Bianca Taube porträtiert Menschen auf Distanz

Ihr Projekt „Fenstergast“ fängt die Stimmung vieler Menschen während der Corona-Krise einfühlsam ein.
Von Sophie Aschenbrenner

Foto: privat

Distanz – das ist wohl eines der Wörter, die wir in den vergangenen Wochen besonders oft verwendet, gehört und gelesen haben, und das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben. Distanz wahren im Supermarkt, auf der Parkbank, wenn man zufällig auf der Straße eine Freundin trifft. Viele Menschen belastet dieses Gebot des Abstand-Haltens. Die Münchner Fotografin Bianca Taube versucht, aus „Social Distancing“ trotzdem etwas Gutes zu machen. Für ihr Projekt „Fenstergast“ besucht und fotografiert sie Menschen daheim, getrennt durch eine Fensterscheibe. Und schafft so ein ganz eigenes Abbild der aktuellen Situation. 

Dieses Fenster ist der Übergang vom Hinterhof ins Drinnen.

Foto: Bianca Taube

Manchmal bietet das Bild auch einen kleinen Eindruck davon, wie es drinnen aussieht.

Foto: Bianca Taube

Bianca hofft, die Bilder irgendwann auch ausstellen zu können.

Foto: Bianca Taube

Manche Fenster spiegeln mehr, manche weniger.

Foto: Bianca Taube

Manchmal braucht Bianca einen Stuhl oder eine Leiter, um auf die richtige Höhe zu kommen.

Foto: Bianca Taube

Die Distanz zu den fotografierten Menschen wird durch die Scheibe gewahrt, dennoch strahlen die Bilder eine Intimität aus, die wohl auch der besonderen Situation geschuldet ist. Für Bianca sind die Bilder auch ein Zeitzeugnis: „Wir denken gerade so viel in Zahlen, verfolgen, welche politischen Entscheidungen getroffen werden, was sonst so passiert – und wir fragen so selten: Wie geht es uns, wie geht es den Menschen daheim gerade eigentlich?“ 

Ihre Bilder halten fest, wie die Menschen gerade auf die Welt schauen. Die 26-Jährige arbeitet eigentlich als Nachrichtenredakteurin, seit acht Jahren aber ist die Fotografie fester Bestand ihres Lebens – nebenberuflich fotografiert sie auf Hochzeiten und macht Portraits. 

Die Fotos spiegeln auch ein kleines Stück der Stadt wider.

Foto: Bianca Taube

Fotografieren ins Hochparterre ist schwieriger – aber möglich.

Foto: Bianca Taube

Am Anfang meldeten sich nur Freund*innen bei Bianca. Mitterweile fotografiert sie Menschen in ganz München.

Foto: Bianca Taube

Auch durch die Haustür macht Bianca Bilder.

Foto: Bianca Taube

Foto: Bianca Taube

Auf das „Fenstergast“-Projekt kam sie zufällig im Gespräch mit einer Freundin. „Wir sprachen Ende März darüber, wie es uns geht, wie anders jetzt alles ist. Wir fühlten uns irgendwie eingesperrt. Ja, es geht uns gut und wir leben auch gerne da, wo wir leben. Aber dennoch ist die Situation belastend“, erzählt Bianca am Telefon. Dass man nur mit einem triftigen Grund das Haus verlassen darf, sei für sie ungewohnt. „Sonst kommen die Menschen, die ich fotografiere, zu mir.“ Dann schlug ihre Freundin vor: „Wieso gehst du nicht zu den Menschen?“ Eine simple, aber besondere Idee. Bei Facebook und Instagram postete Bianca einen Aufruf, schnell fragten Freund*innen und Bekannte an, mittlerweile kommt sie mit dem Fotografieren gar nicht mehr hinterher. „Letzte Woche habe ich nur Menschen fotografiert, die ich noch nicht kannte“, sagt Bianca. 

An sich brauche sie für die Termine nicht viel Zeit: „Ich halte mich nicht unnötig lange auf. Wir unterhalten uns kurz, ich mache drei Minuten lang Bilder, das war’s.“ Auf jedes Treffen muss sie sich neu einlassen. Wie sehr spiegelt die Scheibe? Wie hoch ist das Fenster? Und natürlich spricht sie mit den Portraitierten darüber, wie es ihnen gerade geht: „Ich habe das Gefühl, dass die Distanz, die für uns alle neu ist und die wir jetzt einhalten müssen, die Gespräche offener macht, als ich es normalerweise gewohnt bin. Diese ungewöhnliche und auch schwierige Zeit bringt einen zusammen.“ Jedes Treffen habe sie mit dem Satz verlassen: „Es wird schon alles wieder gut.“ Auch ihr helfe das Projekt in dieser Situation: „Erstens tut mir der Austausch gut, zweitens kann ich beim Fotografieren einfach den Kopf ausschalten. Obwohl wir durch die Scheibe Distanz halten, tut es mir gut, diese Kontakte zu knüpfen.“

Bei den Fenster-Begegnungen soll es aber nicht bleiben: Irgendwann will Bianca die Bilder in einer Ausstellung zeigen – und so all die Menschen, die sie durch die Scheiben fotografiert hat, noch einmal ganz ohne Distanz sehen. 

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