Warum sind Prokrastinierer noch nicht ausgestorben?

Evolutionsbiologisch ergibt Aufschieben schließlich nicht viel Sinn – oder doch?
Von Marie Kilg
Illustration: Federico Delfrati

Mit der Motivation ist das so eine Sache: Sie ist sehr oft für genau das da, was gerade nicht Priorität haben sollte: einen Zeitungsartikel lesen, durch die Instagram-Timeline scrollen, mal wieder die Küche aufräumen. Alles klingt attraktiver, als eine Hausarbeit zu schreiben, wenn der Abgabetermin naht.

Zu Beginn eine gute Nachricht für alle, die oft erst mal andere Dinge machen, während sie eigentlich ihre Hausarbeit schreiben sollten: Diese Ausweichtaktik, das Prokrastinieren, ist nicht neu. Schon die antiken Herrscher und Philosophen, von denen heute unvollendete Hausarbeiten handeln, haben selbst darüber geschwafelt, statt etwas Sinnvolles zu tun.

An die gute Nachricht schließt sich aber eine Frage an: Wenn das Aufschieben schon seit Jahrtausenden, womöglich sogar noch viel länger als leidige Eigenschaft bekannt ist, warum ist es nicht schon längst ausgestorben?

Psychologen erklären Untätigkeit und Aufschieberitis zum Beispiel mit Versagensängsten. Die Evolution funktioniert aber angeblich so: Nützliche Merkmale werden weitervererbt. Charakterzüge, die nichts bringen, verschwinden im Laufe der Zeit.

Und das Prokrastinieren klingt ja wohl nach der Bilderbuchausführung einer nutzlosen Eigenschaft. Ein Steinzeitmensch, der seinen Arsch nicht hochkriegt, wird kein Mammut jagen. Also müsste er verhungern, oder? Seine zielstrebigen Kollegen hingegen würden überleben und ebenso pflichtbewusste Nachkommen produzieren. Eigentlich dürfte längst kein Prokrastinierer mehr übrig sein. Warum also schlagen sich laut wissenschaftlich belegten Zahlen heute noch bis zu 95 Prozent der Studenten mit der Unproduktivität herum?

Leider gibt es von Ötzi keine Tagebücher, in denen steht, warum er manchmal Steintürmchen stapelte, statt einen Holzvorrat anzuschaffen

Für Evolutionsbiologen gibt es mehrere mögliche Erklärungen, wenn sich unpraktische Merkmale trotzdem durchsetzen. Manchmal ist einfach noch nicht genug Zeit vergangen. Oder die Eigenschaft ist zwar lästig, aber nicht fatal genug, um ihre Träger konsequent von der Fortpflanzung abzuhalten. Außerdem kann ein Merkmal auch ein Nebeneffekt eines anderen, nützlichen Merkmals sein. Es gibt zum Beispiel eine genetische Krankheit, die Sichelzellenanämie, die zwar tödlich ist, wenn man sie von beiden Elternteilen geerbt hat. Aber wenn man das Gen nur teilweise in sich trägt, schützt die Veränderung im Blut vor Malaria. Die Träger des Gens haben also sogar einen Vorteil, keinen Nachteil. Das Gen überlebt. 

Für das chronische Bedürfnis, lästige Arbeit aufzuschieben, ist wahrscheinlich kein einzelnes Gen verantwortlich. Forscher sind zurückhaltend mit Begründungen, warum sich diese oder jene Eigenschaft genetisch durchsetzt und eine andere nicht. Die meisten Merkmale sind dafür viel zu komplex, und man hat zu wenige Belege aus der Menschheitsgeschichte, wie die Dinge sich entwickelt haben. So auch mit dem Prokrastinieren: Leider gibt es von Ötzi und Lucy keine Tagebücher, in denen sie festgehalten haben, dass sie manchmal lieber kleine Türmchen aus Feuersteinen stapelten, statt wie versprochen einen Holzvorrat anzuschaffen. 

