Warum ich um den Festival-Sommer trauere

Auch wenn es gerade größere Probleme gibt als abgesagte Konzerte.
Von Katharina Steinhäuser

Foto: Thomas Frey / Bearbeitung: jetzt

Ein Sommer ohne Festivals? Das konnte ich mir bis vor Kurzem nicht vorstellen, denn Festivals stehen für alles, was den Sommer ausmacht. Lange Nächte mit Freund*innen unter dem Sternenhimmel, die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut, Tanzen im Sommerregen. Die Tickets habe ich schon zu Hause im Schrank liegen, wenn es draußen noch kalt und grau ist. Sie sind mein Hoffnungsschimmer, wenn mich in den ersten Monaten im neuen Jahr die dicke Wolkendecke runterzieht. Jetzt im Frühling würde ich unter normalen Umständen schon den ersten Festivalbesuch planen und meine größte Sorge wäre, dass meine beiden Lieblingsbands gleichzeitig auftreten. Dass das in diesem Jahr nicht klappen würde, ahnte ich schon zu Beginn der Corona-Krise. Vielleicht trifft es nur die Festivals im Frühsommer, redete ich mir ein. Bis August ist bestimmt wieder alles beim Alten. Zunächst konnte ich mir nicht vorstellen, dass ein Virus unser gewohntes Leben so sehr verändern würde.

Auch ich bin der Meinung, dass es gerade größere Probleme gibt – traurig bin ich trotzdem

Als täglich neue Meldungen zur Corona-Pandemie die Nachrichtenseiten überfluteten und die Maßnahmen immer drastischer wurden, war abzusehen, dass große Menschenansammlungen auf ungewisse Zeit nicht möglich sein würden. Auf einer rein logischen Ebene war mir also längst klar, dass ich dieses Jahr wohl nicht schlammbespritzt und dicht gedrängt an Tausende andere Fans vor der Bühne tanzen würde und dass das auch die einzig richtige Entscheidung angesichts der aktuellen Lage war. Trotzdem traf mich die offizielle Ansage der Regierung, dass bis Ende August keine Großveranstaltungen stattfinden werden, direkt in mein Festival-Herz. Bisher hatte ich die Realität erfolgreich verdrängt, doch jetzt hatte ich es schwarz auf weiß. Ich fühlte mich, als hätte Angela Merkel verkündet, dass der Sommer 2020 leider ausfallen müsse.

Während ich das schreibe, höre ich schon den Aufschrei: Menschen sterben, Existenzen stehen auf dem Spiel und du beschwerst dich wegen abgesagter Party-Wochenenden? Versteht mich nicht falsch, auch ich bin der Meinung, dass es gerade weit wichtigere Probleme gibt. Enttäuscht bin ich trotzdem.

Ich bin traurig wegen der abgesagten Konzerte. Vor allem sehne ich mich aber nach diesem Gefühl der Unbeschwertheit, das mir Festivals geben. Diese Sorglosigkeit, mit der man für ein paar Tage lebt. Einfach mal raus aus dem Alltag, mit Freund*innen und wildfremden Menschen zusammen feiern, morgens schon das erste Dosenbier öffnen, einfach, weil man es kann, und in der Nacht müde und glücklich ins Zelt fallen. Diese Leichtigkeit ist in Zeiten von Corona unvorstellbar, nicht nur auf Festivals.

Corona hat uns die Unbeschwertheit genommen

Unser Alltag wird beherrscht von Ängsten – um den Job, geliebte Menschen oder die eigene Gesundheit. Gleichzeitig schleichen sich bei mir nach und nach beklemmende Gefühle ein, wenn ich an die Zeit nach den Ausgangsbeschränkungen denke. Wird der Kontakt zu anderen Menschen dann wieder so selbstverständlich sein wie vorher? Oder werden Abstandsrichtlinien und Gesichtsmasken von nun an unseren Alltag prägen? Werde ich meine Oma wieder umarmen können, ohne im Hinterkopf zu haben, dass ich das Virus in mir tragen könnte? Corona hat uns die Unbeschwertheit genommen und wir wissen nicht, ob und wann wir sie zurückbekommen.

Da kann man leicht in endlose Grübeleien verfallen. Stattdessen können wir aber auch überlegen, wie wir mit der Lage umgehen. Dabei kommt mir sofort ein anderer Grund in den Sinn, warum ich Festivals vermisse: die Gemeinschaft. Es gibt kaum einen Ort, an dem so schnell aus Fremden Freund*innen werden. Da packt jede*r mit an, wenn das Auto im Schlamm steckt oder der Bollerwagen doch unter der schweren Last auf halber Strecke zusammenbricht. Genau diese Solidarität brauchen wir jetzt. Auf Festivals müssen wir verzichten, auf Zusammenhalt nicht. In Zeiten der Krise sollten wir uns mit der gleichen Selbstverständlichkeit gegenseitig unterstützen, mit der wir bei Regen den Camping-Nachbar*innen einen Platz unter unserem Pavillon anbieten. Dann können wir hoffentlich nächstes Jahr wieder gemeinsam Sonne, Musik und Unbeschwertheit genießen.

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