„Für mich war es wichtig, dass ich das mit meinem Körper machen darf“

Junge Frauen, die sich sterilisieren lassen wollen, finden häufig keine Ärzte, die sie operieren.
Von Berit Dießelkämper

Foto: dpa/Rolf Vennenbernd Bearbeitung: jetzt

Kira hat ihren Kampf in einer Excel-Tabelle festgehalten: Insgesamt 25 Zeilen, jede steht für einen Arzt oder eine Ärztin, die Kira nicht behandeln wollten. Sie möchte sich sterilisieren lassen. In der dritten Spalte der Tabelle, in die Kira die Begründungen für die Absagen einträgt, steht am häufigsten: „Nicht unter 30, nicht ohne Kinder“. 

Kira ist 25 und hat keine Kinder. Dass sie auch keine will und sich sterilisieren lassen möchte, weiß sie, seit sie sich mit 16 Jahren das erste Mal beim Frauenarzt die Pille verschreiben ließ. Im Dezember vergangenen Jahres begann sie, Ärzte und Ärztinnen in Berlin abzutelefonieren, Mails zu schreiben und in Sprechstunden zu gehen, um sich endlich sterilisieren zu lassen. Die Praxen, die sie anfragte, führen die Operationen grundsätzlich durch, nur eben nicht bei Kira. 

Sie sei zu jung und sie könne ja irgendwann auch noch einmal einen anderen Partner haben, wurde ihr gesagt. „Das war absurd, ich war zu dem Zeitpunkt verheiratet und seit sieben Jahren mit meinem Partner zusammen“, sagt Kira. „Einer der Ärzte hat mich noch nicht einmal in sein Sprechzimmer gelassen, sondern im Wartezimmer abgefangen und mir einen Flyer über die Spirale in die Hand gedrückt“, sagt Kira, „und dann meinte er noch, ich gäbe doch so eine hübsche Mutter ab.“ Eine medizinische Begründung für die Absagen bekommt Kira nicht, nur immer wieder ein „Das machen wir nicht bei Ihnen“. „Ich fühlte mich so hilflos, obwohl ich eine erwachsene Frau bin und es mein Körper ist“, sagt Kira. 

„Würde ich schwanger werden, würde ich sofort abtreiben“

Theoretisch kann sich in Deutschland jeder sterilisieren lassen, sobald er oder sie volljährig ist. Dennoch gibt es sehr viele junge Frauen, die nur unter großem Aufwand einen Arzt oder eine Ärztin finden, der oder die diesen Eingriff vornimmt, solange sie noch unter 30 sind oder keine Kinder haben. Viele der Frauen haben sich vernetzt und tauschen sich online in Facebook-Gruppen aus. Darüber, wie schwierig es für sie war, was sie auf ihrer Suche erleben mussten und bei welchen Praxen sie welche Erfahrungen gemacht haben.

Auch Lysann informierte sich vor ihrer Sterilisation zunächst im Internet und in den Gruppen. Sie ist 23 und weiß, dass sie keine Kinder bekommen möchte. Vor über einem Jahr hat sie die Pille abgesetzt, weil sie nicht hormonell verhüten möchte. „Natürlich kann ich noch mit Kondom verhüten, aber die permanente Angst, dass es kaputtgeht und doch etwas passiert, halte ich nicht aus.“ Sie will sich nicht jeden Monat aufs Neue quälende Gedanken machen müssen. „Würde ich schwanger werden, würde ich sofort abtreiben, aber das ist ja auch keine Lösung“, sagt Lysann.

Nachdem sie die Erfahrungsberichte anderer Frauen gelesen hatte, vergrößerte sie den Suchradius, in dem sie Anfragen an Praxen verschickte. Sie fand dann 200 Kilometer von ihr entfernt eine Ärztin, die bereit war, den Eingriff vorzunehmen. Man könnte fast sagen, sie hatte Glück, aber Lysann ist sich sicher: Es lag an dem Gutachten, das ihr eine Psychologin ausgestellt hatte. „Darin stand, dass ich mit meinen 23 Jahren schon ‚reif‘ für diese Entscheidung bin, dass ich bei klarem Verstand bin und wirklich keine Kinder haben möchte“, sagt Lysann. Außerdem musste Lysann noch ein Schreiben aufsetzen, in dem stand, dass sie aufgeklärt wurde, die Sterilisation wirklich ihre freie Entscheidung ist und niemand sie beeinflusst hat – für die Akten und als Absicherung für die Ärztin, die sie behandelte. 

Lysann möchte ein größeres Bewusstsein für dieses Problem junger Frauen wecken und veröffentlichte ein Bild ihrer Operationsnarbe und ihre Geschichte auf Facebook. Sie spricht von der „Steri“ und den „Mädels“ aus den Online-Gruppen, die ihr nach dem Eingriff schrieben, dass sie ihnen Hoffnung mache, weil sie es mit nur 23 Jahren „geschafft“ habe. Das Datum ihrer Sterilisation hat sich Lysann zusammen mit dem Datum eines weiteren Eingriffs, bei dem sie sich zusätzlich die Gebärmutterschleimhaut veröden ließ, tätowieren lassen.

