So überstehst du die Corona-Krise mental

Auch bisher psychisch gesunden Menschen kann sie nämlich auf die Psyche schlagen.
Interview von Simone Grössing

Illustration: Federico Delfrati

Die Corona-Krise und die Maßnahmen, die ihretwegen ergriffen werden, überfordern uns alle. Während die soziale Isolation unsere körperliche Gesundheit schützen soll, könnte sie psychisch zur Belastungsprobe werden – auch für Menschen, die bisher psychisch gesund sind. Wir haben die Psychologin Brigitte Lueger-Schuster gefragt, was man tun kann, wenn man sich gerade sehr gestresst fühlt.

jetzt: Frau Lueger-Schuster, die Bundeskanzlerin sprach von der „größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“. Wie bewahrt man in solch dramatischen Zeiten die Ruhe?

Lueger-Schuster: Mit Vertrauen auf die Maßnahmen der Politik. Man sollte jetzt genau das tun, was angesagt wird und sich darauf konzentrieren. Auch wenn das bedeutet, jetzt alles zur Seite schieben zu müssen, was einen sonst im Leben und an der Politik ärgert.

Inwiefern wirkt sich die Corona-Krise auf die Psyche der Menschen aus?

Die aktuelle Krise trifft vor allem Menschen, die sich ohnehin nicht ganz leicht tun im Leben. Zum Beispiel Jugendliche in der Pubertät oder Menschen mit psychischen Vorerkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen. Bei diesen Menschen lösen die aktuellen Ereignisse noch mehr Stress aus, sie können psychische Probleme vertiefen. Vor allem, weil die Menschen ihre gewohnten Abläufe verlieren. Dabei sind gerade diejenigen, die psychisch instabiler sind, auf tägliche Routinen angewiesen: Sie gewinnen dadurch an Stabilität, auch etwa mit Outdoor-Aktivitäten. Diese Abläufe verlieren sie jetzt, denn plötzlich sind wir zu Hause und in Isolation. Das bringt Probleme mit sich: Man kann Konflikten zu Hause zum Beispiel nicht mehr aus dem Weg gehen.

Foto: privat

Wie wahrscheinlich ist es, dass sich da eine richtige Welt-Angst bei vielen entwickelt, angesichts so schlechter Nachrichten?

Das ist eine sehr schwere Frage, weil ja völlig unklar ist, was Welt-Angst bedeutet. Es gab in der jüngeren Geschichte schon sehr viele Phasen, in der die Bevölkerung Angst hatte, und zwar global, zum Beispiel die Weltkriege, wir kennen hier nur die Folgen dieser Kriege. Aus zahlreichen Forschungen wissen wir, dass die Belastung durch den Krieg bei einigen Menschen längerfristig zu psychotraumatischen Symptomen geführt hat. Das sind vor allem Menschen, die massiv unter den Gewalteinwirkungen litten, also zum Beispiel Verfolgte, Krankenschwestern an der Front oder Überlebende des Holocaust. In der gegenwärtigen Situation halte ich die Angst, die uns vor dem Virus erfasst hat, für sinnvoll, weil sie uns größtenteils motiviert, das Richtige zu tun, also uns und unser Umfeld zu schützen. Die Angst vor Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichen Folgen dürfte aber längerfristig schwerer wiegen, denn hier geht es um die längerfristige Perspektive im eigenen Leben.

„Soziale Kontakte sollten gepflegt werden – zum Glück gibt es moderne Technologie“

Können bisher psychisch gesunde Menschen vielleicht aus Verzweiflung über die derzeitige Situation erkranken?

Das ist leider möglich, denn die aktuelle Situation der sozialen Isolation erzeugt Stress. Es ist einfach anstrengend und auch die inneren Ressourcen, zum Beispiel Optimismus, werden auf Dauer erschöpfen. Damit steigt das Risiko, zu resignieren und dies könnte zum Beispiel zu Depressionen führen. Wir wissen auch aus der Forschung, dass Depressivität immer wieder mit Alkoholkonsum durch die Betroffenen bekämpft wird, und auch diese „Methode“ ist ein Risiko eine Sucht zu entwickeln.

Was kann denjenigen helfen, die die Situation überfordert?

Da helfen zum Beispiel Entspannungs- und Atemübungen. Diese können allen helfen Ruhe zu finden, denn die Situation ist für jeden eine Herausforderung, ob mit oder ohne Erkrankung. Soziale Kontakte sind außerdem nach wie vor wichtig und sollten, gerade wenn man alleine lebt, sehr bewusst gepflegt werden. Sie wirken als Stresspuffer. Und auch gut fürs Immunsystem. Zum Glück gibt es moderne Technologie, die es uns ermöglicht, Kontakt zu halten. Man kann über Skype „gemeinsam“ Mittagessen, zusammen Sport machen oder sich in WhatsApp-Gruppen austauschen.

Das heißt Ablenkung ist besser als Auseinandersetzung mit dem Thema?

Ja! Je öfter man an die aktuelle Situation denkt, desto mehr erzeugt das Stress. Gute Wege, um sich abzulenken, sind etwa in der Wohnung Dinge aussortieren, Schubladen zum Beispiel, wo man nicht mal mehr weiß was drin ist. Oder alte Bücher lesen. Sport machen. Es gibt viele Möglichkeiten. Allgemein gilt: Man sollte das tun, was man gerne tut, wenn man zu Hause ist.

„Man sollte seinem Tagesablauf folgen“

Gleichzeitig prasseln die Nachrichten überall auf uns ein. Wie geht man am besten damit um?

Man muss die Information gut dosieren. Man sollte herausfinden, wie viel Information man selbst verträgt und ab wann es einen nervös macht. Und man sollte Fake News und unseriöse WhatsApp-Gruppen unbedingt vermeiden. Und nur seriöse Medien konsumieren. Das ist sehr wichtig. Manche freuen sich jetzt vielleicht, den Tag entspannter, ohne viele To-Dos angehen zu können.

Wie wichtig ist ein geregelter Tagesablauf?

Struktur ist für jeden wichtig. Man sollte seinem Tagesablauf folgen. Jetzt zum Beispiel nicht länger zu schlafen als sonst. Das kann sonst den Rhythmus durcheinanderbringen. Und Schlaf ist sehr wichtig für das Immunsystem.

Was glauben Sie, wird uns diese Krise verändern? Können wir daraus vielleicht sogar etwas lernen?

Wir können viel davon lernen, weil wir gerade eine ganze Menge aushalten müssen und das für eine lange Zeit. Wenn wir das schaffen, dann bedeutet das, dass es uns gelungen ist, aufeinander Rücksicht zu nehmen und aufeinander aufzupassen. Und das ist eine Leistung. Nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft.

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