Diese Fotos zeigen, wie sich ein Leben mit Endometriose anfühlt

Hannah Zint will durch Porträts aufklären und den Betroffenen der Krankheit zeigen, dass sie nicht alleine sind.
Von Sophie Aschenbrenner
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Hannah Zint will durch ihre Fotos verdeutlichen, wie sich ein Leben mit der Krankheit anfühlt.

Foto: Hannah Zint

Jährlich erkranken etwa 30 000 Frauen in Deutschland neu an Endometriose – nach neueren Schätzungen könnten es sogar 40 000 sein. Endometriose ist eine chronische, sehr schmerzhafte Erkrankung. Hannah Zint, Fotografin, ist eine der Betroffenen. In ihrer Fotoserie „Hey Emma“ beschäftigt sie sich auch künstlerisch mit der Krankheit. 

Bei Betroffenen von Endometriose tritt im Bauchraum Gewebe auf, das der Gebärmutterschleimhaut (Endometrium, daher auch der Name) ähnlich ist. Es siedelt sich dort an unterschiedlichen Stellen an, betroffen können die Eierstöcke, der Eileiter, die Blase, der Darm oder das Bauchfell sein. Die Erkrankten haben in den Tagen ihrer Menstruation starke Schmerzen. 

Endometriose ist noch immer ein Tabuthema, auch, wenn in den vergangenen Jahren mehr über die Krankheit berichtet und aufgeklärt wird. Oft wird sie nicht oder sehr spät diagnostiziert, ein wirksames Heilmittel gibt es nicht. Hannah half das Fotografieren. Wenn schon nicht gegen die Schmerzen, dann zumindest dabei, besser mit der Situation umzugehen. 

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Die Serie setzt sich künstlerisch mit der Krankheit auseinander.

Foto: Hannah Zint
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Foto: Hannah Zint
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Foto: Hannah Zint
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Foto: Hannah Zint

Für ihre Serie „Hey, Emma“ porträtierte die 24-jährige Fotografin verschiedene Frauen und setzte sich so künstlerisch mit dem Thema auseinander. Alle Bilder sind inszeniert und zeigen die Wahrnehmung der Künstlerin, betroffen von Endometriose sind die Frauen auf den Fotos nicht. „Sie zeigen auf künstlerische Art und Weise die Schmerzen und den Umgang mit der Krankheit“, sagt Hannah. Der Start war ein Selbstporträt, erzählt sie im Interview mit jetzt.  Es machte ihr deutlich, wie hilfreich der fotografische Umgang mit der Krankheit für sie ist. 

„Ich habe nach dem Abschluss der Serie gemerkt: Je offener ich selbst über das Thema spreche, desto offener werden andere Menschen.“ Sie habe immer extreme Schmerzen gehabt, aber gedacht: „Es ist halt so.“ Nach dem Abschluss der Serie meldeten sich viele betroffene Frauen bei der Fotografin, die durch die Fotografien ermutigt wurden. Einige von ihnen leiden an Endometriose, andere an anderen chronischen Krankheiten. So entstand eine zweite Serie: Derzeit fotografiert Hannah Zint verschiedene Frauen, die alle an einer Krankheit leiden. Oft habe sich beim Fotografieren eine starke Bindung entwickelt, sagt Hannah: „So viele Frauen, die ich fotografiert habe, sagen mir, dass die Shootings ihnen sehr geholfen hätten.“

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Wer unter Endometriose leidet, fühlt sich oft allein mit dem Schmerz, erzählt Hannah.

Foto: Hannah Zint
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Foto: Hannah Zint
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Foto: Hannah Zint
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Foto: Hannah Zint

Hannah Zint kommt aus Hamburg und studiert derzeit in Potsdam Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie. Mit dem Fotografieren begann sie erst vor etwa einem Jahr, die Serie „Hey, Emma“ ist ihre erste. Die Fotoserie beschäftigt sich mit den körperlichen Schmerzen, der psychischen Belastung und dem Umgang mit Endometriose. „Ich habe Fotografie schon immer geliebt“, sagt sie. Zu fotografieren bedeute für sie auch, Menschen näher zu kommen. 

