„Ich bin einfach ein normaler Dude“

Auf seinem Debütalbum „Boys Toys“ thematisiert Mavi Phoenix sein Coming-out als trans Mann.
Interview von Florian Kölsch

Foto: Nils Müller

Noch vor wenigen Jahren startete Mavi Phoenix als Frau in der österreichischen Musikszene durch und galt schnell als Speerspitze eines neuen feministischen Pop. Vergangenes Jahr outete Mavi sich dann in einem Musikvideo als trans Person. Im Video sprach er über Geschlechterfragen, die ihn schon seit Kindestagen begleiten – und denen er sich nun öffentlich stellt. Im Januar dieses Jahres machte er sein Coming-out als trans Mann auf Instagram öffentlich. Man darf ihn gerne Mavi oder Marlon nennen.

Am 3. April erscheint nun mit „Boys Toys“ die erste LP des Wahl-Wieners. Einflüsse aus RnB, Hip-Hop, Rap und Rap-Rock werden darauf zu einem ureigenen Stil vermengt. Der Großteil der Songs ist in der Phase nach seinem Trans-Coming-out im Musikvideo zu „Bullet In My Heart“ entstanden. Nicht zuletzt deswegen ist „Boys Toys“ ein Konzeptalbum über das eigene Coming-out geworden.

jetzt: In den vergangenen Monaten hattest du zwei Coming-out-Momente. Wie war es, damit an die Öffentlichkeit zu gehen?

Mavi Phoenix: Für mich persönlich war es natürlich schon länger ein Thema. Ich habe damals bei „Bullet In My Heart“ schon gewusst, dass es darauf hinauslaufen wird, dass ich als „er“ angesprochen werden möchte. Zu dem Zeitpunkt habe ich das nur noch nicht so klar gesagt. Einfach aus Angst. Deswegen habe ich es noch ein bisschen offengelassen und den Leuten die Möglichkeit gegeben, zeitgleich mit mir die Entwicklung zu machen. Die Reaktionen auf meinen Post waren dann durchwegs positiv. Es gab ein bisschen stillen Protest, ich habe Follower verloren. Das verstehe ich aber auch, weil sich ja die Fans mit einem auch neu orientieren.

„Boys Toys“ ist ein sehr privates Album geworden, mit extrem persönlichen Lyrics. Hast du jemals gedacht, dass du dich in deiner Musik derart persönlich zeigen würdest?

Niemals. Eigentlich war ich davor eher vage, was ganz persönliche Sachen anging. Sobald der Knoten bei mir geplatzt ist, dass ich transgender bin, dass ich schon mein ganzes Leben lang in meinem Kopf ein Typ bin, war es für mich leichter, persönlich zu werden. Auf einmal waren so viele Themen da, über die ich schreiben kann, über die ich etwas zu sagen habe. Es lag dann auf der Hand, dass man darüber ein Album macht. Für mich ist „Boys Toys“ ein Coming-of-Age-Album.

In „12 Inches“ adressierst du deine Eltern: „One week since I dropped Bullet and daddy didn’t say a word, that’s the spirit“.

Die Zeile ist echt hart. Also auch für mich, ich habe echt ein schlechtes Gewissen. Mein Vater hat mich tatsächlich gestern angerufen und gesagt: „Hey, was ist mit dem Song?“. Er kannte ihn vorher nicht. Als ich „12 Inches“ geschrieben und aufgenommen habe, war das für mich einfach voll nice mal wieder zu rappen. Ich hatte aber nie geplant, das Lied zu veröffentlichen. Aber Alex (Alex The Flipper, Anm. d. Red.), mein Produzent, meinte, dass ich den doch rausbringen müsse. Ich habe darüber nachgedacht und mir gesagt: Der Song ist so ehrlich, den braucht es für diese Neuaufstellung. Deswegen habe ich ihn dann auch so gelassen, in seiner Rohheit, wie er halt ist.

Wie haben deine Eltern auf dein Coming-out reagiert?

Für meine Familie war das natürlich nicht leicht. Als ich es zum ersten Mal bei ihnen ansprach, hatte ich es zeitgleich auch schon öffentlich gemacht – weil ich mir schon so sicher war. In der von dir zitierten Textzeile geht es ja eigentlich darum, dass man nicht miteinander spricht – „That’s the spirit“. Man verdrängt Sachen. Meine Familie, das sind wirklich sehr offene Menschen und ich kann mit ihnen auch wahnsinnig gut reden. Aber bei dem Thema hat man gemerkt, dass es keine Berührungspunkte gibt. Keiner wusste so recht, wie er den ersten Schritt machen sollte. Aber an und für sich sind meine Eltern gar nicht konservativ. Ich glaube, das ist eher ein Kommunikationsproblem, das vielleicht viele von uns kennen.

