Warum habt ihr Deutschen Angst, wenn ich als Asiatin Maske trage?

Wir Ost-Asiat*innen sehen Atemschutzmasken als Alltags-Utensil. Warum wollt ihr nicht von uns lernen?
Von Jingshin Lin, übersetzt von Jonas Schneider

Illustration: FDE

Ich komme aus Taiwan und studiere seit zwei Jahren in Deutschland. Doch erst in den vergangenen Monaten habe ich folgende Ironie beobachtet: Viele Deutsche scheinen mehr Angst vor einer Asiatin mit Atemschutzmaske zu haben als vor einer ohne. Meine taiwanesischen

Freunde und ich haben das erlebt. Wenn wir in der U-Bahn, auf der Straße oder in einem Laden mit Maske unterwegs waren, konnten wir uns sicher sein, zumindest ein paar argwöhnische Blicke abzubekommen. Ohne war es besser.

Nachdem Covid-19 ausgebrochen war, war es trotzdem selbstverständlich für mich, eine Maske zu tragen. Als ich aber vor wenigen Wochen einmal mit meiner Schutzmaske in einer Berliner U-Bahnstation stand, merkte ich, wie mich eine ältere Dame feindselig ins Visier nahm. Sie stand einige Meter von mir entfernt und starrte mich an. Erst als ich die Maske verwirrt abnahm, wandte sich die Frau erleichtert ab.

Viele Europäer meinen, nichts von Ost-Asiaten lernen zu können

Für mich ist das absurd: Atemschutzmasken sind in Ost-Asien kein Zeichen dafür, dass man todkrank oder paranoid ist – anders als das viele Europäer offenbar denken. Sie sind ein Utensil des Alltags, das uns nichts nimmt. Ein einfacher und effektiver Weg, um sich und andere vor Ansteckungen zu schützen. In Taiwan gilt es daher schon bei einer leichten Erkältung als unhöflich, das Haus ohne Maske zu verlassen.

Als das Coronavirus aufkam, häuften sich Medienberichte über Rassismus gegen Asiatinnen und Asiaten wie mich. Als ich sie las, hatte ich allerdings das Gefühl, dass viele dieser Artikel das grundlegende Problem nicht verstanden. Ich fand es zwar wichtig, dass darüber berichtet wird. Aber das „Wie“ war merkwürdig. Ich hatte oft das Gefühl, dass die Deutschen das wirkliche Problem, für das diese Vorfälle auch stehen, immer noch nicht begreifen: dass Ost-Asiatinnen und Ost-Asiaten in der deutschen Gesellschaft vollkommen unterrepräsentiert sind und

grundsätzlich nicht verstanden werden. Mir geht es dabei nicht darum, ob man den Nachrichten über China folgt, K-Pop hört und Manga liest, oder in seinem Leben ein-, zweimal nach Vietnam oder Japan gereist ist. Das Problem ist abstrakter – es geht um das Gefühl der großen Entfernung.

Damit meine ich weniger die physische Entfernung als das Gefühl vieler Europäerinnen und Europäer, dass Ost-Asien nicht wirklich ein Teil der europäischen Realität sei. Dabei ist Asien untrennbar mit Europa verbunden, allein wirtschaftlich. Die Leute meinen trotzdem, nichts von den Menschen in Ost-Asien lernen zu können, als wären wir exotisch anders. Sie sehen keine Notwendigkeit dafür, Asien und die Menschen, die dort leben, zu verstehen.

Am Anfang der Pandemie stand in Deutschland die eigentümliche Idee, dass China zu weit weg sei, dass dieses Virus nichts mit Europa zu tun habe. Selbst Experten in Europa fühlten sich von Covid-19 nicht direkt bedroht, als es in Wuhan ausbrach. Gleichzeitig schalteten Länder wie Taiwan schon Anfang Januar auf Alarmstufe Rot. Ich denke, man muss sich deshalb nun fragen, warum Europa so viel langsamer als asiatische Länder reagiert hat. Denn genau hier zeigt sich, wie problematisch dieses „Gefühl der Entfernung“ sein kann.

Die Angst vor Hysterie war für viele Asiaten um mich herum unverständlich

Die Nachbarländer Chinas mussten in den vergangenen Jahrzehnten oft schmerzhaft lernen, dass man den offiziellen Informationen aus China nicht trauen kann. Um nur ein Beispiel zu geben: Während der SARS-Epidemie in Guangdong im Jahr 2003, versuchte die chinesische Regierung beispielsweise, den Ausbruch für drei Monate zu vertuschen. Als das Virus Taiwan erreichte, war das Land vollkommen unvorbereitet. Um einen größeren Ausbruch zu vermeiden, musste es die

schmerzhafte Entscheidung treffen, ein gesamtes Krankenhaus abzuriegeln. In der Folge starben darin 37 Menschen, die unter anderen Umständen vielleicht überlebt hätten. Die Vorsicht, die wir dadurch gelernt haben, scheint in Europa zu fehlen. Chinas politisierte Informationen werden aus meiner Sicht in vielen deutschen Medien fast kritiklos angenommen und wiederholt. Dabei ist es kein Geheimnis, dass China eine aggressive Informationspolitik zu seinen eigenen Gunsten führt.

