Wie die Pandemie unsere Begegnungen mit Fremden verändert hat

In den vergangenen Wochen sind Beobachtungen außerhalb des eigenen Zuhauses zu etwas Besonderem geworden. Wir haben einige dieser kleinen Momente gesammelt.
Aus der jetzt-Redaktion

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke / Foto: Adrian Infernus / Unsplash

Die Einschränkungen der vergangenen Wochen haben bei vielen von uns bewirkt, dass unsere zwischenmenschliche Blase sich noch stärker auf den kleinen Kreis von Menschen beschränkt, die wir eh ständig um uns haben. Auch wenn man vor der Corona-Pandemie nicht unbedingt jeden Tag neue Leute kennengelernt oder mit wildfremden Menschen in der U-Bahn geplaudert hat – Überschneidungspunkte und Begegnungen mit Fremden gab es doch noch deutlich häufiger, genau wie alltägliche, kleine Beobachtungen. Aber auch jetzt gibt es all das natürlich noch – nur etwas verändert. Wir haben in der Redaktion ein paar dieser Momente gesammelt, verschiedene Redakteur*innen schreiben ihre Beobachtungen auf.

Mit Nachbar*innen am akustischen Lagerfeuer

In unserer Straße spielt sich derzeit viel auf dem Bürgersteig und auf den Fensterbrettern ab. Am Abend sitzt man manchmal mit einem Glas in der Hand auf einem Stuhl vor dem Haus. Und ab und zu gibt es dann auch Musik. Im Haus gegenüber wohnt eine Musikerin und zweimal hat sie bisher ihre Gitarre an den Verstärker angeschlossen und ein paar Lagerfeuer-Pop-Songs gespielt. Für alle Menschen, die Lagerfeuer, Konzerte und sowieso alles schöne und gesellige, gerade sehr vermissen, ist das natürlich das Highlight des Abends. Unterhaltung! Leider wurde es das letzte Mal dann ein bisschen zu gesellig – schnell standen bis zu 50 Menschen auf dem Bürgersteig herum, zwar bemüht, Abstand zu halten, aber dennoch zu viele: Die Polizei kam, um alles aufzulösen.

Immer wieder doch zu nah

Um zum Edeka bei uns um die Ecke zu kommen, muss man durch eine kleine Passage zwischen den Häusern. Am Eingang dieser Passage standen links und rechts jeweils ein junger Mensch, beide schauten auf ihr Handy. Eine ältere Frau mit Rollator wollte einkaufen, konnte aber nicht durch, weil sie sonst den Jugendlichen ziemlich nahe gekommen wäre. Sie war ziemlich nervös und unsicher, was sie tun sollte, bis sie sich einen Ruck gab und schüchtern fragte, ob die jungen Leute nicht vielleicht ein bisschen weiter auseinander stehen könnten. Die waren richtig beschämt, haben sich entschuldigt und sind auseinander. Einkauf ahoi, Seniorin!

Ein Herz für Journalist*innen

Für das Bayerische Fernsehen war ich in einer recht ausgestorbenen Innenstadt unterwegs, um einen Beitrag zur finanziellen Notlage vieler Kleinunternehmen durch die Corona-Krise zu drehen. Mit angemessenem Abstand und Mundschutz interviewte ich dort ein paar Passant*innen. Gleich zwei Menschen bedankten sich dabei bei meinem Kamerateam und mir für unsere Arbeit. Das ist mir noch bei keiner Umfrage jemals passiert. Und ich habe schon einige hinter mir.

100-Meter-Distanz-Prost

Ich ging neulich abends zum Telefonieren mit einem Bier in der Hand einfach mal raus auf die Straße und wanderte ein bisschen durch mein Viertel. Es war wirklich gespenstisch leer. Irgendwann kam ich zu einem geschlossen Café, vor dem aber noch angekettete Tischchen und Stühle standen. Sie hatten schon leicht Moos angesetzt und zwischen den Fugen sproß das Gras. Ich setzte mich mit meinem Bier an einen Tisch und kam mir vor wie in einem postapokalyptischen Film. Hinter einer kleinen Grünfläche, zwischen den Bäumen sah ich, dass in der gegenüberliegenden Häuserreihe auch ein geschlossenes Café war, das auch Tische und Stühle draußen hatte stehen lassen. Dort saß auch jemand alleine mit einem Bier. Irgendwann trafen sich unsere Blicke und wir hoben beide unser Bier zu einem stillen 100 Meter-Distanz-Prosit.

Der Gabenzaun

Vor einigen Wochen freute ich mich, als ich über die Münchner Reichenbachbrücke spazierte: Am Brückengeländer hing ein Schild, „Gabenzaun“ war darauf geschrieben. Daneben hingen Tüten mit einigen haltbaren Lebensmitteln und Hygienetüchern. Ich freute mich, weil ich fand, ein Gabenzaun hätte hier an die Isar, wo viele Menschen draußen schlafen, schon länger hingehört. Jetzt allerdings besonders, da so viele Hilfsorganisationen für Obdachlose schließen mussten. 

Inzwischen gibt es den Gabenzaun nicht mehr. Schon Tage danach haben die Leute begonnen, ihren Müll (man kann es nicht anders sagen) am Gabenzaun zu entsorgen: Zerschlissene Schuhe und Winterjacken, Mützen und Schals bei 22 Grad und Sonnenschein. Ramponierte Kuscheltiere und abgelaufenes Brot waren dabei, in einer durchsichtigen Tüte schimmelte etwas. Diese „Gaben“ türmten sich schnell vor dem Geländer, machten den Fußweg, der daran vorbeiführt, noch enger – und einen Mindestabstand von eineinhalb Metern zwischen den Menschen noch unmöglicher. Schade. Es war ein netter Versuch gewesen.

Vitamin D

Nach dem Einkauf: Zwischen den Häusern kam ein letzter Strahl der Abendsonne durch und beleuchtete circa einen Meter breit eine Straßenecke. Ich stellte mich mit meinen Einkaufstüten und geschlossenen Augen in den Strahl. Ich komm tagsüber nicht so oft zum Spazieren, wir haben in unserer Nordseitenwohnung kaum Sonne. Irgendwann fragte ein Mann lächelnd, ob er sich noch dazu stellen dürfe (mit Sicherheitsabstand natürlich), bei ihnen sähe man die Sonne nämlich auch nicht.

Der neue Physische-Distanz-Tanz

Kürzlich reckte und streckte sich im Supermarkt eine kleine, alte Dame vor einem Regal, kam aber nicht an die Flaschen mit H-Milch. Ich schob gerade meinen Wagen in den Gang, da wandte sie mir ihren Blick zu und ihre Augen über der Maske sahen mich fragend und ein bisschen verzweifelt an. Anscheinend wusste sie nicht, ob sie mich jetzt bitten darf, ihr zu helfen. Immerhin könnten wir uns dabei nahekommen. Und ich wusste nicht, ob ich ihr helfen darf. Immerhin könnten wir uns dabei nahekommen – und sie gehörte eindeutig zur Risikogruppe. Aber dann dachte ich mir: Sie trägt eine Maske, ich trage eine Maske, und wir beide werden wohl mittlerweile den neuen Physische-Distanz-Tanz, den man gerade dauernd vollführen muss, gut genug beherrschen, um ohne Ansteckungsrisiko interagieren zu können. Also fragte ich sie, ob sie Hilfe brauche, und sie sagte ja, sie hätte gern ein Sechserpack Milch. Und dann umkreisten wir uns in einer netten Choreographie in dem engen Gang mit zwei riesigen Einkaufswagen, ich nahm die Flaschen vom Regal und stellte sie in ihren Wagen. Sie bedankte sich und an ihren Augen konnte ich sehen, dass sie hinter ihrer Maske lächelte und an meinen konnte sie sicher sehen, dass ich das auch tat.

  • teilen
  • schließen