Videos über die eigene psychische Erkrankung online zu stellen, wird immer beliebter. Aber haben die Videos wirklich nur Vorteile?

Videos über die eigene psychische Erkrankung online zu stellen, wird immer beliebter. Aber haben die Videos wirklich nur Vorteile?

Illustration: Daniela Rudolf

Triggerwarnung: In diesem Text werden Videos besprochen, die psychisch Erkrankte eventuell triggern, also gewisse Verhaltensmuster oder Zustände wieder hervorholen bzw. provozieren könnten. Wenn du dich nicht stabil genug fühlst, um dich mit den Leiden anderer auseinander zu setzen, solltest du diesen Text nicht lesen.

„Hallo und herzlich willkommen zu einem neuen Video von mir.“ Die Clips beginnen wie die meisten anderen auf Youtube. Der Unterschied: In anderen Videos werden Süßigkeiten probiert, Quizze gespielt, das Schminken beigebracht. Hier erzählen Menschen, vor allem junge Frauen, aber von den schlimmsten Traumata ihres Lebens, von Erkrankungen und Symptomen, die sie kaputt machen: Depressionen, Schizophrenie, Borderline und Selbstverletzendes Verhalten, Zwangs- und Paniksstörungen, sogar Suizidalität – all das und mehr wird in Hunderttausenden Clips, meist unterlegt mit trauriger Musik, ausgebreitet. Sie sind oft versehen mit dem Hashtag #Storytime. So zeigen die Youtuber schon im Titel, dass es mit einem Klick sehr persönlich wird.

Die Videos, die mal nur wenige Minuten, mal eine ganze Stunde dauern, werden teils hunderttausendfach geklickt, die erfolgreichsten Videos haben mehrere Millionen Aufrufe. Wie viele Videos es tatsächlich gibt, kann Youtube auf Anfrage nicht einmal selbst erfassen. Zu vielfältig sind die Titel, zu viele verschiedene Krankheiten werden besprochen. Viele Youtuber weinen dabei, manche halten zerschnittene Arme in die Kamera, lesen frühere Abschiedsbriefe vor. Sie wollen beweisen, dass das Leid, das sie hier präsentieren, echt ist.

Die Videos, so erzählt die Mehrheit der Youtuber darin, sollen anderen helfen, die in der gleichen Situation sind. Sie sollen Mut machen und aufklären. Aber tun sie das? Ist es nicht gefährlich, psychische Krankheiten öffentlich zu besprechen, ohne einen Experten dabei zu haben?

„Zu der Erkrankung gehört auch, dass ich wahnsinnig viel Aufmerksamkeit brauche“

Charis Krüger ist 24, gepierct und tätowiert, hat knallrotes Haar. Charis fällt auf, auch mit dem, was sie macht: Ihre Diagnosen Borderline und Depressionen thematisiert sie seit drei Jahren auf ihrem Youtube-Kanal „Charis Lifestyle“. Sie selbst sieht vor allem die Chancen ihrer Videos: „Ich hoffe, dass ich damit helfen und psychische Erkrankungen ein Stück weit entstigmatisieren kann. Hauptsächlich geht es mir aber um Verarbeitung. Ich spreche gerne mit der Kamera – die kann nicht antworten und ich so lange reden, wie ich es brauche.“

Charis strahlt meist in die Kamera, sieht fröhlich aus, während sie von den dunklen Momenten in ihrem Leben erzählt.

Charis strahlt meist in die Kamera, sieht fröhlich aus, während sie von den dunklen Momenten in ihrem Leben erzählt.

Illustration: Daniela Rudolf

Aber warum teilt Charis das Video dann mit Tausenden Fremden? „Ich glaube“, sagt sie, „das macht der Borderline-Anteil in mir. Zu der Erkrankung gehört, dass ich wahnsinnig viel Anerkennung und Aufmerksamkeit brauche.“ Die bekommt Charis über Likes, in den Kommentarspalten und Nachrichten. Darin steht, sie sei schön, stark, mutig – ein Vorbild. Charis’ Therapeutin merkt immer wieder, dass das Youtuben dem Selbstwertgefühl ihrer Patientin gut tut. Sie unterstützt sie dabei.

