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Regelschmerzen sind ein guter Grund, zu Hause zu bleiben!

Warum erfinde ich trotzdem immer wieder Ausreden?
Von Lara Thiede
  • daheim bleiben cover
    Foto: freepic; Collage: jetzt

Als ich zum ersten Mal meine Periode hatte, rief meine Mutter den Arzt zu uns nach Hause. Eine Frau, die auf Homöopathie vertraut, selten zum Arzt geht und ihn nie zuvor zu uns hatte kommen lassen. Ich lag seit zwei Tagen im Bett, krampfte und erbrach mich. Meine Mutter fütterte mich mit zerbröselten Schmerztabletten, während ich am ganzen Körper Quaddeln bekam. „Das ist nur die Aufregung“, sagte der Arzt zu meinem Ausschlag. Und zum Rest: „Nun ja, die junge Dame hier hat wohl einfach Regelschmerzen.“

„Einfach Regelschmerzen. So nennt man diese kaum aushaltbaren Krämpfe also“, dachte ich mir. Ich denke es mir noch heute, auch wenn sie nie wieder so heftig waren wie damals. Das Wort „einfach“ mit Menstruationsschmerzen im gleichen Atemzug auszusprechen, finde ich ganz schön dreist. Besonders, wenn es von einem Menschen kommt, der das Ganze noch nie erleben musste.

Er – und mit ihm der Großteil unserer Gesellschaft – trichtert mir und anderen damit ein, dass Regelschmerzen eine Lappalie seien, die man eben aushalten muss. Die keinen Grund bietet, sich zwei Tage lang zu Hause aufs Sofa zu legen und vor sich hin zu jammern. Schließlich träfen sie jede Frau mal – und alle anderen schafften es ja auch, damit umzugehen.

Aber Regelschmerzen können sich ganz unterschiedlich anfühlen. Die einen sprechen nur von einem unangenehmen Ziehen im Unterleib, das hin und wieder auftaucht. Die Glücklichen. Andere haben eine Menge Symptome auf einmal: nicht nur Krämpfe und ein Brennen im Unterbauch, sondern auch heftige Rückenschmerzen, Durchfall, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel. Und dann gibt es natürlich noch ganz viele Frauen, die irgendwo dazwischen liegen. Die zwar nicht alle, aber einige dieser Beschwerden haben. So wie ich.

Nun bespricht man dieses Thema aber nur selten. Ab und an unter Freundinnen, eher nicht mit Männern oder in der Öffentlichkeit. Schon gar nicht, wenn es darum geht, deshalb Schule, Uni, Job fernbleiben zu wollen. Denn wir Frauen lernen früh: Das macht man einfach nicht. Die Blutung ist schließlich keine Krankheit, sondern gehört zum Frausein dazu. Und wenn Frauen wegen ihrer Periode automatisch öfter fehlen würden als Männer, was würde das wohl für die Position der Frauen auf dem Arbeitsmarkt bedeuten?

Ich habe mich meinem Schicksal als menstruationsgeplagte Frau in der modernen Gesellschaft deshalb gefügt. Mich ab dem lapidaren Urteil meines Arztes trotz Schmerzen in die Schule geschleppt, sogar beim Sportunterricht mitgemacht. Zumindest meistens. Die Lehrerin meinte schließlich, bei ihr sei die Menstruation ja auch erträglich. Das ginge schon mal.

Wenn es allerdings doch nicht ging, erfand ich Ausreden. Ich hätte mir auf dem Schulweg den Fuß verknackst, am Tag zuvor etwas Schlechtes gegessen, plötzlich so ein Schwindelgefühl. Diese Ausreden habe ich nur spärlich eingesetzt. Denn wäre irgendwann aufgefallen, dass ich sie im monatlichen Abstand vorbrachte, wäre dann doch wieder klar, dass ich wohl einfach zu schwach war, um meine verdammte Menstruation, meine Weiblichkeit zu ertragen.