Meine taiwanesischen Freunde in Deutschland und ich waren deshalb in den vergangenen Monaten verwundert, wir fühlten uns zerissen zwischen den beiden Welten. Ab Anfang Januar lasen wir die Berichte von kritischen chinesischen Journalisten und Online-Usern über den Zusammenbruch des Gesundheitssystems in Wuhan. Wir sahen, wie die taiwanesische Regierung begann, konsequente Maßnahmen vorzubereiten, um einen Ausbruch des Coronavirus in Taiwan zu verhindern. Währenddessen war die Reaktion in Deutschland erschreckend sorglos. Die meisten, auch Autoritätspersonen, waren noch der Meinung, das Coronavirus sei nicht viel gefährlicher als eine normale Grippe. Viele hörte man sagen: „Die Hysterie ist schlimmer als das Virus selbst.“

Dieses Virus aus China schien nicht in die Realität Europas zu passen

Diese Angst vor „Hysterie“ war für viele Asiaten um mich herum unverständlich. Sie ist übrigens ein weiterer Grund, warum ich die Berichterstattung über Rassismus gegen Asiaten fehlgeleitet fand. Oft stellte sie die rassistischen Übergriffe als eine Folge der angeblichen „Virus-Hysterie“ dar – und prangerte so unterschwellig die Besorgnis über das Coronavirus gleich mit an. So machte sie es uns noch schwerer, mit Maske auf die Straße zu gehen und uns ernsthaft vor dem Virus zu schützen. Viele Ost-Asiaten um mich herum fühlten sich, als könnte man das Thema Coronavirus mit deutschen Bekannten kaum ansprechen, ohne dass diese abwehrten. Es war, als wäre jede Erinnerung an eine mögliche Bedrohung durch das Virus zu viel. Dieses Virus aus China schien nicht in die Realität Europas zu passen. Und die Atemschutzmaske ist das perfekte Symbol dafür, denn auch sie passte nicht hierher.

Das war die erste Phase der Corona-Krise, als das Virus sich noch nicht in Europa ausgebreitet hatte, in der zweiten könnte man nun vielleicht aus den Erfahrungen in Ost-Asien lernen wollen. Momentan gibt es tatsächlich mehr und mehr deutsche Artikel darüber, wie Taiwan, Südkorea und Singapur es schafften, das Coronavirus weitestgehend gut unter Kontrolle zu halten. Nun können die Leute erfahren, wie mit Apps und Social-Tracing die Spur des Virus in Taiwan verfolgt wird. Man versucht dort, jeden einzelnen Fall zu registrieren, um dann alle Kontaktpersonen warnen zu können. Dafür müssen zwar persönliche GPS-Daten genutzt werden, aber der gesamte Prozess ist so transparent, dass man genau weiß, was mit seinen Daten passiert.

Auch die Bürger Taiwans legen viel Wert auf ihre Rechte, aber sie wollen auch nicht vor dem Virus kapitulieren

Hierzulande scheint man zurückhaltend zu sein, Taiwan als Vorbild zu sehen. Man will doch seine Freiheitsrechte nicht beschränken lassen, wie es in Asien passiere. Das klingt für mich arrogant. Taiwan ist eine lebendige, selbstbewusste Demokratie, in der die Bürger viel Wert auf ihre Rechte legen. Aber sie wollen auch nicht vor diesem gefährlichen Virus kapitulieren.

Eines ist inzwischen anders geworden. Mit dem Ausbruch des Coronavirus in Europa gibt es jetzt nur noch wenige, die diese Pandemie hier nicht ernstnehmen. Auch die Atemschutzmaske wurde rehabilitiert, nachdem sie Jahrzehnte lang geächtet worden war und auch 2020 noch durch mehrere Phasen der Skepsis musste.

Auch im Alltag scheint sich nun einiges in Deutschland zu verändern. Ein Freund teilte Vor kurzem diese Geschichte auf Facebook: Eine Freundin von ihm hatte nach längerer Zeit endlich den Mut gesammelt, um sich mit Atemschutzmaske gerüstet auf den Weg zum Einkaufen zu machen. Als sie den Supermarkt betrat, spürte sie, wie zwei Fremde sie fixierten. Es ist zurzeit schon fast ein Instinkt für viele Ost-Asiaten, jede Art von Aufmerksamkeit als den Prolog für einen rassistischen Angriff zu deuten. Und genau das tat sie. Aber als sie ihre Schritte beschleunigte, um der Sache aus dem Weg zu gehen, taten die beiden Fremden es ihr gleich. Panisch flüchtete sie durch die Einkaufsregale in Richtung Kasse, die beiden Fremden jedoch blieben direkt hinter ihr. Sie erreichte endlich die Kasse, als die beiden ihr leicht verwirrt hinterherriefen: „Entschuldigung! Woher haben Sie Ihre Gesichtsmaske?“ Viel zu aufgeregt, um eine ordentliche Antwort zu geben, stürmte die Freundin zum Ausgang und rief nur: „Taiwan! Taiwan!“

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