Der Medienpsychologe Frank Schwab vermutet, dass die meisten Youtuber, die ihre psychische Erkrankung thematisieren, eine ähnliche Motivation haben wie Charis. Denn viele Erkrankungen haben narzisstische Anteile. „Die werden mit den Clips und den Reaktionen darauf bedient. Das kann manchmal harmlos, manchmal gefährlich sein“, sagt Schwab. Oft tue das positive Feedback den Youtubern wirklich gut, der Austausch helfe auch betroffenen Zuschauern. „Youtube funktioniert dann wie eine Plattform für online vermittelte Selbsthilfegruppen“, erklärt Schwab. „Andererseits entstehen durch die Sehnsucht nach Anerkennung aber auch Wettkämpfe um Kommentare und Klicks, die ungesunde Ausmaße annehmen können.“

 

Clickbaiting funktioniert – auch mit psychischen Krankheiten

Das Internet erlaubt es jedem, Inhalte ungefiltert online zu stellen. Zusammen mit dem Trend, über Tabuthemen zu sprechen, führt das offensichtlich dazu, dass sich inzwischen Hunderttausende auch mit ihrem psychischen Leid an die Öffentlichkeit wagen.

In der Masse an Videos werden vor allem diejenigen beachtet, die extreme Geschichten erzählen, krasse Bilder zeigen oder eine heftige Diagnose haben. Die Youtuber verwenden also Keywords, von denen sie wissen, dass sie Traffic bringen: „Suizid“, „Klinik“, „#Storytime“. Auch die Formulierungen werden dramatischer. Statt „Ich habe Depressionen“ heißen Videos nun „Das schwerste Video, das ich je gemacht habe: DEPRESSIONEN“. Clickbaiting funktioniert – offensichtlich auch mit psychischen Krankheiten.

Auch Charis ertappt sich hin und wieder dabei, dass sie Dinge besonders drastisch formuliert, um mehr gutes Feedback zu bekommen: „Nach drei Jahren weiß ich inzwischen, was ich wie sagen muss, um von den Zuschauern gelobt zu werden. Ich erzähle also zwar immer die Wahrheit, peppe sie aber hin und wieder etwas auf. Das mache ich eher unterbewusst – aber selbst, wenn ich es merke, kann ich es nicht lassen. Manipulatives Verhalten ist Teil meiner Borderline-Störung und quasi zwanghaft.“ Auch Charis nutzt den Hashtag #Storytime für ihre Reichweite.

Auffällig ist, dass fast nur Frauen, kaum Männer solche Videos hochladen. Medienpsychologe Schwab kann sich das einfach erklären: „Frauen senden in der Regel mehr Hilferufe aus, denn sie kämpfen nicht nur um die Alpha-, sondern häufiger auch um die Omega-Position. Sie stilisieren sich also teilweise zur Hilfsbedürftigsten von allen.“ Männer könnten im Kampf um die Alpha-Rolle dagegen meist gar nicht zugeben, dass sie Probleme haben.

Der Wettkampf um die Klicks kann Symptome verschlimmern

Die Konkurrenz um die Omega-Position hat Folgen: Einige Youtuber spielen die Krankheiten anderer herunter, sagen, sie seien doch bestimmt weniger belastend als ihre eigenen. Andere schreiben neben ihr Video „Kein Clickbait“ – und suggerieren damit, dass sie zwar wirklich krank seien, viele andere aber nicht.

Wer sieht, dass andere viele Likes und damit Verständnis und Zuneigung für ihr Leiden bekommen, will oft das Gleiche erreichen – manchmal um jeden Preis.

Wer sieht, dass andere viele Likes und damit Verständnis und Zuneigung für ihr Leiden bekommen, will oft das Gleiche erreichen – manchmal um jeden Preis.

Illustration: Daniela Rudolf

Das wiederum kann dazu führen, dass sich die Symptome einiger Betroffener verschlimmern. Denn wer merkt, dass die eigene Krankheit nicht ernst genommen wird, kann dazu verleitet werden, sich tiefer in sie hineinfallen zu lassen anstatt dagegen anzukämpfen. Schließlich sieht er ja, wie andere für ihre vermeintlich schlimmeren Symptome mehr Klicks, Kommentare, mehr Liebe bekommen. „Wer dann beispielsweise für Selbstverletzung Zuspruch bekommt, verletzt sich unter Umständen öfter oder extremer“, sagt Schwab.

