Warum die Corona-Pandemie auch eine Chance für unsere Gesellschaft ist

Das Virus offenbart unsere menschlichen Schwächen. Aber wir können – und müssen – sie überwinden.
Von Friedemann Karig

Foto: JOHANNES EISELE / AFP

Das Problem mit so einem Virus (neben einer möglicherweise tödlichen Infektion) ist, dass es die vielen Schwächen unserer Spezies gnadenlos bloßstellt. Es ist unsichtbar, was Lebewesen wie uns, die auf ihren Sehsinn vertrauen, grundsätzlich verwirrt. Was wir nicht sehen, glauben wir erst nicht, dann unterschätzen wir es, dann tötet es uns. Zweitens vermehrt sich das Coronavirus im Gegensatz zu uns exponentiell. Genauer gesagt: Die Zahl der von ihm infizierten Menschen verdoppelt sich jeweils in einem festen Zeitraum. Beim Coronavirus kann man davon ausgehen, dass es etwa alle sechs bis sieben Tage soweit ist. (Wer als Berliner*in exponentielles Wachstum noch nicht verstanden hat, denke einfach kurz an schwarze Northface-Jacken.) Gegen exponentielles Wachstum muss man vorausschauend handeln, also wenn es sich noch zu früh anfühlt – nicht wirklich unsere Stärke. 

Dementsprechend lautet die Maxime unseres Handelns (oder besser Nichthandelns) in den nächsten Monaten, wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sie formuliert hat: „Unsere Priorität ist nun, unsere Verletzlichsten zu schützen. Dafür müssen wir Zeit gewinnen.“ Wie ein Bodyguard müssen wir uns vor die stellen, die das Virus sonst tötet, indem wir die Infektionsrate möglichst stark abbremsen, es nicht zu Chaos in den Krankenhäusern kommen lassen, also: „So leben, dass unsere Alten nicht sterben“, wie es die Autorin Samira El Ouassil auf den Punkt brachte. Wäre die menschliche Evolution eine Charity-Folge von „Wer wird Millionär?“, wäre „Wie umgehen mit Covid-19?“ die 125 000-Euro-Frage. Wir hätten die Expert*innen am Telefon, sie sagen uns die richtige Antwort, das Publikum stimmt ihnen zu. Und wir können nun beweisen, dass wir zuhören und für das Kollektiv entscheiden statt zu zocken. 

Der Verzicht auf unsere selbstverständliche Lebensweise macht uns zu trotzigen Kindern

Dazu müssen wir jedoch neben unserer Urteilsschwäche noch mehr unserer Programmierungen überwinden: Egoismus, Kurzsichtigkeit und selektives Denken. Jeder angeratenen kollektiven Verhaltensänderung begegnen wir erst einmal mit dem, was Verhaltensökonom*innen die „Tragik der Allmende“ nennen: Obwohl wir wissen, dass wir zum Wohle aller (und letztlich zu unserem eigenen Wohl) vernünftig und bescheiden agieren müssen, tun wir es nicht. Weil wir fürchten, dass alle anderen es nicht tun – und wir nachher die einzig Dummen sind, die verzichtet haben. Wem fällt noch ein weiteres Beispiel ein, bei dem wir kollektiv gegen uns selbst handeln, na, irgendeine Idee?

So überschauen wir die Konsequenzen unseres Handelns oder besser Nichthandelns höchstens bis zu den eigenen Zehenspitzen. Und aus dieser kurzsichtigen Perspektive sieht das nun angesagte Verhalten ungünstig aus. Wir sind Gewohnheitstiere. Wir werden nervös, wenn wir uns ändern müssen. Jetzt nicht in Bars einen trinken gehen zu können, nicht auf Konzerte, nicht zum Fußball (auch nicht inoffiziell vor dem Stadion oder in der Kneipe), nicht zu reisen, sich nicht zu umarmen, am besten jeglichen Kontakt einzuschränken: All diese „Nichtse“, dieser Verzicht auf unsere eingeübte, geliebte, selbstverständliche Lebensweise triggert unsere rebellische Ader, sonst gut verborgen unter Konsum und Caffé Latte, und machen uns verlässlich zu trotzigen Kindern.

Diese Aufgabe nun erscheint uns groß, vielleicht zu groß. Genau deshalb ist sie ein Geschenk. Eine Pause von der Welt ist vor allem eine Chance auf eine Extraportion dessen, wonach wir im Alltag ohnehin mehr denn je streben: Selbstwirksamkeit. Verbindung. Resonanz. Gemeinschaft. Sinn. Nichts schweißt so stark zusammen wie ein gemeinsames Ziel, ein gemeinsamer Feind, eine gemeinsame Aufgabe.

Das ist die gute Nachricht der Corona-Krise: Jeder einzelne Mensch kann einen Unterschied machen

Ich habe in Passau studiert, einer Stadt zwischen drei Flüssen, regelmäßig von Hochwasser geplagt, zuletzt 2013. Wochenlang stand die Stadt unter Wasser, alle mussten die Hosen hochkrempeln, alle mussten helfen. Am Ende, so beschrieben es jene, die ausgeharrt und sich angesichts des gemeinsamen Gegners verbündet hatten, tanzten auf den Baggern die Menschen, die eben noch Schlamm beseitigt hatten: Student*innen mit Bauarbeiter*innen, Professor*innen mit Pfarrer*innen. Heute noch schwärmen Freund*innen von diesen Momenten, in denen sich die Vereinzelung auflöste, ein echtes Wir entstand. Das ist die gute Nachricht auch dieser Krise: Jeder einzelne Mensch kann einen Unterschied machen. Und wo kann er das sonst? 