„Ein Wunsch ist keine medizinische Indikation und wenn es nur darum geht, nicht schwanger zu werden, dann reicht das nicht“ 

Kann die Entscheidungsfähigkeit einer Frau an einer Zahl festgemacht werden – ihrem Alter oder der Anzahl ihrer Kinder – oder ist das problematisch, weil Frauen auf diese Weise abgesprochen wird, eigenständig und zu jedem Zeitpunkt über ihren Körper zu bestimmen? 

Die Praxis, in der Dr. Astrid Franke arbeitet, steht in Kiras Tabelle an elfter Stelle. Ohne medizinische Notwendigkeit würde sie auch andere junge Frauen nicht sterilisieren. „Das ist nicht bevormundend, weil ich die Verantwortung für den Eingriff übernehmen muss. Ein Wunsch ist keine medizinische Indikation, es muss einen Grund geben und wenn es nur darum geht, nicht schwanger zu werden, dann reicht das nicht“, sagt Franke. Es sei sehr viel schwieriger, eine Schwangerschaft nach einer Sterilisation wieder möglich zu machen, als andere Verhütungsmethoden anzuwenden. Denn obwohl eine Sterilisation bei Frauen häufig als endgültig gilt, lässt sie sich – ebenso wie bei Männern – wieder rückgängig machen.

„Ich finde natürlich nicht, dass jede Frau ein Kind bekommen muss, aber die Lebenswege sind so unterschiedlich und sich diese Möglichkeit so früh zu verbauen, halte ich für schwierig“, sagt Franke. Dass Frauen ihre Sterilisation bereuen und sie wieder rückgängig machen wollen, passiere relativ selten, sagt Franke, was aber eben auch daran liege, dass die meisten Eingriffe erst sehr spät vorgenommen werden. Nicht selten raten Ärztinnen und Ärzte jungen Paare daher auch dazu, dass sich nicht die Frau, sondern der Mann sterilisieren lässt.

Die Erfahrung, dass eine Sterilisation für Männer sehr viel einfacher zu bekommen ist, mussten auch Deborah und ihr Freund machen. Deborah ist 29 und weiß seit vielen Jahren, dass sie ein Leben ohne Kinder führen möchte. Als sie vergangenen Sommer fürchtete, schwanger zu sein, es dann aber doch nicht war, beschloss sie: Das geht so nicht weiter, eine permanente Lösung musste her. Zu dem Zeitpunkt hatte Deborah das Thema Sterilisation immer wieder und bei verschiedenen Frauenärzten und -ärztinnen angesprochen – immer ohne Erfolg. Dann meldete sich ihr Freund für eine Vasektomie an. „Er musste dafür einmal anrufen, zum Beratungsgespräch gehen und hatte direkt einen Termin für den Eingriff“, sagt Deborah. „Das wäre zwar auch eine Option gewesen, aber für mich war einfach wichtig, dass ich das mit meinem Körper machen darf.“   

„Mittlerweile ist das eine Prinzipienfrage, wie ein feministischer Kampf, den ich und die anderen Frauen führen“

Auf die Frage, warum sie glaubt, dass es für Frauen so viel schwieriger ist, sagt Deborah, dass es an dem gesellschaftlichen Bild der Frau als Mutter liege: „Es ist diese vermeintliche Selbstverständlichkeit, dass alle Frauen irgendwann Mutter sein wollen, dass alle Frauen Babys super finden und dass alle Frauen eine Familie gründen wollen. Und wenn man das nicht will, dann wird das sehr, sehr hart hinterfragt und häufig auch einfach nicht ernstgenommen.“ 

Einen Unterschied gibt es auch bei den Informationen, die man über Sterilisationen online finden kann: Während Frauen wie Kira die Praxen einzeln abfragen müssen, gibt es auf vasektomie.de beispielsweise ein Verzeichnis, in dem sich Ärzte und Ärztinnen, die Männer sterilisieren, registrieren können, sodass an sie als Mann sehr leicht und in der Nähe finden kann. „Wenn es sowas für Männer gibt, dann sollte es das auch für Frauen geben“, findet Susanne Rau. Sie hat deswegen das Projekt „Selbstbestimmt steril“ gegründet, das im Herbst in einen Verein überführt werden soll. Sie und das Team aus mittlerweile sieben Frauen wollen eine interaktive Karte erstellen, in der Ärzte und Ärztinnen vermerkt sind, die junge Frauen auch unter 30 und auch ohne Kinder sterilisieren, damit die nicht selten lange und demütigende Suche für junge Frauen ein Ende hat.

Gäbe es eine 26. Zeile in Kiras Excel-Tabelle, dann stünde da jetzt der Name einer Praxis in der Nähe von Köln und damit auch ihre erste und einzige Zusage. Den Tipp hat sie aus einer der Facebook-Gruppen. In zwei Wochen ist der Termin für ihre Sterilisation. „Mittlerweile ist das für mich zu einer Prinzipienfrage geworden, wie ein feministischer Kampf, den ich und die anderen Frauen führen, weil es einfach nicht in Ordnung ist, wie mit uns umgegangen wird“, sagt Kira.

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