Manchmal nervt Charis das alles. Sie glaubt, ebenfalls beobachten zu können, dass viele sich den Hype um psychische Krankheiten zu nutze machen. Dass zum Beispiel Leute über ihre Depressionen youtuben, die noch gar nicht damit diagnostiziert sind. „Da zweifelt man manchmal schon an deren Glaubwürdigkeit“, sagt Charis.

„Je mehr Selbstoffenbarung jemand betreibt, desto sympathischer wird er anderen“

Viele Videos verstärken außerdem Stigmata eher als sie zu bekämpfen. Oft werden darin nämlich nur die bekanntesten Symptome besprochen. Charis merkt so immer wieder, dass Klischees entstehen: „Einige Leute meinen, ich sei keine Borderlinerin, weil ich meine Arme nicht schneide. Das ist so dämlich! Denn es gibt viele Formen der Selbstverletzung.“

Die Videos mit Erfahrungsberichten zu psychischen Krankheiten sind aus gutem Grund so erfolgreich auf Youtube. Schwab erklärt das so: „Je mehr Selbstoffenbarung jemand betreibt, desto sympathischer wird er anderen, in diesem Fall den Zuschauern. Am beliebtesten ist also, wer erzählt, was er Schreckliches durchgemacht hat.“ Dieser Mechanismus kann aber dazu führen, dass viele mehr sagen, als sie ursprünglich preisgeben wollten.

In einem Video, das als „Halloween Special“ benannt ist, marschiert eine Frau aufgewühlt durch die Straßen und hält ihre Kamera dann auf ein Wohnhaus. Sie erzählt, dass darin der Mann wohne, der sie vergewaltigt und so in ihre Krankheit getrieben habe. Damit riskiert sie viel. Auch für den, den sie beschuldigt.

Was man vor dem Hochladen bedenken sollte

Schwab sagt dazu: „Diese Frau war offensichtlich in einem Ausnahmezustand. Solche Videos sollte man aber nur dann drehen und hochladen, wenn man klar denken kann.“ Man solle das Video bestenfalls vor dem Hochladen ein oder zwei Personen mit gewisser Distanz zeigen. Wenn die Bedenken hätten, dass das Video gefährlich werden könnte, sollte es offline bleiben. Öffentlich über das eigene Kranksein und Leid zu sprechen, kann langfristig gesehen nämlich viel kaputt machen: Nicht nur das eigene Privat- und Berufsleben, sondern auch das anderer, wenn man beispielsweise mit Schuldzuweisungen hantiert.

Charis hat sich bewusst für ihre Videos entschieden: „Ich spreche offen über alles, weil ich wenig damit riskiere.“ Aufgrund ihrer Erkrankungen ist sie bereits berentet, mit heftigen Anfeindungen hat sie sich ebenfalls zu leben entschieden. Nur ein Tabu gibt es bei Charis: Über Menschen, die ihre Traumata in der Kindheit ausgelöst haben, zu sprechen. Sie will ihnen nicht schaden.

Können die Videos auch für Zuschauer gefährlich werden?

Sorge, dass sie ihren Zuschauern schaden könnte, hat Charis nicht. „Ich schreibe ja immer genau drüber, worum es in dem Video geht. Wer weiß, dass er das Thema nicht verträgt, muss es ja nicht anschauen.“ Aber ob das reicht, um junge Menschen, die Hauptnutzer der Plattform Youtube, vor eventuell gefährdenden Videos zu schützen?

Die Plattform Youtube ist angesicht der Masse an Videos auf Hinweise von außen angewiesen. Ihr Sprecher Henning Dorstewitz schreibt auf Nachfrage von jetzt: „Wenn Nutzer auf Inhalte stoßen, in denen eine selbstmordgefährdete oder eine sich selbst verletzende Person gezeigt wird, sollten die lokalen Behörden kontaktiert und das Video gemeldet werden, um uns darauf aufmerksam zu machen.” Youtube arbeite mit Organisationen zur Suizidprävention zusammen, um dann nach Möglichkeit Hilfe zu leisten. Auf Videos, in denen psychische Krankheiten ohne sichtbare Risiken für den Körper des Betroffenen besprochen werden, reagiert Youtube bisher aber noch nicht.

