„Ich habe keine Angst mehr vor der Depression“

Marie, 33, hat eine wiederkehrende Depression. In Folge eins der Reihe „Talking Minds“ erzählt sie, was ihr geholfen hat.
Protokoll von Hanna Winterfeld
talking minds depression

Depressionen fühlen sich oft an, als würde sich ein dunkler Schatten über die Gedanken legen.

Illustration: FDE

In unserer monatlichen Reihe „Talking Minds“ berichten Menschen von ihren Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen. Ihre Geschichten, Gedanken und Symptome können dabei individuell sehr unterschiedlich sein, deshalb findest du am Ende auch allgemeinere Informationen zum Thema. In Folge eins geht es um Depressionen und Ängste, davon erzählt Marie (Name geändert). Die 33-Jährige arbeitet als Sozialpädagogin in einer Einrichtung für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Bei ihr selbst wurden Depressionen im Erwachsenenalter diagnostiziert.   

„Ich erinnere mich noch an einen speziellen Moment vor drei Jahren: Ich war mit einer Freundin im Urlaub, da konnte ich abends nicht einschlafen. Eine umfassende, starke Angst hatte mich erfasst. Alle möglichen Sorgen und Existenzängste kreisten in meinem Kopf herum und sind immer schlimmer geworden. Fast schon wie Panik. Rückblickend weiß ich, dass das der Anfang meiner letzten schweren Depression und Angsterkrankung war.  

In den darauffolgenden Wochen war ich immer müde und hatte an nichts Freude. Schon das Aufstehen fiel mir schwer. Zähne putzen, mich anziehen – alles war auf einmal wahnsinnig anstrengend. Weil ich keinen Appetit hatte, habe in kurzer Zeit acht Kilo abgenommen. Ich fand es schwierig, mit Leuten zusammen zu sein, mich mit ihnen zu unterhalten. Ich fühlte mich so schwach, dass ich kaum mehr reden wollte. In dieser Phase habe ich mich von meiner Familie und Freunden abgewandt. Nur von einer nicht: Ich habe eine gute Freundin, die Therapeutin ist. Sie hat mich begleitet. Bei anderen Freunden hatte ich den Eindruck, dass die eher hilflos im Umgang mit mir waren. Ich hatte das Gefühl, mich vor ihnen verstellen und erklären zu müssen.

„Davor war ich gegen Psychopharmaka. Heute bin ich froh, dass es sie gibt“

Ich habe mir dann nach ein paar Wochen professionelle Hilfe gesucht und bin zu einem Psychiater gegangen. Weil mein Zustand derart schlecht war, habe ich mich entschieden, die Medikamente, die er mir verschrieben hat, zu nehmen. Davor war ich gegen Psychopharmaka. Heute bin ich froh, dass es sie gibt. Die Antidepressiva haben mich aus der Dunkelheit geholt: Nach zwei bis drei Wochen kam ich wieder etwas leichter aus dem Bett.

Was mir in der Zeit geholfen hat, war, spazieren zu gehen, mich zu bewegen, in der Sonne zu sein. Erst habe ich das nur nachmittags oder abends geschafft, morgens hatte ich dazu nicht genug Kraft. Ich musste mich außerdem immer noch zwingen, zu essen, obwohl ich kaum Appetit hatte. In dieser Zeit konnte ich auch nicht arbeiten. Meinem Chef habe ich daher von meiner Erkrankung erzählt – er hatte Verständnis für mich. Es hat etwa drei Monate gedauert, bis ich wieder mein normales Leben führen und arbeiten konnte.

Das war meine letzte und schwerste Depression. Ich glaube aber, dass die Depressionen schon viel früher latent da waren, vielleicht schon in meiner Jugendzeit. Es hat nur keiner gemerkt oder etwas dagegen unternommen. Ich galt als schwermütig, habe viel nachgedacht und alles hinterfragt, zum Beispiel den Sinn des Lebens oder das Verhalten meiner Mitmenschen. Ich hatte immer wieder dunkle Zeiten: Sie waren mal stärker, mal schwächer, sie kamen und gingen schleichend.

Mit Anfang zwanzig, als ich dann von Zuhause ausgezogen war, hatte ich mir das erste Mal Hilfe gesucht und bin ein paar Monate lang zu einem Psychoanalytiker gegangen. Dort habe ich gemerkt, wie gut es mir tat, dass mir jemand zuhörte. Ich wollte Dinge aussprechen, mit denen ich zuvor alleine war. Als ich meine Diagnose erfahren habe, war das eine Erleichterung. Seitdem hatte ich aber noch einige depressive Phasen, die letzte war die vor drei Jahren.

Was hilft, muss jeder für sich selbst wissen

Ich kann nicht sagen, dass ich die Depression überwunden habe. Die kann immer wiederkommen. Aber das macht mir keine Angst mehr. Ich weiß jetzt, dass es Medikamente gibt, die mir helfen. Und ich weiß, was ich vermeiden muss: Druck und Stress können bei mir eine Depression auslösen. Außerdem erkenne ich mittlerweile, wenn die Depression zurückkommt. Anzeichen sind bei mir plötzliche Ängste und Schlaflosigkeit, aber auch viel Grübeln sowie wenig Appetit. Ich versuche dann, viel Sport zu machen, mehr raus in die Sonne zu gehen. Meditation ist auch sehr gut. Wenn es nicht besser wird, würde ich wieder Medikamente nehmen. Was hilft, muss aber jeder für sich selbst wissen. Leuten, die wie ich zu Depressionen neigen, rate ich deshalb einfach, gut für sich zu sorgen. Herauszufinden, was ihnen guttut.

Depression hat für mich damit zu tun, dass die Lebensenergie oder die Lebenskraft unterdrückt wird. Das kann passieren, wenn ich meine Fähigkeiten oder Bedürfnisse nicht auslebe. Zum Beispiel, weil ich es immer anderen recht machen will. Es ist wichtig, für seine eigenen Bedürfnisse einzustehen ­­­­– dies zu tun, ist nicht für alle selbstverständlich. Das kann zum Beispiel bedeuten, mal Nein oder seine ehrliche Meinung zu sagen. Wenn man das macht, dann geht es einem viel besser.“

talking minds info

Die Depression ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen. Laut Schätzungen der WHO (2017) sind 4,4 Prozent der Weltbevölkerung und 5,2 Prozent der Deutschen davon betroffen. Erhöhte Auftretenswahrscheinlichkeit besteht unter anderem im Jugendalter. Außerdem haben Frauen ein bis zu dreimal höheres Risiko, daran zu erkranken. 

Das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen in fünfter Auflage, kurz DSM-5, beschreibt und unterscheidet verschiedene Formen der Depression. Gemeinsam ist ihnen, dass die erkrankte Person sich niedergeschlagen, leer, kraftlos und hoffnungslos fühlt. Sie verspürt anhaltende Traurigkeit und hat meist kaum mehr Interesse an Aktivitäten, die ihr zuvor Freude bereitet haben. Kennzeichnend sind außerdem kognitive und soziale Einschränkungen, wie Konzentrationsschwierigkeiten und Rückzug vor Freunden und Familie.

Möchtest auch du von deiner psychischen Krankheit oder darüber, wie du die Symptome überwunden hast, erzählen? Dann melde dich gerne via info@jetzt.de. Mit deinen Informationen gehen wir selbstverständlich vertraulich um.

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