„Für meine Zukunft würde ich mir wünschen, dass ich kein trans Mann bin, sondern einfach ein Mann“

Früher stand Mavi Phoenix besonders für einen „new feminist pop“, der eine neue weibliche Generation vertreten hat.

Es war auf jeden Fall so. Wenn man Mavi Phoenix beschreiben sollte, hieß es gleich: Mavi Phoenix ist eine weibliche Künstlerin aus Österreich, macht Pop auf Englisch und klingt international. Für mich war das immer schwer und ich bin auch sehr in diese Rolle gedrängt worden. Ich habe auch nie etwas dagegen gesagt. Es gibt ja Rapperinnen, die voll damit spielen, dass sie weiblich sind, die über „Pussy Power“ rappen oder so ...

... „Boss Bitch“ und solche Sachen.

Ja, genau. Was ja voll cool und wichtig ist für Frauen, gerade für junge Mädchen. Ich habe das nie gemacht, weil ich es einfach nicht gefühlt habe. Das war dann auch der Grund, warum ich es so schnell öffentlich gemacht habe, dass ich trans bin. Ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr so in der Öffentlichkeit stehen möchte als Frau.

Auf dem Album werden auch Rollenbilder thematisiert. Du erwähnst, dass du gerne als „average guy“ wahrgenommen werden würdest, aber von außen trotzdem als „freak“ gesehen wirst. Was macht für dich einen „average guy“ aus?

Für meine Zukunft würde ich mir wünschen, dass ich kein trans Mann bin, sondern einfach ein Mann. Der Song war einfach ein Schrei, der gehört werden soll: Ich bin einfach ein normaler Dude. Man kann sich das nicht so richtig vorstellen, weil ich halt als Frau gelebt habe, als Frau geboren bin und biologisch eine Frau bin. Man braucht auch nicht glauben, dass ich als trans Mann irgendwie weiblicher oder mehr Frauenversteher bin. Das stimmt einfach nicht. Normalerweise wollen die Menschen immer „unique“ sein, wollen besonders sein und auffallen. Ich will einfach dazugehören und mehr oder weniger normal sein. Das ist mein Wunsch.

„Ich entscheide mich ja nicht proaktiv, dass ich jetzt ein Mann bin. Sondern das bin ich ja sowieso“

Wirst du durch dein Trans-Coming-Out in der Musikszene oder bei Kollegen*innen – beispielsweise auch in Österreich – anders wahrgenommen?

Ich glaube, bei einigen kommt es jetzt erst noch an. Deswegen wird es auch jetzt spannend mit dem Album und in den nächsten Monaten. Ein anderer Journalist hat zu mir gesagt, dass jetzt ja gerade eine schlechte Zeit sei, ein Mann zu sein. Das fand ich irgendwie interessant, weil ich ja eh schon den Gedanken hatte, dass es am Anfang gut für Mavi Phoenix war, eine Frau zu sein.

Was war der Hintergrund der Aussage des Journalistenkollegen? War es sowas wie: Lizzo und Billie Eilish sind gerade angesagt, warum wirst du jetzt zum trans Mann?

So wird er es irgendwie gemeint haben. Es ist ja gerade ein „rise of female artists“ zu beobachten. Ich habe ihm dann aber auch gesagt, dass er nicht ganz verstanden hat, was transgender bedeutet. Ich entscheide mich ja nicht proaktiv, dass ich jetzt ein Mann bin. Sondern das bin ich ja sowieso. Ich entscheide mich nur dazu, es zu leben. Für mich war da einfach nur wichtig, wie ich jetzt weiterlebe, so dass es für mich passt. Da habe ich nicht eine Sekunde an meine Karriere gedacht, sondern mehr an mein Leben generell.

Stört es dich eigentlich, dass dein Coming-out nun ständig Thema ist und du, auch in Interviews wie diesem, darüber reden musst?

Derweil stört es mich noch nicht, weil sich ja auch das Album damit beschäftigt. Ich freue mich, wenn ich etwas zur Repräsentation von trans Menschen beitragen und vielleicht auch ein paar Berührungsängste verschwinden lassen kann. In ein paar Jahren wird es wahrscheinlich auch anders aussehen.

„Boys Toys“ von Mavi Phoenix erscheint am 3. April als CD, Vinyl und digital bei LLT Records (Broken Silence).

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