Hannah geht es um den gesellschaftlichen Umgang mit Endometriose

„Ich will mit meinen Bildern sozial relevante Themen ansprechen“, sagt Hannah. Ihre Fotos sollen auch einen Beitrag zur Aufklärung leisten. Zeigen: Endometriose ist normal. Darüber zu sprechen ist wichtig. Auf den Bildern sieht man Frauen, die sich auf einem Bett zusammenrollen oder nackt in der Badewanne sitzen, die verletzlich wirken – aber auch Frauen, die direkt und starr in die Kamera schauen. Man sieht eine Hand, die den Bauch zusammenkneift, in dem dringenden Wunsch, so die Schmerzen verschwinden lassen zu können. Und Frauen, die einander in den Armen liegen. Die Fotos sind clean, das Setting schlicht. Sie machen den Schmerz auf eine nicht plakative Weise greifbar. Und helfen auch Nicht-Betroffenen, die Krankheit zumindest etwas besser zu verstehen. 

Auch die laufende Serie soll unsichtbare Krankheiten sichtbarer machen. Derzeit steht Hannah mit vielen Frauen im Austausch. Jede der Betroffenen bringe einen anderen Blick mit. „Wenn man unter einer chronischen Krankheit leidet, dann fühlt man sich oft so schwach. Mir hat ein Shooting geholfen, mich stark zu fühlen. Deswegen habe ich Shootings angeboten“, sagt Hannah. Mit den Frauen spricht sie auch über deren Geschichte, den Verlauf der Krankheit, den Umgang damit und hält diese Erfahrungen in Interviews fest. Vor allem an das erste Shooting erinnert sich Hannah genau: „Sie war am Anfang unsicher und wurde dann so stark. Das hat mich so berührt. Ich habe gemerkt: Ich kann wirklich was damit erreichen. Man hat ihr angesehen, dass sie so viel durchgemacht hat.“ Die Fotografin will durch das Projekt vor allem andere Frauen ermutigen und ihnen zeigen: Ihr seid nicht alleine. 

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Hannah will mit ihrer Arbeit andere bestärken und empowern.

Foto: Privat

Außerdem könnten die Projekte dazu beitragen, „das Unsichtbare sichtbar machen“, wie Hannah es nennt: „Fotografie kennt keine sprachlichen oder sozialen Grenzen. In jedem Menschen löst ein Bild etwas ganz Neues aus. Viele sehen ihre eigene Geschichte in den Bildern.“ 

Doch es gehe nicht nur um die einzelnen Frauen, sondern um die Gesellschaft und den Umgang mit Endometriose und anderen chronischen Krankheiten. Noch immer werde es als normal angesehen, dass Menschen während der Periode starke Schmerzen hätten: „Viele werden nicht ernst genommen und als überdramatisch bezeichnet.“ Dabei sei Endometriose eine extrem schmerzvolle Erkrankung. Dazu kommt: Endometriose-Schmerzen werden oft falsch oder viel zu spät diagnostiziert. Deswegen hat Hannah auch langfristig einen Wunsch: „Niemandem soll es schwer fallen, darüber zu reden. Das Tabu muss enden und die Krankheit besser erforscht werden.“ 

Auch für ihre künftige Arbeit ist Hannah die Enttabuisierung psychischer und physischer Krankheiten ein großes Anliegen. Darüber hinaus möchte die Fotografin mit ihrer Arbeit auf gesellschaftlich relevante Themen wie die Gleichstellung der Geschlechter und Unterdrückung, Gewalt und Armut aufmerksam machen. „Mein Traum ist es, mit meiner Kamera das einzufangen, wo Gesellschaft und Politik wegsehen“, sagt sie. Ein Vorbild: der griechische Dokumentarfotograf Angelos Tzortzinis, dessen Foto vergangenes Jahr als Unicef-Foto des Jahres ausgezeichnet ausgezeichnet wurde. Darauf zu sehen: Kinder, die aus dem brennenden Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos fliehen.

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