Eine junge Werberin möchte psychische Erkrankungen enttabuisieren

Und entwirft Buttons mit Psychopharmaka-Namen drauf.

Wer krank ist, nimmt Tabletten. Soweit, so unproblematisch. Aber wenn man die Pillen nicht wegen harmloser Kopfschmerzen, sondern einer psychischen Erkrankung einnehmen muss, dann überlegt man es sich häufig sehr genau, wem man davon erzählt oder ob man es überhaupt jemandem verrät. Denn psychische Erkrankungen sind noch immer stigmatisiert. Und Betroffene befürchten, dass ihre Offenheit für sie negative berufliche und gesellschaftliche Folgen haben könnte.

Zudem macht der Gebrauch von Psychopharmaka vielen Menschen Angst: Da die Tabletten in der Hirnchemie andocken, befürchten manche, dass die Einnahme sie charakterlich und mental verändern könnten. Tatsächlich haben Psychopharmaka zum Teil relativ unangenehme Nebenwirkungen und manche Patienten brauchen sehr lange, bis sie die für sie passende Medikation gefunden haben.

Lauren Weiss lebt als Werberin in New York. Als Abschlussarbeit für ihr Studium hat sie die Kampagne „Wear Your Meds“ entwickelt und dafür Buttons gebastelt, auf denen die bekanntesten Psychopharmaka abgebildet sind, wie Xanax, Trazodon, Adderall oder Lexapro.

Weiss hofft, dass Menschen dank dieser Buttons ins Gespräch kommen und das große Stigma, das psychische Erkrankungen und ihre Medikation umgibt, abzubauen. Wer so einen Button trage, so Weiss auf ihrer Homepage, der sei ehrlich, offen und verwundbar, könne damit aber auch zeigen, wie stolz er auf seinen eigenen Fortschritt sei, und andere ermuntern, sich Hilfe zu suchen, wenn sie die benötigten.

Die Inspiration für die Arbeit kam aus Laurens eigenem Leben: Nachdem sie den Comedian Chris Gethard gehört hatte, der sehr offen über seine psychische Erkrankung spricht, raffte sie sich endlich auf, selbst einen Therapeuten aufzusuchen, vom dem sie die Diagnose „Bipolare Störung“ erhielt.

Schon lange vor ihrer Diagnose war Lauren Weiss bewusst, dass sie an einer psychischen Erkrankung litt. Doch sie nahm Jahre lang schwere depressive wie manische Schübe in Kauf, nur um zu verhindern, dass sie eine von diesen „verrückten Leuten werden würde, die Pillen brauchen.“ Für sie symbolisierten Psychopharmaka damals die totale Selbstaufgabe.

Stattdessen verbrachte sie sehr viel Zeit damit, Selbsthilfebücher zu lesen vergeblich zu versuchen, sich selbst zu heilen. Selbst als sie schon einen Termin bei einem Psychiater hatte, kam ihr das wie ein Scheitern vor. Sie befürchtete, dass die Medikamente sie verändern könnten und sie fortan nicht mehr kreativ sein könnte. Erstaunlicherweise erlebte sie das Gegenteil dessen: Dank ihrer Medikation fühlte sie sich zum ersten Mal seit Jahren wieder klar im Kopf. Sie war sehr viel produktiver und kreativer als in den Jahren davor und fühlte sich endlich wieder wie sie selbst.  

Nach diesem Erlebnis beschloss sie, völlig offen mit dem Thema umzugehen, um damit möglicherweise anderen Menschen zu helfen, die sich in einer ähnlichen Situation befanden wie sie kurz zuvor.

Alle Einnahmen, die Weiss ihren selbst hergestellten den Buttons erhält, werden einer Organisation gespendet, die Menschen mit psychischen Erkrankungen unterstützt.

Weil ihr bewusst ist, dass nicht jeder Mensch in der Lage ist, so offen mit seiner Krankheit umzugehen, hat sie sich die Buttons ausgedacht, die eine etwas subtilere Form des Aktivismus bedeuten können.

Das Sympathische an Lauren Weiss ist, dass sie sich ihrer Privilegien durchaus bewusst ist:  Nicht jeder Mensch ist in der Lage, so offen mit seiner Erkrankung umzugehen wie sie. Nicht jeder arbeitet in einer Branche, in der mit dem Thema relativ tolerant umgegangen wird. Und ihr ist auch durchaus bewusst, dass es auch Menschen gibt, die Psychopharmaka missbrauchen. Dass auch die ihre Buttons tragen könnten – mit einer ganz anderen Botschaft, als der, die sich Lauren so vorgestellt hat, sei aber nun mal nicht zu ändern. Viel wichtiger sei es, dass möglicherweise irgendjemand durch die Buttons dazu gebracht wird, sich Hilfe zu holen. Und zwar schneller, als sie es damals tat.

chwae