Eine Ausgangssperre muss kein Horrorszenario sein

Unsere Autorin lebt in Belgien, wo eine verhängt wurde, und findet: Der Begriff löst oft unnötige Panik aus.
Von Nadja Schlüter, Brüssel

Alleine, zu zweit oder mit der Familie frische Luft schnappen ist in Belgien (wie hier in Gent) trotz Ausgangssperre weiterhin erlaubt. Es wird sogar empfohlen.

Foto: James Arthur Gekiere / dpa / Bearbeitung: jetzt

Am Mittwoch- und am Donnerstagnachmittag war ich spazieren. Das Wetter war wunderschön. Im Park saßen Menschen im Gras, alleine, zu zweit oder mit ihren Kindern. Ein Vater brachte seinem Sohn bei, wie man einen Ball dribbelt. Zwei Frauen joggten plaudernd über den Kiesweg. Das wäre der langweiligste Einstieg in einen Text, den ich jemals geschrieben habe – würde ich nicht in Belgien leben, wo es seit Mittwochmittag eine Ausgangssperre gibt.

Als Anfang der Woche der Begriff „Ausgangssperre“ hier immer häufiger und lauter fiel, bekam ich Angst. Schon Mittwoch könne sie verhängt werden, hieß es von Bekannten und in den Medien. Das öffentliche Leben, das hier sowieso schon extrem runtergefahren wurde, würde dann ganz zum Erliegen kommen. Die Vorstellung, wochenlang nur zum Einkaufen das Haus verlassen zu dürfen, bereitete mir Herzrasen und Kopfschmerzen und ich schrieb verzweifelte Nachrichten an meine Familie in Deutschland, dass ich nicht eingesperrt sein wolle. In Deutschland wird das Szenario auch immer wahrscheinlicher. Markus Söder hat es in einer Pressekonferenz am Freitagmittag für Bayern schon angekündigt und als „weitgehende Ausgangsbeschränkungen“ bezeichnet. Kanzleramtschef Helge Braun sagt, das kommende Wochenende sei entscheidend: Wenn sich weiterhin nicht genug Menschen an die Vorgaben für soziale Distanz halten, könnten bundesweite Ausgangssperren verhängt werden.

Dann sagte die Ministerpräsidentin etwas, das alles besser machte: „An die frische Luft zu gehen ist erlaubt und wird sogar empfohlen“

Am Dienstagabend gab die belgische Ministerpräsidentin Sophie Wilmès nach stundenlangen Beratungen eine Pressekonferenz, in der sie die befürchtete Ausgangssperre ab Mittwochmittag bis zum 5. April ankündigte. Sie nannte sie „verschärfte Maßnahmen“. Die Menschen seien angehalten, zu Hause zu bleiben, sich draußen aufzuhalten sei nur in dringenden Fällen erlaubt: für den Weg zur Arbeit (wenn Home-Office nicht möglich ist) oder zu Personen, die man pflegt, zum Einkaufen, zum Arzt, zur Apotheke, Post oder Bank. Ich malte mir weiterhin das Eingesperrtsein aus: Polizeikontrollen an der Haustür, den täglichen Gang auf meinen Mini-Balkon ohne Sonne (okay, immerhin habe ich einen), die Beklemmung.

Aber dann sagte Frau Wilmès etwas, das schlagartig alles besser machte: „An die frische Luft zu gehen ist erlaubt und wird sogar empfohlen“ (so ähnlich hat das nun auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder in seiner Pressekonferenz gesagt). In Belgien darf man weiterhin alleine oder zu zweit rausgehen, mit einem Mitglied des eigenen Haushalts oder einem*r Freund*in (damit auch die Menschen sozialen Kontakt haben können, die alleine leben), Familien mit Kindern, ansonsten Gruppenverbot und bitte Abstand zu anderen halten. Die meisten Parks der Stadt bleiben geöffnet. Diese Frau hatte gerade die größte Beschränkung der Freiheit verkündet, die ich persönlich jemals erlebt habe, und trotzdem wäre ich ihr am liebsten um den Hals gefallen. 

Ich weiß, dass das absurd ist. Aber ich weiß eben auch, was die Wissenschaftler*innen aktuell sagen: dass jetzt erst mal nur soziale Distanz hilft. Dass die Infektionsketten nicht mehr nachvollziehbar sind. Dass wir uns selbst und andere, vor allem Risikogruppen, vor dem Virus schützen müssen. Dass sehr viele Menschen sich in Belgien aber nicht daran gehalten haben, sondern bei schönstem Frühlingswetter gruppenweise in den Parks saßen und Bier tranken, wie es ja auch in Deutschland in den vergangenen Tagen der Fall war. Und dass darum ständig der Begriff „Ausgangssperre“ über allem schwebte und so wirkte, als würden vor allen Türen und Fenstern Gitter runtergelassen, sobald er einmal laut und deutlich ausgesprochen würde. Aber das ist hier nicht passiert. Sondern es wurde eine humane, vernünftige Lösung gefunden. Die aber – und das ärgert mich – oft nicht detailliert genug oder sogar falsch wiedergegeben wird. Was dann für unnötige Panik sorgt.