Es gibt bereits Zeichen der Hoffnung: Spontan gegründete Nachbarschaftshilfen für ältere Menschen. Digitale Konzerte und Lesungen von Künstler*innen. Fans, die ihre Karten für abgesagte Veranstaltungen aus Solidarität nicht umtauschen. Plötzlich arbeitslos gewordene Freiberufler*innen, die sich als Babysitter anbieten. Uns beschleicht der Verdacht, dass wir gar nicht so träge und doof sind, wie wir uns oft vorkommen. Dass wir uns nicht um Lebensmittel bekriegen werden wie die ironisch als apokalyptische Boten hingestellten Affenbanden in einem Internet-Video. Dass eine Gesellschaft nicht von niederen Instinkten, sondern von kluger Führung, verantwortungsvollen Meinungsführer*innen und gelassenen Reaktionen lebt. Dass wir, auch in einer Demokratie voller Individualist*innen und nicht wie in China staatlich repressiv verordnet, uns notfalls disziplinieren können. Dass wir den seriösen Medien zuhören, nicht den Populist*innen, wenn es hart auf hart kommt. Dass wir kapieren, wann es ernst ist. 

Vielleicht lernen wir daraus etwas für andere, noch schwerer zu greifende kollektive Probleme, die bei Nichthhandeln zu einer existenziellen Bedrohung werden. (Nun, jetzt aber, was könnte das wohl sein?) Und begreifen nebenher unsere Privilegien. Zum Beispiel das allererste: hier geboren zu sein. Auch hier werden Menschen sehr krank werden. Auch hier werden Menschen sterben. Trotz eines in Wohlstand und Frieden hochentwickelten Gesundheitssystems. Und am meisten werden wie immer die Armen und Marginalisierten leiden. Das ist furchtbar genug. Aber man denke nur für eine Sekunde an Flüchtlingslager in Libanon oder auf Lesbos, zu viele Menschen auf engstem Raum, ohne medizinische Versorgung. Oder an angebliche Massengräber in Iran, von denen man nur durch Satellitenaufnahmen etwas erfährt. Bitch, be humble, muss der Soundtrack eines Deutschlands im Notfallmodus sein. 

„Unsere Opfer auf dem Sofa erbringen“ zu können, wie es der britische Autor Matt Haig formulierte, mit Netflix und Lieferservice, sei ein großes Glück. Und vielleicht müssen wir die Mitarbeiter*innen der Lieferdienste auch gar nicht erst gefährden, vielleicht kümmern wir uns stattdessen um die, für die Zuhausebleiben nicht so einfach ist. Dann „schaffen wir das“, wie es jemand formulierte, als wir als Gesellschaft das letzte Mal im großen Stil gefordert waren zu helfen.

Wenn Leute jetzt noch Partys feiern „dann ist unsere Gesellschaft gescheitert“

Sollten wir es aber nicht schaffen, unsere Schwachen zu schützen und halbwegs würdevoll durch die nächsten Wochen zu kommen, haben wir es nicht besser verdient. Wenn Leute noch Partys feiern, vielleicht sogar, um sich schnell anzustecken und es hinter sich zu haben, „dann ist unsere Gesellschaft gescheitert“, so der Virologen-Shootingstar Christian Drosten von der Charité Berlin. Wenn wir jetzt kein Mindestmaß an Ehre aufbringen, um Leben zu retten, dann können wir unsere Spezies auch lassen.

Doch wenn wir cool bleiben, uns von unserer besseren Seite zeigen und immer schön die Hände waschen, werden wir vielleicht belohnt mit dem Sommer unseres Lebens: Zuerst ein, vielleicht zwei Monate totaler Shutdown, Hamsterkäufe, Geisterstädte. Das Land hält den Atem an, unterdrückt ein Husten, wie lange noch? Doch plötzlich wird es warm, die böse Kurve flacht ab zu einem harmlosen Strich, Lautsprecher schmettern „Entwarnung! Entwarnung!“. Die Menschen staunen, blinzeln, lächeln, entdecken die Welt und einander neu. Plätze und Straßen füllen sich mit Feiernden, jung und alt und klein und groß, gemeinsam dem Tod von der Schippe gesprungen, dann Musik aus dem Nichts und eine riesige Choreografie zu „I’m still standing!“ Die Kamera zoomt raus, ein ganzes Land umarmt sich, endlich darf man wieder, die Kamera zoomt rein in die Menge – da, ein Kuss! 

Aus dem Off: „Und so haben sich eure Eltern kennengelernt.“ 

Abspann. 

Es klingt verrückt, aber: Dieses eine Mal haben wir tatsächlich die Chance auf so etwas wie ein Happy End. Es hängt nur von uns ab.

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