„Gynformation“ empfiehlt der queeren Community sensible Gynäkolog*innen

Aus Angst vor schlechter Behandlung lassen sich viele queere Menschen nicht untersuchen. Das muss sich ändern, sagen Lena und Alina.
Von Sophie Aschenbrenner

Nicht für alle Menschen ist der Behandlungsstuhl ein sicherer Ort. „Gynformation“ will das ändern.

Illustration: FDE

„Eigentlich“, sagt Franka am Telefon, „sollten alle Gynäkolog*innen sensibel und offen sein.“ Eigentlich. Denn sie schiebt hinterher: „Aber leider ist das nicht so.“ Die 19-jährige Musikerin aus Berlin ist trans. Vor wenigen Wochen wurde sie operiert und bekam eine Neo-Vagina, war dann bei einer Ärztin, hatte eigentlich viele Fragen. Die stellte sie aber nicht. Denn die Ärztin machte allein durch ihr unsensibles Auftreten bei der Behandlung das gute Körpergefühl, das Franka eigentlich endlich hatte, komplett zunichte. „Nach dem Termin hatte ich Schmerzen und ich habe mich schrecklich gefühlt“, erzählt sie.

Für die meisten Menschen ist der Besuch bei Gynäkolog*innen zumindest mit Überwindung verbunden. Kein Wunder, immerhin ist man dabei ziemlich nackt, ziemlich verletzlich – und noch dazu geht es oft um essentielle Fragen: um Schwangerschaftsabbrüche oder einen Kinderwunsch, um Sexualität oder darum, ob man weiterhin hormonell verhüten möchte und ob man komplett gesund ist. Deswegen ist es wichtig, sich auf dem Behandlungsstuhl sicher und ernstgenommen zu fühlen. 

Damit das mehr Menschen möglich ist, haben Alina und Lena die Plattform „Gynformation“ gegründet. Dort werden Gynäkolog*innen empfohlen, die achtsam und sensibel sind, die sich mit queeren Menschen auskennen, aber nicht ausschließlich. „Wenn es um Familie und Sexualität geht, dann sind die binären Ideen von Geschlecht vorherrschend. Viele Gynäkolog*innen denken trans Menschen nicht mit. Dabei müssen sie genauso wie cis Menschen gynäkologische Behandlung in Anspruch nehmen und dabei genauso selbstbestimmt entscheiden dürfen“, sagt Lena am Telefon gegenüber jetzt. Es werde immer davon ausgegangen, dass nur cis Frauen zum Gynäkologen oder zur Gynäkologin gehen, „die nur mit cis Männern schlafen. So ein Quatsch.“ 

Wer jemanden empfehlen möchte, füllt einen detaillierten Fragebogen aus

Hinter „Gynformation“ steht ein Kollektiv aus Menschen, die eine trans-inklusive, queer-feministische und antirassistische Haltung teilen. Alle arbeiten ehrenamtlich an „Gynformation“.  Auch Lena und Alina sind queer, auch sie haben schon schlechte Erfahrungen gemacht. Auf der Plattform werden nach Kategorien Ärzt*innen empfohlen, jeder Mensch kann jemanden vorschlagen. Geteilt werden ausschließlich positive Empfehlungen, keine negativen Bewertungen wie auf anderen, allgemeinen Bewertungsplattformen von Ärzt*innen. 

Wer jemanden empfehlen möchte, füllt einen detaillierten Fragebogen aus. Dieser wird dann von verschiedenen Personen aus dem Kollektiv sorgfältig geprüft. Das nimmt zwar viel Zeit in Anspruch, ist den Aktivist*innen aber wichtig, betont Alina. Hat jemand schlechte Erfahrungen mit einer auf der Plattform empfohlenen Person gemacht oder möchte, dass ein Arzt oder eine Ärztin dort nicht auftauchen, wird das geprüft beziehungsweise der Beitrag offline genommen. Alle Daten über behandelnde Ärzt*innen, die auf der Seite verfügbar sind, sind online ohnehin zu finden. Neu sind nur die Informationen über die Behandlungserfahrungen der Patient*innen, als deren Interessenvertretung sich das Kollektiv versteht. Die Suche lässt sich dann nach Bundesland, Behandlungsmethode und Personengruppe filtern. Gesucht werden können zum Beispiel auch Ärzt*innen, mit denen rassifizierte Menschen gute Erfahrungen gemacht haben, oder Ärzt*innen, die sich mit dem Körper von trans Personen besonders gut auskennen.

Franka findet, dass das Angebot eine Lücke schließt, die sich dringend schließen müsse: „Ich kenne viele, die gar nicht mehr zu gynäkologischen Untersuchungen gehen, auch wenn sie Schmerzen haben. Sie haben so viele schlechte Erfahrungen gemacht, haben Angst, mit falschem Pronomen angesprochen zu werden, misgendert zu werden.“ Sie selbst informiere sich bisher vor allem in geschlossenen, sicheren Telegram-Gruppen, wenn sie eine Praxis sucht.

Viele trans Personen machen im Behandlungszimmer schlechte Erfahrungen – denn viele Ärzt*innen kennen sich zu wenig aus

Die Idee einer Plattform, die sensible Gynäkolog*innen empfiehlt, kommt aus Paris. Alina hat dort länger gelebt und die Gründerinnen getroffen. Als sie 2016 nach Hamburg zog, gab es etwas Vergleichbares in Deutschland nicht. Das sollte sich ändern: „Wir wollen eine vertrauensvolle, transparente, kompetente Beratung, keine Diskriminierung.“ Lena sagt: „Es geht darum, dass mit Menschen sensibel umgegangen wird, die rassifiziert werden, die HIV positiv sind, die trans sind, die eine Behinderung haben, die als Sexarbeiter*innen arbeiten. Dass mit queeren Paaren aller Art sensibel umgegangen wird. Das ist leider noch immer viel zu oft nicht der Fall.“

Auch Maya, die trans ist und mit ihrer Partnerin zusammen auch Kinder hat, findet eine queerfreundliche Informationsplattform zur Gynäkologie eine gute Idee: „Es kann Menschen ermutigen, sich ärztlichen Rat zu holen, die das sonst aufgrund zu erwartender Diskriminierung womöglich aus gutem Grund nicht trauen.“ Sie selbst habe Glück mit ihrem Gynäkologen: „Ich wurde gut behandelt und es war auch eine positive Neugierde an meiner medizinischen Transition da. Zum Beispiel hat er per Ultraschall festgestellt, dass in meiner Brust tatsächlich Drüsengewebe wächst, nicht nur Fettgewebe, und ich daher zukünftig stillen könnte. Das war schon ziemlich cool. Negativ ist mir nur aufgefallen, dass er halt nicht gerade gut in den Begrifflichkeiten der trans Community geübt war und sich dadurch etwas unbeholfen cissexistisch ausgedrückt hat.“

Das erzählt auch Franka von ihrem Besuch bei der Gynäkologin: „Sie sprach die ganze Zeit von ,normalen‘ Frauen im Gegensatz zu uns trans Frauen. Ich habe bei Ärzt*innen ohnehin immer Hemmungen, etwas zu sagen, wenn sie sich zum Beispiel unsensibel ausdrücken, da das Autoritätsverhältnis so groß ist.“

Alina und Lena hoffen, dass sich solche Erfahrungen durch ihre Plattform zumindest vermeiden lassen. Damit die Betroffenen auf Ärzt*innen treffen, die verständnisvoll und sensibel sind – egal, wen ihre Patient*innen lieben und welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen.

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