„Die TV-Berichte aus Belgien haben sich bestätigt. Von Mittwochmittag an gilt im ganzen Land eine fast dreiwöchige Ausgangssperre. Ausnahmen gebe es nur für unbedingt nötige Dinge, sagte Regierungschefin Sophie Wilmès“, heißt es etwa beim Merkur. Marietta Slomka sprach am Dienstag im Heute-Journal ebenfalls von einer „Ausgangssperre“ in Belgien, ohne das genauer zu definieren. Als ich auf Twitter in einem Thread schrieb, dass wir hier schon noch vor die Tür dürfen, bekam ich einige erleichterte Antworten von Menschen, die bisher dachten, dass „Ausgangssperre“ auf jeden Fall bedeutet, dass man daheim eingeschlossen sei. Und ich dachte das bis zu der besagten Pressekonferenz ja auch. 

Eine Kollegin nannte es „Corontäne“ (denn Humor hilft genauso viel wie Spazierengehen)

Denn ja, der Begriff klingt schlimm. Und er ist schrecklich undifferenziert. Er meint überall was anderes. In Österreich nicht dasselbe wie in Frankreich, in Brüssel nicht dasselbe wie in Mitterteich. Zwischen „sich ganz frei bewegen können“ und „von der Polizei an der Haustür aufgehalten werden“ gibt es Zwischenstufen. Und für die könnten wir versuchen, andere Begriffe zu etablieren. „Ausgangsbeschränkung“ klingt schon besser. „Gruppenverbot“ schlug ein Freund kürzlich vor. „Vereinzelungsmaßnahme“ ein anderer. Eine Kollegin nannte es „Corontäne“ (denn Humor hilft mindestens genauso viel wie Spazierengehen). 

Ich will damit nicht sagen, dass das Leben in der Ausgangssperre – die ich mangels eines etablierten anderen Begriff erstmal weiterhin so nenne – gut ist. Ausgangssperre ist beschissen. Weil sie bedeutet, dass gerade etwas überhaupt nicht gut läuft – das wissen wir zwar schon, aber sie verstärkt das Gefühl. Weil sie das öffentliche Leben zum Erliegen bringt, uns von vielen unserer Liebsten fern hält, wenn wir unseren Wohnort nicht verlassen können, und uns sehr, sehr viel Freiheit nimmt. Weil sie Selbstständigen und Beschäftigten in der Gastronomie und der Kultur die Lebensgrundlage nehmen kann, wenn der Staat das nicht abfedert. Weil sie die Ungleichheit in unserer Gesellschaft verstärkt, indem zum Beispiel Menschen ohne Wohnung oder solche, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, stärker darunter leiden, und Ärmere in kleinen Wohnungen ausharren müssen, während Wohlhabende in ihrem Garten ausspannen. Darum muss sie unbedingt zeitlich begrenzt und so kurz wie möglich sein. 

Aber: Die Ausgangssperre muss für die meisten eben auch kein ganz so krasses Horrorszenario sein, wie es jetzt ab und zu gezeichnet wird. Ein Horrorszenario, das sind Fall- und Todeszahlen wie aktuell in Italien. Das müssen wir unbedingt vermeiden – und wenn es dafür eine Ausgangssperre braucht und die mit so klaren Ansagen einhergeht, wie hier in Belgien – Bewegung an der frischen Luft wird empfohlen –, macht das vieles erträglicher. Denn das sorgt nicht nur dafür, dass sich endlich keine Gruppen mehr bilden und alle Abstand halten. Sondern auch dafür, dass auch Mitglieder der Risikogruppen Luft schnappen können, ohne Angst vor Gedrängel haben zu müssen. Oder dass niemand eine Paar mit drei Kindern im Park anschreit, es solle gefälligst daheim bleiben. Hier bleibt noch Luft zum Atmen, um keine Panik zu bekommen. Und man kann draußen sein, ohne Panik haben zu müssen, sich sofort anzustecken. Hoffentlich verringert sich dadurch die Geschwindigkeit der Ansteckungen und hoffentlich müssen dann keine noch strengeren Beschränkungen beschlossen werden, sondern die geltenden können bald wieder aufgehoben werden.

In einer großen belgischen Tageszeitung schrieb die Chefredakteurin gestern, bisher sei die Ausgangssperre gut verlaufen – aber das hier sei ja kein Sprint, sondern ein Marathon. In ein paar Wochen kann das anders sein. In ein paar Wochen sehe ich das vielleicht auch anders und halte es nicht mehr aus. Oder viele halten es nicht mehr aus und die Fälle, in denen die Polizei eingreifen muss, schießen nach oben. Darum wäre es noch besser, wenn die Menschen in Deutschland das, was hier jetzt von oben verordnet wurde und was von der Polizei durchgesetzt werden soll, auch einfach alleine hinkriegen: Jede*r, der oder die an diesem Wochenende so viel wie möglich daheim bleibt, alleine in den Supermarkt und zu zweit um den Block geht, und Abstand zu anderen hält, hilft dabei mit, dass kommende Woche keine bundesweite Ausgangssperre verhängt wird. Also macht mit, wenn ihr könnt. Bleibt daheim, bleibt gesund, bleibt ruhig. Und dann ist das alles hier hoffentlich bald vorbei.

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