„Es ist grundsätzlich immer sehr schwierig und extrem spekulativ, menschliches Verhalten evolutionsbiologisch zu interpretieren. Vor allem deswegen, weil echte Langzeit-Experimente bei Menschen allein schon aus ethischen Gründen nicht möglich sind”, sagt Miguel Vences vom Institut für Evolutionsbiologie in Braunschweig. 

Trotzdem hat er eine Idee, warum unmotivierte Faulenzer in der Menschheitsgeschichte doch den ein oder anderen Win eingesammelt haben könnten. Zur Mammutjagd etwa sagt er: „Eine generelle Verzögerung bestimmter Aktivitäten ist vielleicht auch gut, um nicht vom Mammut angegriffen und getötet zu werden. Dann ist man zwar der unentschlossene Verzögerer, der im Lager geblieben ist, aber man hat zumindest überlebt.” 

 

Der aufschieberische Charakterzug, der von Uni-Profs wie Eltern so gerne verurteilt wird, könnte also in Wahrheit eine biologische Geheimwaffe sein. Der Autor und Informatikprofessor Cal Newport argumentiert auf seinem Blog so: Der Hauptvorteil des modernen Menschen gegenüber seinen primitiveren Vorfahren sei die Fähigkeit des complex planning, da sind sich Paläo-Anthropologen ziemlich sicher. Während ein Urzeitmensch am Lagerfeuer saß, konnte er den Plan schmieden, morgen mit einem Speer auf ein Mammut zuzurennen. Andere Tiere können das schonmal nicht. Beim ersten Plan ist aber noch nicht Schluss. Was die Menschen so erfolgreich machte, war auch die Möglichkeit, verschiedene Pläne miteinander zu vergleichen. Statt mit dem Speer auf das Mammut zuzurennen, könnte sich der Lagerfeuermensch auch anschleichen und den Speer werfen. Und wenn er die verschiedenen Pläne ein Weilchen gegeneinander abwägt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er sich einen Überlebensvorteil gesichert hat, im Vergleich zur Person nebenan, die einfach losrennt. 

 

Und hier kommt für Newport das Prokrastinieren ins Spiel. Seine einfache Erklärung fürs Aufschieben: „Dein Gehirn kauft dir deinen Plan nicht ab.” Die Evolution habe das Gehirn gelehrt, immer schön brav verschiedene Pläne miteinander abzugleichen. Aus der Erfahrung mit seinen Studenten schließt Newport: Wer eine Hausarbeit schreiben soll, aber noch keine Ahnung hat, wie genau er das machen wird, den hindert sein urzeitliches Unterbewusstsein aus Sicherheitsgründen daran, den Arsch hochzukriegen.

 

Wenn das nächste Mal die Motivation fehlt, hilft es vielleicht, noch ein bisschen am Plan zu feilen

 

Denn so haben wir es gelernt: Im Zweifel ist der unausgereifte Plan der, nach dem man mit nichts als einem Zahnstocher in der Hand plötzlich einem Mammut gegenüber steht. Und egal, welche sinnlose Ablenkung der Alternativplan beinhaltet – selbst Grashalme zu sortieren ist besser als unüberlegt loszustürzen. Das moderne Pendant von „Grashalme sortieren” wäre heute dann eben meistens „Instagram durchscrollen.” Abwegig ist diese Theorie nicht: Auch in der psychologischen Forschung wurde das Prokrastinieren schon mit den Bereichen in Verbindung gebracht, die für komplexe Planung zuständig sind. 

 

Wenn also das nächste Mal die Motivation fehlt, mit irgendeinem unliebsamen Task loszulegen, hilft es vielleicht, sich zu fragen, ob man noch ein bisschen am Plan feilen muss. Das Gefühl kennen wahrscheinlich auch die meisten: Wenn man genau weiß, was man als nächsten Schritt zu tun hat, fällt einem das Arbeiten wirklich nicht mehr so schwer. 

 

In der Antike galt übrigens das Weiter-Pläne-Schmieden als einzige legitime Ausrede für Prokrastinierer. Im Krieg nämlich. Das Prokrastinieren, schrieb der athenische General Thucydides, sei „nützlich nur zum Hinauszögern eines Krieges, um diesen besser vorzubereiten, und damit sein Ende zu beschleunigen.”

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