Ich sitze im Büro, damit nicht auffällt, wie viel Kraft mich mein Frausein gerade kostet

Auch vergangene Woche bin ich wieder in die Arbeit gegangen, obwohl mein Unterleib tat, als würde er gleich platzen. Es fühlte sich an, als wären meine Organe heiß und irgendwie angeschwollen. Ich spürte die Kontraktionen aka Krämpfe meiner Gebärmutter und legte mir deshalb einen dicken Schal auf den Bauch – eine Wärmflasche konnte ich ja nicht einfach so mit in die Arbeit bringen. Da hätte ja jeder gleich gewusst, was los ist. Weil der Schmerz vom Unterbauch außerdem in meinen Rücken ausstrahlte, beugte ich mich leicht nach vorne und massierte einhändig die schlimmsten erreichbaren Stellen. Mit der anderen Hand tippte ich.

Aber warum tue ich das eigentlich immer wieder? Warum rufe ich an solchen Tagen nicht einfach meinen Chef an und sage: „Ich blute wie Sau, kann mich kaum bewegen und komme heute nicht“? Der Grund ist doch gut! Ich bin sogar sicher, dass er Verständnis hätte. Und ehrlich gesagt bringe ich unter diesen Bedingungen auch nicht wirklich viel zustande. Ich sitze dann im Büro, um im Büro zu sitzen. Damit niemandem auffällt, dass mich mein Frausein gerade sehr viel Kraft kostet.

Es ist ein Stigma. Denn wie viele andere Frauen habe ich mein Leben lang eingetrichtert bekommen, dass man seine Menstruation heimlich durchleben und vor anderen verstecken muss. Dass die Regel alles Mögliche bedeuten und sein kann, aber sicher keine Entschuldigung und schon gar kein valides Argument.

Schließlich nehmen wir an, dass eine Autoritätsperson eher nicht erfahren will, wie der Zyklus seiner Mitarbeiterinnen aussieht. Und wir Frauen wollen eigentlich auch nicht, dass Chef und Kollegen wissen, wann gerade Blut aus uns herausströmt und wir deshalb Schmerzen haben. Ganz zu schweigen davon, dass wir gar nicht sicher sein können, ob das Gegenüber unsere Schmerzen überhaupt ernst nimmt. Andere ertrügen das ja auch einfach, da solle man sich nicht so anstellen – das höre ich nicht nur von Männern immer wieder, sondern auch von Frauen, die moderatere Schmerzen haben.

Regelschmerzen sind oft schwerer zu ertragen als so manche Krankheit 

Mir bleiben deshalb bisher zwei mögliche Reaktionen auf meinen Zustand. Erstens: Ich bleibe auch dann auf meinem Bürostuhl sitzen, wenn ich merke, dass eigentlich nichts mehr geht. Gehe auch am nächsten Tag wieder in die Arbeit, selbst wenn es schlimmer geworden ist, und nehme das Ganze als mein naturgegebenes Schicksal hin. Oder zweitens: Ich rufe morgens in der Redaktion an und sage: „Ich schaff’s heute nicht, ich habe Migräne.“ Oder Bauchschmerzen. Oder Kreislaufprobleme.

Aber ich bin es leid. Ich will mir nicht mehr andere Gründe aus den Fingern saugen, während ich doch einen verdammt guten habe. Nicht mehr still hinnehmen müssen, dass es mir schlecht geht, nur weil es viele anderen Frauen regelmäßig auch trifft. Gerade deshalb eben nicht. Weil so viele darunter leiden und Menstruationsschmerzen keine Kleinigkeit sind. Sie sind im Gegenteil oft viel schwerer zu ertragen als ein grippaler Infekt oder Bauchschmerzen oder Kopfweh.

Wenn ich also das nächste Mal deshalb nicht in die Arbeit gehen kann, werde ich keine Ausrede mehr erfinden, sondern ehrlich sagen, was mein Problem ist. In der Hoffnung, dass mein Chef das mit Verständnis hinnimmt und meine Kolleginnen sich deshalb bald auch so entschuldigen, wenn sie Schmerzen haben. Und dass sie das ihren Freundinnen erzählen und es auch für die eine Option wird. Damit es irgendwann endlich normal wird, Menstruationsschmerzen als echte Schmerzen, als guten Grund zu sehen. Denn eigentlich ist unsere Menstruation ja nichts, wofür wir uns schämen müssten.

Auch wenn es weh tut, bitte nicht ausprobieren: