Wie ein Alien im Bauch

Wenn Frauen krankhafte Angst vor einer Schwangerschaft haben.
Von Karina Geipel

Illustration: Julia Schubert

Julia hatte einen Albtraum: „Plötzlich bin ich schwanger. Ich habe das Gefühl, ich sei ein Alien, in dem irgendetwas Komisches wächst, und mein einziger Gedanke ist: „Oh Gott, wie kriege ich das Ding jetzt aus mir raus?“ Ich spüre, da ist etwas Fremdes in mir, das größer wird, wächst, das meinen Körper belastet. Wie die Haut gespannt ist, als würde sie jeden Moment platzen!“

Was sich für normale Menschen liest wie ein schlechter Science-Fiction-Roman, ist für die 23 Jahre alte Medieninformatik-Studentin Alltag. Julia leidet unter Tokophobie – der extremen Angst vor Schwangerschaften und Entbindungen. Wie ihr geht es nicht wenigen Frauen. Laut einer Studie sind die Auswirkungen der Krankheit bei rund 13 Prozent aller Frauen so weitreichend, dass sie bewusst versuchen, einer Schwangerschaft um jeden Preis aus dem Weg zu gehen. Rund sechs Prozent verspüren eine krankhafte und pathologische Angst, wenn sie an Schwangerschaft und Geburt denken.

Die Angst, ein „Ding“ in sich zu tragen, das nur leben kann, solange seine Ernährerin lebt. 

Dabei ist Tokophobie keine psychische Erkrankung, die einen eigenen ICD-Code besitzt, also eine internationale Klassifikation dieser Krankheit. Vielmehr fällt sie unter die spezifischen Angststörungen. Selbst erfahrene Psychotherapeuten schrecken vor der Behandlung einer Tokophobie regelmäßig zurück. Herkömmlich werden zwei Formen der Tokophobie (griechisch „toko“ – Schwangerschaft) unterschieden. Frauen wie Julia, die noch nie schwanger waren, aber dennoch eine pathologische Angst davor verspüren, leiden unter primärer Tokophobie. Die Angst von sekundären Tokophobikerinnen ist Folge einer traumatischen Geburt oder dem Verlust eines Babys.

Die Gründe für eine Tokophobie können vielfältig und individuell sein. Die Ängste jedoch sind für Tokophobikerinnen meist ähnlich – physische als auch psychische. In Foren tauschen sich Betroffene über ihre Empfindungen aus. So auch Julia. Meist bleibt ihr kaum ein anderer Ort, um über ihre Sorgen zu sprechen und Verständnis zu erhalten. Die größte Horrorvorstellung für sie ist die Angst, dass sich ihr Körper während der Schwangerschaft und der Geburt verändert: Man nimmt zu, kriegt Schwangerschaftsstreifen, Wasserablagerungen, Krampfadern, die Haare fallen aus, Komplikationen bei der Geburt wie Dammrisse, Einsatz von Saugglocken und Inkontinenz – all das sind mögliche Begleiterscheinungen, die nicht vorhersehbar sind, nicht plan- oder gar steuerbar. Oft sind diese Sorgen verbunden mit der Angst, ein „Ding“ oder „Wesen“ in sich zu tragen, das nur leben kann, solange seine Ernährerin lebt. Der Vergleich des Embryos mit einem Alien fällt in Foren am meisten.

Häufig stehen hinter einer Tokophobie aber auch Versagensängste, dem Kind niemals genug bieten zu können und es nicht richtig zu versorgen. „Ich kann doch kein Kind in die Welt setzen, wenn ich mir nicht sicher bin, dass ich mich darum kümmern kann“, wundert sich Julia. Sie hat das Gefühl, dass aber genau das häufig erwartet werde: Frauen haben von Haus aus zu wissen, wie sie mit Kindern richtig umgehen. Woher, ist unklar. Noch ist die Studentin jung, ihre Mutter habe sie „bis jetzt in Ruhe gelassen mit dem Thema, weil ihr wichtig ist, dass ich mein Studium abschließe. Aber das klassische Familienbild ist bei ihr stark eingeprägt. Sie ist sehr konservativ.“

Julia macht sich dementsprechend große Sorgen um die Zukunft. Darum, dass die Fragen nach einer möglichen Schwangerschaft seitens ihrer Familie immer mehr werden. Darum, dass sie nach dem Studium keine Ausreden mehr haben wird. Seit zwei Jahren überlegt sie intensiv, sich sterilisieren zu lassen. „Aber als junge Frau einen Arzt zu finden, der das macht, ist unmöglich, weil alle der Meinung sind, man würde es sich früher oder später anders überlegen. Frauen sind ja dazu gemacht Kinder zu bekommen.“

Eine Verhütungsmöglichkeit allein gibt Julia nicht die nötige Sicherheit. In einem Forum schreibt sie, dass sie es versucht habe: mit Kondom und Pille, die sie allerdings nicht vertrug. Anschließend schränkte sie ihre sexuellen Aktivitäten auf die unfruchtbaren Tage ein, verwarf diese Idee jedoch nach ein paar Wochen wieder. Die Panik bleibt. Ein anderes Mitglied berichtet, immer eine Packung Schwangerschaftstests im Haus zu haben. Julia ist sich sicher: Solange sie zeugungsfähig ist, wird die Phobie nicht weggehen. Weitere sexuelle Beziehungen – unmöglich.

Maike hat all die Strapazen und Diskussionen, die Julia noch bevorstehen, schon hinter sich. Sie ist Anfang 40 und verheiratet. Einen Kinderwunsch hat sie nie verspürt. „Ich würde meine Gebärmutter sofort verkaufen, wenn ich die Möglichkeit hätte“, sagt sie. In ihren Zwanzigern wurde bei ihr die chronische Krankheit Rheuma diagnostiziert, im Normalfall kein Grund zur Freude. Maike jedoch nahm die Krankheit beinahe dankbar an: „Ich habe das nach außen als Entschuldigung für meine Kinderlosigkeit genommen. Die Leute haben dann endlich verstanden, dass ich keine Kinder kriegen werde.“

Die Gesellschaft erwartet von einer Frau, dass sie Kinder bekommen soll.

Sie lacht, wenn sie sagt, dass ihr Bedarf an Kindern durch ihren Beruf als Musiklehrerin mehr als gedeckt ist und dass sie nicht viel übrig hat für die klassische Rollenverteilung. „Wenn ich sage, dass ich keine Kinder habe und möchte, dann sind die meisten total bestürzt und geschockt. Dann kommen diese Sprüche ,Warte nur ab, mit dem richtigen Partner wird das schon.‘ Und ich stehe daneben und denke mir: ,Hallo? Ich bin verheiratet!‘ Die Gesellschaft erwartet von einer Frau, dass sie Kinder bekommen soll. Als kinderfreie Frau wird man oft nicht ernst genommen. Man habe von nichts eine Ahnung, wisse nicht was Stress ist und besäße Kohle ohne Ende.“ Den Begriff „kinderfrei“ verwenden übrigens viele Frauen, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden, lieber als „kinderlos“.

Auch Evelin ist Anfang 40 und wurde ihr halbes Leben lang mit Missbilligungen zu ihrer Entscheidung konfrontiert. Ihr Arbeitgeber befürchtete, dass sie jederzeit ein Kind bekommen müsste, weil sie ja noch keines habe. Die Kollegen versuchten, sie zu überzeugen, mal im Internet jemanden kennen zu lernen, bevor ihre biologische Uhr ablaufe. Dabei hat sie das Shaming auf Frauen satt: „Als Frau macht man’s, wie man’s auch macht, falsch. Wenn ich Kinder kriege, bin ich falsch, dann bin ich ein Kostenfall. Wenn ich keine kriege, zeuge ich keine Menschen, die in unsere Rentenkassen einzahlen.“

Nachdem ein junges Mädchen in Evelins Dorf schwanger geworden war, wurde ihr von ihren Eltern mit zwölf Jahren eingetrichtert, dass sie ja nie auf die Idee kommen solle, ein Blag mit nach Hause zu bringen. Sie könne sonst sehen, wo sie bleibe. Das Verhältnis zu ihrem Elternhaus – schwierig. Sie spricht von Misshandlungen. Ruhig sein, unterdrückt werden, nie die Meinung sagen dürfen. Auch Maike beschreibt ihre Kindheit als „heftig und ganz sicher nicht normal“. Ihr Vater war gewalttätig, zwang sie mit Gewalt und Druck zu Höchstleistungen. „Es ging dann wirklich darum, die Hose runterzuziehen und mit Kabeln gepeitscht zu werden.“ In jungen Jahren erfuhr sie sexuellen Missbrauch – ausgerechnet durch einen Familienfreund.

Dass primäre Tokophobikerinnen gehäuft Erfahrung mit sexueller Gewalt in der Kindheit machen, kann Psychologin Lena Staudigl bestätigen. „Das kann ein natürlicher Schutzmechanismus sein.“ Ähnlich ist es, wenn Mütter und Frauen aus der Familie gerne über ihre „schlimme, 30 Stunden lange Horror-Geburt“ erzählen. Hören Kinder diese Geschichten, lernen sie, das Thema zu vermeiden, Abstand von Schwangeren zu halten. Maike erinnert sich nur zu gut an die Schilderungen ihrer Mutter zu ihrer Geburt. Sofort wird ihr schwindlig, wenn sie ans Kinderkriegen denkt. Staudigl wundert das nicht: „Sie denkt dann ,Das ist eklig, das ist gefährlich!‘ Das hat sie immerhin ihr Leben lang erzählt bekommen.“

Eine Tokophobie kann aus unterschiedlichen Gründen aufkommen. In Julias Fall hat sie sich über die Pubertät hinweg entwickelt. Die Angst kam schleichend.  Zunächst war es nur ein Unwohlsein beim Sex. Nach und nach begann sie zu verstehen, was mit ihrem Körper passieren würde, wenn sie schwanger wäre und wie eine Geburt verläuft. „Irgendwann“, sagte sie, „habe ich mich nur noch schlecht gefühlt, wenn ich mit meinem Partner geschlafen habe. Ich hatte ständig diese übermäßige Angst, wurde danach immer panisch. Das hat dann auch dazu geführt, dass wir immer seltener Sex hatten, was natürlich die Beziehung belastet.“ Seit letztem Jahr ist Julia Single. Zu groß war der Unterschied zwischen ihrem Lebensmodell und den Wünschen nach einer Großfamilie seitens ihres Partners.

Hilfe und Beratung zu finden ist nicht einfach. Informationen aus vertrauenswürdigen Quellen gibt es kaum. Einen Psychologen zu finden, der sich mit dem Thema auskennt, kann zu einer langwierigen Suche werden. Betroffene Frauen halten ihre Gedanken und Ängste meist zurück, aus Höflichkeit und aus Angst, einen Stempel aufgedrückt zu bekommen. „Dabei hilft der Austausch darüber so sehr. Zu merken, dass man nich alleine ist, kann eine Erleuchtung sein“, erklärt Staudigl. Insofern behandelt man eine Tokophobie meist mit einer klassischen Gesprächstherapie.

„Es fehlt an Akzeptanz, dass diese Angst nicht rein irrational, sondern auch begründet ist.“

Letztendlich gibt es einige Frauen, die es trotz Tokophobie schaffen, ein Kind zu bekommen. Mit der richtigen Therapie und Fürsorge überstehen Frauen diese Phase der Angst. „Ganz besonders wichtig ist dabei das Gefühl der Bindung und Sicherheit“, so Staudigl. Die Ansätze können ganz verschieden sein: In Frankreich wird häufig mit der Haptonomie gearbeitet, einer Therapieform, bei der durch sanfte Berührungen Vertrauen aufgebaut werden soll. In Schweden haben Frauen in Aurora-Kliniken die Möglichkeit, frühzeitig eine Bindung zu Ärzten, Krankenschwestern und Hebammen aufzubauen. Staudigl ist überzeugt von dieser Praxis: „Wenn ich alle Menschen im Kreißsaal schon vorher kennen gelernt habe, wenn ich weiß, die wollen mir was Gutes und die wissen, dass ich brutale Angst habe – dann fühlt sich das ganz anders an, als in eine Klinik gekarrt zu werden und dann gebären zu müssen.“ In jedem Fall müsse das große Tabu um das Thema aufgebrochen werden.

In Maikes und Evelins, aber insbesondere in Julias Leben, wird die Tokophobie immer eine große Rolle spielen. Denn es ist ein großer Einschnitt in das Leben einer jungen Frau, wenn sexuelle Beziehungen dadurch unmöglich werden. Wenn eine chronische Krankheit vorgeschoben wird, aus Scham, sich nicht anders erklären zu können. Eigentlich erstaunlich, dass ausgerechnet ein so alltägliches Thema wie „Schwangerschaft“ so viel Nachholbedarf erfordert. Julia weiß nur: „Es fehlt an Akzeptanz, dass diese Angst nicht rein irrational, sondern auch begründet ist. Dass nicht jede Frau den Wunsch hat, Kinder zu bekommen. Das sollte endlich mal in der Gesellschaft ankommen.“

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