Katja Rauchfuß ist Expertin für gefährdende und selbstgefährdende Inhalte im Netz und arbeitet bei jugendschutz.net, dem gemeinsamen Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet. Sie überprüft täglich Inhalte darauf, ob sie beispielsweise Selbstverletzung und Essstörungen verharmlosen oder verherrlichen. Sie findet: „Man muss immer genau abwägen, wo Hilfe und wo Gefährdung im Vordergrund steht. Dafür muss man die Videos im Kontext betrachten. Also in ihrer vollen Länge, zusammen mit Titel, Beschreibung, den Kommentaren darunter.“

Videos, wie die von Charis, findet sie wenig problematisch: „Die sind narrativ aufbereitet, darin wird viel reflektiert und eingeordnet. Sie tragen so eher zur Enttabuisierung und zur Selbsthilfe bei.“ Im Gegensatz dazu gebe es aber auch extremere Videos und Bilder – nicht nur auf Youtube, sondern auch in anderen Sozialen Netzwerken. In denen werde beispielsweise konkret beschrieben oder gezeigt, wie man sich selbst verletzt. „Solche ‘Pro-Inhalte’ können zur Nachahmung animieren oder von Therapien abhalten.“

„Man kann nicht pauschal alle Videos sperren lassen, die gefährdend sind“

Oft gibt Rauchfuß bei gefährdenden Inhalten aber nicht gleich die Empfehlung, Videos zu löschen, sondern sie nur noch für Nutzer ab einem bestimmten Alter sichtbar zu machen. „Man kann nicht pauschal alle Videos sperren lassen, die eventuell gefährdend sind. Wer weiß, was es für die Macher und Zuschauer bedeuten würde, würden diese Inhalte plötzlich verschwinden und Betroffene mit ihren psychischen Problemen einfach alleine gelassen.“

Jeder, der glaubt, an einer psychischen Krankheit zu leiden, sollte sich Hilfe bei einem Therapeuten oder Psychiater suchen.

Jeder, der glaubt, an einer psychischen Krankheit zu leiden, sollte sich Hilfe bei einem Therapeuten oder Psychiater suchen.

Illustration: Daniela Rudolf

Obwohl die Zusammenarbeit von Youtube und jugendschutz.net gut gelinge, so sieht es auch der Sprecher Youtubes, hat Rauchfuß noch einen Wunsch an diese und andere Plattformen: „Es ist wichtig, dass Provider noch mehr und krankheitsspezifisch auf Beratungsstellen hinweisen. Betroffene Zuschauer müssen wissen, an wen sie sich wenden können, wer die echten Experten für ihr Problem sind.“

Auf Beratungsstellen verweist auch Charis. Denn täglich melden sich Zuschauer bei ihr, die sie für eine „echte Expertin“ halten: „Manchmal schreiben mir junge Mädchen und erzählen von Vergewaltigungen und ihrer Verzweiflung, oder davon, dass ihr Therapeut nicht mehr weiter weiß. Aber wie sollte ich ihnen helfen können? Ich bin doch selbst krank!“ Bei solchen Nachrichten antwortet sie dann manchmal lange gar nicht. Sie überfordern sie, setzen sie unter Druck. Denn was sollte Charis den Mädchen schon sagen können? Sie macht doch nur Videos über ihre eigenen Probleme. Sie ist keine Therapeutin.

Charis hatte schon schlechte Phasen, in denen sie alles hinschmeißen wollte. In denen sie bei ihrer Therapeutin saß, heulte und überlegte, ihre Seiten zu löschen. Ihre Therapeutin sagte ihr dann ganz direkt, dass das nicht mehr so einfach geht. Immerhin hat Charis eine Verantwortung auf sich genommen. Die Zuschauer vertrauen ihr inzwischen, sie stützen sich auf ihren Rat. Und es tut ihr gut, zu wissen, dass sie für jemanden da sein kann. Ihr Kanal bleibt.

Wenn du selbst an Symptomen leidest, die in diesem Text oder in verlinkten Videos beschrieben werden, oder du anderweitig großen Leidensdruck empfindest, solltest du dir Hilfe bei Angehörigen und/oder Experten suchen. Es gibt immer jemanden, der helfen kann – auch wenn es sich manchmal nicht danach anfühlt.

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