Mit Gemüse die Periode loswerden?

Funktioniert, ist aber hochgefährlich.
Von Tami Holderried
vegane periode jetzt
Illustration: Lucia Götz

„Schon nach einem Monat roh-veganer Ernährung habe ich meine Periode komplett verloren!“ erklärt die Youtuberin Leanne Ratcliffe in einem Video von 2013. Sie wirkt dabei tatsächlich sehr begeistert. Leanne ist in der veganen Szene besser als "Freelee the Banana Girl" bekannt und schon öfter mit kontroversen Videobotschaften und extremem Click-Baiting („Coming clean about my Porn Addiction“) aufgefallen. Ihr Video mit dem Titel „How I lost my period on a RAW VEGAN diet“ wurde über 400.000 Mal geklickt. Darin erzählt sie über ihre Periode: „Ich habe mich so darüber gefreut, sie endlich los zu sein!“ Instinktiv habe sie gemerkt, dass das ein gutes Zeichen war: „Wenn es ungesund ist, dass die Blutung ausbleibt, warum habe ich mich dann so gut gefühlt?“ Dass Leannes Video noch heute, vier Jahre später, diskutiert wird, zeigt, wie zeitlos das Thema ist. Und wie hochgefährlich für den Körper und die Psyche vor allem junger Frauen. 

Denn, wie Dr. Vanadin Seifert-Klauss von der Frauenklinik des Klinikums Rechts der Isar in München erklärt:  „Vegane Ernährung, vor allem die roh-vegane, ist meist sehr fettarm. Hinzu kommt, dass viele Veganer penibel auf ihre Ernährung achten und entsprechend auch weniger essen. Die Kombination aus beidem führt dann zu einer niedrigen Nährstoffzufuhr – der Körper schaltet auf Sparflamme, die Periode bleibt aus“, erklärt die Expertin. Ähnlich wie bei einer Anorexie sei der Körper in diesem unterernährten Zustand nicht im Stande, eine Schwangerschaft zu verkraften und beuge dem vor, in dem kein Eisprung stattfindet.

Aber woher kommt die absurde Idee überhaupt, eine ausbleibende Periode könne gesund sein? Klar, die Periode hat keinen guten Ruf. Sie macht das Leben umständlicher, tut weh und drückt bei vielen Frauen auch noch tagelang auf die Stimmung. In den vergangenen Jahren ist ihr Ruf allerdings noch schlechter geworden. 

Vor allem eine Gruppe Veganer macht via Social Media Stimmung gegen die Periode. „Eine Monatsblutung ist eigentlich gar nicht normal!“ erklärt zum Beispiel der Youtuber Tobias Steinhäuser auf seinem Kanal Rawletics. Unrein seien die Frauen, die stark bluteten, außerdem sei die Blutung sowieso vermeidbar – mithilfe der richtigen Ernährung. Die Erklärung der Roh-Veganer: Die monatliche Blutung sei eine Art Entgiftung. Frauen, die viel Gift – aus Sicht der Radikal-Veganer Produkte tierischen Ursprungs, Zucker oder verarbeitete Lebensmittel – zu sich nehmen, bluten angeblich stärker. Eine strenge, roh-vegane Ernährung verspreche „Heilung“ von der Monatsblutung. Roh-vegane Ernährung bedeutet, dass nicht nur auf tierische Produkte jeder Art verzichtet wird, sondern auch alles roh und möglichst unverarbeitet verzehrt wird. Auf dem Speiseplan steht viel Obst und Gemüse, außerdem Nüsse. Durch diese Ernährungsweise sollen nicht nur die Schmerzen während der Periode verschwinden, sogar die Blutung soll komplett ausbleiben.

"Die Periode ist keine Krankheit!"

