ausmaß mich das belastet. Wenn mich Leute kennenlernen, denken sie oft: Die ist lacht viel, die ist total fröhlich. Wenn ich dann erzähle, was mich eigentlich umtreibt, ist die Diskrepanz umso größer.

Ich nehme an, dir ist auch oft Unverständnis begegnet.

Absolut. Das war auch der Grund, warum ich ganz lange nicht darüber gesprochen habe und das nur mein engster Kreis wusste. Ich glaube, hinter diesem Unverständnis steckt oft gar kein böser Wille. Manche Menschen sind so weit weg von diesem Thema, die können das einfach nicht nachvollziehen.

Dabei leidet in Deutschland etwa jeder sechste Mensch im Laufe seines Lebens unter einer Angststörung. Warum ist die für Außenstehende so schwer zu verstehen?

Weil die Angststörung im Vergleich zur Angst nicht in Situationen auftritt, die objektiv betrachtet gefährlich sind. Wenn zum Beispiel ein Einbrecher in eine Wohnung eindringt, ist für jeden nachvollziehbar, dass man Angst bekommt. Dass man aber während einer U-Bahnfahrt Angst hat, ist für Leute, die das noch nicht gespürt haben, total abwegig. Die denken sich: Hier passiert doch nichts, wo ist das Problem? Als Betroffene lässt sich das auch total schwer vermitteln, man weiß ja selbst nicht genau, woher das kommt.

An einer Stelle im Buch schreibst du: „Ich will verstehen, warum die Angst von meinem Freund zu meinem Feind wurde.“ Hast du das heute verstanden?

Eigentlich immer noch nicht, wenn ich ehrlich bin. Eine Angststörung ist ja ein Symptom für etwas Tieferes, da können viele Sachen mit reinspielen: Erziehung, Genetik, möglicherweise ein traumatisches Erlebnis. Ich glaube aber nicht, dass es gut ist, immer nur in der Vergangenheit zu wühlen. Natürlich ist es wichtig, sich damit zu beschäftigen, das habe ich in meiner zweiten Therapie auch gemacht. Aber ab einem bestimmten Punkt muss man sich fragen: Was kann ich jetzt ändern? Was kann ich für die Zukunft besser machen?

„Es ist erleichternd, dass ich meine Energie nicht mehr drauf verwenden muss, die Angststörung zu verstecken“

Wie hast du es denn geschafft, mit der Angst zu leben?

Der erste Schritt war, zu akzeptieren, dass sie da ist, statt sie zu verdrängen. Später meinte eine Freundin, die Psychologie studiert hat, dass das nicht reicht: „Du musst einen Schritt weiter gehen und lernen, die Angst zu lieben.“ Das hört sich erst mal völlig absurd an. Die Angst, die einem schon so viele Probleme bereitet hat, soll man auch noch lieben? Heute sehe ich den Punkt, den sie damals gemeint hat: Man muss hinter die Angst gucken. Sie ist nicht da, um mir zu schaden. Sondern um mir zu zeigen, dass ich zu viel Stress habe, dass ich wieder mehr auf mich achten sollte. Auf gewisse Art ist sie also nach wie vor da, um mich zu beschützen – sie zeigt es nur auf eine richtig bescheuerte Art. Diese Erkenntnis hat sehr geholfen.

Inzwischen hast du deine Angststörung öffentlich gemacht. 2016 mit einem Artikel in der taz, jetzt noch ausführlicher mit deinem Buch. Was hat sich dadurch geändert?

Es ist wahnsinnig erleichternd, dass ich meine Energie nicht mehr drauf verwenden muss, die Angststörung zu verstecken. Das frisst nämlich sehr viel Kraft. Wenn man stattdessen die Maske fallen lässt und den Leuten zeigt, wer man ist, fühlt man sich danach sehr gut.

Hattest du Sorgen, dass es auch negative Folgen haben könnte?

Nein, weil ich schon vor dem taz-Artikel zwei Jahre drüber nachgedacht habe. Ich hab mir das gut überlegt, hatte zu dem Zeitpunkt auch schon mehrere Therapien hinter mir. Wenn ich mir nicht sicher gewesen wäre, hätte ich es nicht gemacht.

 

Wie schränkt dich die Angst heute noch ein?

Deutlich weniger als früher. Die Flugangst zum Beispiel bin ich komplett losgeworden. U-Bahnfahren ist auch kein Problem mehr. Manchmal gibt es noch Tage, an denen sie mich belastet. Dann treffe ich Freunde zum Beispiel lieber zu Hause als in der Bar, um nicht in eine Situation zu kommen, die bei mir etwas triggern könnte. Wenn man gelernt hat, mit der Angst zu leben, kann man sie als Indikator sehen, der einem zeigt, wie es einem geht, ob man möglicherweise überlastet ist. Wie eine Warnlampe im Auto, die blinkt, wenn der Tank bald leer ist.

 

Fragst du dich manchmal, wie es wäre, wenn sich die Angst verziehen würde?

Darauf warte ich nicht, das ist vergeudete Lebenszeit. Ich genieße lieber die Zeit, in der sie nicht da ist. Und wenn sie da ist, versuche ich, über sie zu lachen.

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