„Magersucht hat nichts mit Gewicht zu tun“

Betont die Autorin Laura Jungk, die selber lange unter der Krankheit litt. Mit uns redet sie über ihr kürzlich erschienenes Buch.
Interview von Lina Wölfel
laura jungk cover

Foto: Daniel Jungk

Triggerwarnung: Dieses Interview setzt sich mit dem Thema Essstörungen auseinander und enthält Schilderungen dieser Krankheit.

Magersucht, auch anorexia nerviosa, ist eine psychische Erkrankung. Die Betroffenen leiden an einer sogenannten Körperschemastörung, sodass sie sich trotz ihres Untergewichts als zu dick wahrnehmen. Diese Definition ist wichtig, weil Magersucht und andere Essstörungen immer noch stark stigmatisiert sind. Laura Jungk (20) kämpft seit sieben Jahren gegen die Magersucht. Über ihre persönliche Krankheitsgeschichte hat sie nun ein Buch geschrieben. Sie skizziert darin offen Auslöser, Verlauf und Auswirkungen von Magersucht auf Körper, Psyche und soziales Umfeld von Betroffenen. Wir haben mit ihr über Ärzt*innenodysseen und Stigmata gesprochen und darüber, wie es ist, selbst zum Vorbild zu werden. 

jetzt: Wieso ist es wichtig, dass genau deine Geschichte erzählt wird? 

Laura Jungk: Das Verständnis für psychische Erkrankungen wächst langsam, es fehlt aber noch sehr oft. Magersucht ist mit vielen Klischees besetzt, man denkt an junge Mädchen, die dünn sein wollen und ein bisschen zu viel Germanys Next Topmodel geschaut haben. Es muss mehr darüber gesprochen werden, dass es eine schwere, psychische Krankheit ist, die im schlimmsten Fall tödlich enden kann. Da ist jede einzelne Stimme, jede Geschichte, die das bestätigt, wichtig. 

„Die Magersucht ist eine Mauer, die vor dem eigentlichen Problem aufgestellt wird, weil es zu schmerzhaft wäre, sich damit zu beschäftigen“

Was ist der Ursprung deiner Erkrankung? Was wolltest du mit einer Magersucht, vielleicht unbewusst, erreichen?

Ich hatte das Gefühl, nie genug zu sein und gleichzeitig, dass ich es nicht wert war war, zu viel Raum einzunehmen. Mein Vater war zum Beispiel immer sehr sportlich und ehrgeizig und hat das auf mich übertragen. Dem konnte ich nicht gerecht werden. Hinzu kommen Mobbingerfahrungen, die ich in der Schulzeit gemacht habe. Später die Trennung meiner Eltern, die Depression meiner Mutter, das Gefühl, alle zu enttäuschen. Eine Therapeutin hat mir das in einem Bild aufgemalt: Die Magersucht ist eine Mauer, die vor dem eigentlichen Problem aufgestellt wird, weil es zu schmerzhaft wäre, sich damit zu beschäftigen. Wenn sich der ganze Tag nur noch um Essen dreht, muss man sich mit nichts anderem mehr beschäftigen. Die Magersucht übernimmt, wie jede andere Sucht auch, für den oder die Erkrankte*n eine Schutzfunktion. Das macht es unglaublich schwer, gesund zu werden. 

Wie ist die Krankheit in deinem Fall verlaufen? 

Ich begann bereits mit elf Jahren Kalorien zu zählen und wollte immer wieder abnehmen und machte exzessiv Sport. Mit 13 wurde daraus eine Erkrankung. Zusätzlich zum Kalorien zählen versuchte ich immer mehr Lebensmittel wie Nudeln oder Weizenmehl wegzulassen und weniger Mahlzeiten zu essen. Das ging soweit, dass es lebensbedrohlich wurde. Von da an begann die Odyssee aus Ärzt*innen- und Therapeut*innen-Besuchen und Klinikaufenthalten. Viele Hausärzt*innen wissen einfach nicht genug über Magersucht, weshalb die Anzeichen zu spät erkannt werden und nicht stringent genug therapiert werden. Schließlich bekam ich das Ultimatum: zunehmen oder Klinik! Ich wollte nicht in die Klinik, also habe ich gegessen und zugenommen. Ein Jahr später hatte ich aber alles wieder abgenommen. Zu meiner Magersucht kamen noch schwere Depressionen, eine Angststörung, tägliche Panikattacken und Zwangsstörungen hinzu. Ich konnte nur zu bestimmten Uhrzeiten essen und habe mir genaue Zeiten eingeplant, wie lang ich an bestimmten Lebensmitteln essen musste. Hinzu kamen immer stärkere körperliche Symptome. Diese Nebenwirkungen werden oft außer Acht gelassen, beeinflussen aber das Leben enorm.

Was war dein schlimmster Moment? 

Ich war lange schwer suizidal. Ich hatte meinen Suizid geplant, die Tabletten dafür jederzeit griffbereit im Nachttisch. Ich sollte mir im Einkaufszentrum eine Hose kaufen, hatte auch eine gefunden. Als ich an der Kasse stand, um die Hose zu bezahlen, ist mir eingefallen, dass ich die wahrscheinlich nie tragen werde und das absolute Geldverschwendung wäre. Auf dem Rückweg nach Hause habe ich mir vorgenommen, ab jetzt kein Geld mehr auszugeben. Erst während der Therapie konnte ich reflektieren, dass ich an dem Punkt mit meinem Leben komplett abgeschlossen hatte.

„Ich habe die letzten fünf Jahre lang mein Leben an mir vorbeiziehen zu lassen“

Wie hat sich die Beziehung zu deinem direkten sozialen Umfeld während deiner Krankheit verändert? 

Ich habe immer gerne was mit Freund*innen gemacht und war viel unterwegs. In der Zeit zwischen 2013 und 2017 ging das nicht. Ich wollte nicht, dass jemand was von meiner Krankheit merkt, ich wollte aber auch nicht essen. Mit meiner Familie hatte ich einen sehr direkten Umgang, was meine Krankheit angeht. Das ging ja aber auch nicht anders, die haben mich immer sofort miterlebt. Wenn man so schwer krank ist, kann man nicht mehr entscheiden, was man teilt. Es platzt aus einem heraus. Die psychische Belastung, mit der Krankheit umzugehen, hat unser Familienleben komplett verändert. Meine Eltern haben sich scheiden lassen. Meine Mutter und mein Bruder sind selbst in Therapie.

Glaubst du, dass du, beziehungsweise deine Erkrankung, daran Schuld hast?

Ich habe mir sehr lange die Schuld an der Trennung meiner Eltern gegeben. Heute tue ich das, dank der Therapie, nicht mehr. Trotzdem weiß ich, dass die Magersucht meine Familie sehr mitgenommen hat und die vergangenen Jahre alle in unserer Familie strapaziert haben. Das ist auch einer der Gründe, warum meine Mutter und mein Bruder eine Therapie machen. Mein Bruder ist jünger als ich und war knapp elf Jahre alt, als meine Erkrankung begann. Er hat viel zurückstecken müssen und es sehr schwer gehabt. Dass er so leiden musste, ist etwas, das mich sehr beschäftigt. Mit fällt es immer noch schwer, diese Schuld von mir zu schieben.

Du schreibst, dass der Wille, gesund zu werden, aus einem selbst kommen müsse. Das erscheint nicht so einfach, wie es klingt. Wann hat es bei dir Klick gemacht?

Ich habe mir in der Klinik oft eingeredet, dass ich gesund werden will. Tatsächlich wollte ich das aber nicht. Wenn ich nicht mehr krank wäre, was würde mich dann vor meinen eigentlichen Problemen schützen? Bei mir gab es keinen Klick-Moment, ich bin ehrlich, das war ein harter und langer Prozess. Es hat damit angefangen, dass ich mich mit dem Gedanken beschäftigt habe, was wäre, wenn ich wieder esse? Ich musste mir, mit Hilfe meiner Therapeutin, wieder einen Alltag aufbauen. Ich bin ja nicht zur Schule gegangen, hatte kaum soziale Kontakte, keine Hobbys mehr. Ich habe die letzten fünf Jahre lang mein Leben an mir vorbeiziehen zu lassen. Ich musste mich dazu entschließen zu leben. Diese Entscheidung kann man treffen. Man muss sie aber auch treffen. 

Werden Magersüchtige zu früh als geheilt eingestuft?

Ja, auf jeden Fall. Was viele nicht wissen, oder nicht verstehen wollen, ist, dass Magersucht nichts mit dem Gewicht zu tun hat. Es ist eine psychische Erkrankung. Auch jemand mit Übergewicht kann magersüchtig sein! 

„Körper anderer dürfen nicht kommentiert werden“

In einer Instagram-Story hast du vor kurzem einen Artikel aus der FAZ repostet, in dem der mediale Umgang mit Adeles körperlichen Veränderungen kritisiert wurde. Welche Rolle spielen mediale Vorbilder vor und während der Erkrankung?

Niemand wird nur krank, weil er oder sie aussehen möchte wie ein bestimmter Star. Dennoch gibt es in unserer Gesellschaft ein ausgeprägtes Schönheitsideal, das viele, vor allem junge Mädchen und Jungen, als nachahmenswert empfinden. Da redet niemand darüber, dass die Personen im Fernsehen oder auf dem Werbeplakat untergewichtig sind. Zudem sind Jugendliche zunehmend auf Social Media unterwegs, sehen, wie Influencer*innen Workouts machen, ihr Essen herrichten und dabei glücklich sind. Das ist der springende Punkt, die Verknüpfung zwischen diesem Essen, Sport und glücklich sein. Und zu Adele: Körper anderer dürfen nicht kommentiert werden. 

Auf Instagram teilen Betroffene ihre Krankheitsgeschichten in sogennanten „Recovery“-Accounts. Welche Rolle spielt die Identität und Gruppenzugehörigkeit, die einem die Essstörung gibt?

Ich bin da zweigeteilter Meinung. Es ist gut zu wissen, dass es eine Community gibt, die den gleichen Weg geht wie man selbst, die einen versteht, wenn Eltern und Freund*innen es nicht tun. Andererseits beschäftigt man sich als Erkrankte oder Erkrankter ohnehin genug mit Essen. Solchen Accounts zu folgen, oder selbst einen zu betreiben, kann auch dazu führen, noch stärker in dem Thema zu versinken. Das wäre kontraproduktiv. 

Thema Vorbildfunktion: Du nennst in deinem Buch konkrete Zahlen. Zeiträume, Gewicht, wie viele Kalorien du am Tag isst. Was abschreckend wirken kann, aber auch Nachahmung möglich macht. Warum hast du dich dennoch dazu entschieden, die Zahlen stehen zu lassen?

Es war auch eine schwierige Entscheidung. Letzten Endes hat sich das Buch ohne Zahlen unvollständig und lückenhaft angefühlt. Bestimmte Werte, wie mein jetziges Gewicht, nenne ich trotzdem nicht. Jede*r muss das Gewicht finden, mit dem er oder sie sich wohlfühlt. Da bringt nachahmen über kurz oder lang eh nichts. Weil, und ich möchte das wirklich klarmachen, Magersucht nichts mit dem Gewicht zu tun hat. 

Wie gehst du heute mit deiner Krankheit um? 

Ich mache nach wie vor eine Therapie. Ich hatte lange Zeit nicht wirklich Glück mit Therapeut*innen. Mit meiner jetzigen Therapeutin kann ich ganz ehrlich sein, sodass ich ihr sofort Bescheid sage, wenn sich krankhafte Muster wieder einschleichen. Und ich erinnere mich daran, wie es mir während der Magersucht ging, wie viel ich nicht machen konnte. Ich würde so viel verlieren, das ist die Krankheit nicht wert. Die Krankheit ist es nicht wert, das Leben, das ich gerade führe, aufzugeben.

Weitere Informationen für Betroffene und Angehörige, sowie Kontakt zu anonymen und kostenfreien Beratungsstellen findest du unter https://www.bzga-essstoerungen.de.

Wenn Deine Gedanken um Suizid kreisen, dann kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge oder U25. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 gibt es Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten. 

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