Natürlich bedeutet das nicht, dass eine vegane Ernährung per se ungesund ist. Eine vegane Mangelernährung hingegen schon, so  Dr. Vanadin Seifert-Klauss: „Vor allem das Wort Heilung finde ich in dem Zusammenhang unpassend – die Periode ist keine Krankheit!“ Laut der Medizinerin tragen zwei Mechanismen im Körper zum Ausbleiben der Periode bei Roh-Veganern bei: „Die Hormone, die auch den Zyklus steuern, werden vor allem aus Cholesterin gebildet – nimmt eine Frau wenig Cholesterin zu sich, kann es sein, dass diese Hormone nicht mehr gebildet werden können. Außerdem spielt Stress eine Rolle: Konzentriert sich eine Frau extrem stark auf ihre Ernährung, egal welcher Art, verändert dieser Stress im Gehirn die Impulse an der Hypophyse. Diese beeinflussen wiederum die Hormone – und die können dann durcheinander kommen.“ Zusammen verhindern diese Mechanismen, dass es zu einem Eisprung und somit zu einer Blutung kommt. „Eine gesunde Art, die Periode loszuwerden, ist das natürlich nicht!“, so Seifert-Klauss.

Auch mit dem Gerücht, dass eine Blutung eine Art „Entgiftung“ des Körpers sei, räumt Seifert-Klauss auf: „Das ist zwar ein starkes mythologisches Motiv, hat aber nichts mit der Realität zu tun. Bei einer gesunden Frau wirkt die Periode nicht entgiftend.“ Das einzige, was Frauen während ihrer Monatsblutung verlieren, sei Eisen: „Bei starken Blutungen sogar in großer Menge – in Kombination mit einer veganen, also eisenarmen Ernährung, kann das sogar gefährlich werden!“, so Seifert-Klauss. Ein fruchtbarer Zyklus ohne Blutung sei nicht möglich, sondern im Gegenteil sei das Ausbleiben der Blutung ein Zeichen dafür, dass kein Eisprung stattfindet.

"Menstruationsmanagement" mit der Pille

Um ihre Periode zu unterdrücken, greifen viele Frauen aber auch zu Medikamenten: Internetseiten zum Thema „Menstruationsmanagement“ empfehlen Hormonpräparate wie die Pille, den Nuvaring oder Norethisteron, um die Monatsblutung zu unterdrücken. Seifert-Klauss spricht sich gegen die Einnahme der Pille als „Lifestyleprodukt“ aus. „Frauen, die einen normalen Zyklus haben und die Pille nicht zur Verhütung benötigen, würde ich davon abraten, die Pille nur zur Zykluskosmetik einzunehmen. Man darf nicht vergessen, dass es sich bei der Pille um ein Medikament handelt.“ Die Gynäkologin plädiert für ein entspanntes Verhältnis zur Periode – Frauen sollten ihrer Meinung nach akzeptieren, dass sie während dieser Tage auch mal nicht voll leistungsfähig sein können und sich öfter eine Pause gönnen. „Das ist in unserer Leistungsgesellschaft natürlich schwierig, alle wollen am liebsten immer in Topform sein,“ so Seifert-Klauss. Auch sieht sie einen gesteigerten Druck für junge Frauen, ständig sexuell verfügbar zu sein: „Frauen wollen der Peinlichkeit entgehen, nein sagen zu müssen. Aber der weibliche Körper blutet nunmal einmal im Monat und dazu kann man auch stehen.“ Gleichzeitig warnt sie: Frauen, für die ihre Periode mit außerordentlichen Schmerzen verbunden ist, oder die sehr stark bluten, sollten dringend einen Gynäkologen zu Rate ziehen. Diese Frauen könnten nämlich von einer Endometriose betroffen sein – das bedeutet, dass sich Gebärmutterschleimhaut auch an anderen Stellen im Körper, zum Beispiel im Magen ansiedelt. Das verursacht bei der Blutung große Schmerzen, kann aber mit Medikamenten behandelt werden.

 

Mittlerweile warnen sogar Gesundheitsorganisationen wie die britische „Beat“ vor der Videobotschaft von Freelee. Viele ihrer Abonnenten auf Youtube sind junge Mädchen, für die eine Mangelernährung besonders gefährlich sein kann. Auch Dr. Seifert-Klauss warnt: „Hungern kann krank machen – und Anorexie hat eine extrem hohe Mortalität. Das in Kauf zu nehmen, nur damit die Periode ausbleibt, ist gefährlich!“

Mehr Körperthemen:

  • teilen
  • schließen