So seh'n Gangster aus – in der Serie „4 Blocks“. Wie realistisch finden echte Neuköllner sich und ihren Kiez dargestellt?

So seh'n Gangster aus – in der Serie „4 Blocks“. Wie realistisch finden echte Neuköllner sich und ihren Kiez dargestellt?

Foto: dpa Bildfunk

In Neukölln scheint heute kein Mond, zumindest nicht auf der Karl-Marx-Straße. Dafür leuchten die goldenen Zeiger der Rathausuhr, viel mehr aber noch die Leuchtwerbung für Fitnessstudios, Dönerläden, arabische Supermärkte und das winzige Sushirestaurant, vor dem nur amerikanische Touristen sitzen. Am hellsten von allem blinken die Arcaden, das Einkaufszentrum, in dessen Kino im obersten Stockwerk man an diesem Abend eine Erfahrung der besonderen Art machen kann: Die ersten beiden Folgen der zweiten Staffel von „4 Blocks“, die ab dem 11. Oktober auf TNT Serie läuft, haben hier Kinopremiere – in dem Viertel, in dem sie spielen und entstanden sind. Entsprechend repräsentiert das Publikum der insgesamt sieben so gut wie ausverkauften Vorführungen diesen Teil Berlins in all seiner Widersprüchlichkeit: Auf der einen Seite die Hipster, auf der anderen die Gangster. Sie teilen sich die Kieze und heute auch das Kino. Die einen wollen unterhalten werden, die anderen sich in der Serie wiederfinden.

4 Blocks erzählt die Geschichte der libanesischen Gangster-Großfamilie Hamady und ihres Chefs Ali, genannt Toni, der das Verbrechen im Südosten der Stadt organisiert. In der ersten Staffel hatte er mit seinem durchgedrehten Bruder, einem zum Undercover-Cop gewordenen Kindheitsfreund und seinen eigenen, grundsätzlichen Zweifeln am Business zu kämpfen, befeuert von seiner ihm moralisch wie intellektuell überlegenen Frau. In Staffel zwei, ein Jahr später, steckt er nun tiefer drin als zuvor: Die Frau ist weg und der Großhändler im Libanon will ein Riesengeschäft mit ihm hochziehen. Toni schluckt Tavor und trinkt Wodka, während die Konkurrenz eines seiner Häuser in Brand setzt, in dem er ausgerechnet eine Erstunterkunft für Geflüchtete betreibt.

Das Ganze ist, viel stärker noch als in der ersten Staffel, garniert mit dunkelbunten Bildern: Villa, Porsche und Rolex wirken wie aus einem hochwertigen Werbespot abgefilmt, das Blut, die wutverzerrten Bartgesichter und das Gewalt-Portfolio – besonders Zähne müssen hier dran glauben – könnten auch aus Tarantinos Spätwerk stammen. Das ergibt zusammen eine Backmischung für Neuköllner Kiezträume, die Jugendschützer ins Schwitzen bringt.

Im Foyer sitzen traurig zwei übertrieben geschminkte Mädchen, die an der Kasse nicht nachweisen konnten, dass sie schon 16 sind, und deshalb statt in 4 Blocks nun in „Venom“ gehen müssen. Ali, 17, ist mit seiner Betreuerin gekommen. Er wohnt zwar in Wedding, aber verbringt viel lieber Zeit in Neukölln, erklärt er. Deshalb mag er auch die Serie: „Die Typen sind cool.“ Wäre er gerne so wie sie? Er grinst nur und verabschiedet sich.

Ein Stück weiter fotografiert sich eine Gruppe arabischstämmiger Jungs mit ihren Tickets in derselben Pose wie die Hamadys, als Toni das Motto der zweiten Staffel verkündet: „Die Stadt gehört uns!“ Salah, 26, antwortet auf die Frage, warum ihnen die Serie gefällt: „Weil das unsere Zukunft ist!“ Lachend schlagen sie ein. War nur ein Witz, sagt Salah gleich, und wirkt ein bisschen erschrocken von sich selbst. „Ich finde es gut, dass man in der Serie auch mal die andere Seite sieht. Also uns, die Araber. Aber nicht alle sind so, das ist wichtig.“

Neukölln als Fototapete für Möchtegern-Gangster: Dafür wurde die Serie auch kritisiert

Street Credibility, dieses Wort würde hier niemand benutzen, und doch ist es genau das, wovon 4 Blocks lebt. Das liegt vor allem an den Darstellern, die – was die Macher nicht ohne Stolz kolportieren – zum Teil direkt von der Straße weggecastet wurden und auch für den offiziellen Soundtrack verantwortlich sind: Veysel (spielt Tonis Bruder Abbas) und Massiv (spielt Latif, den Schwager der Beiden) sind bekannte Rapper, keine Schauspieler. Veysel saß früher wegen Körperverletzung mit Todesfolge und hat gerade seine neue Single veröffentlicht. Seine Serienfigur Abbas ist der Mann fürs Grobe, der sich im Knast – lebenslang mit anschließender Sicherheitsverwahrung wegen Mordes an einem Polizisten – sofort Respekt verschafft, in dem er den Dealer seines Stockwerks zusammenschlägt und fortan in dessen Trainingsanzug rumläuft. Massiv wurde mal in Neukölln angeschossen, lebt aber als lokale Berühmtheit in Wedding, wo man ihn manchmal durch die Straßen cruisen sieht.

„Ich finde es gut, dass man in der Serie auch mal die andere Seite sieht. Also uns, die Araber. Aber nicht alle sind so, das ist wichtig“, sagt Salah (r.). Sein Freund (l.) möchte lieber anonym bleiben.

„Ich finde es gut, dass man in der Serie auch mal die andere Seite sieht. Also uns, die Araber. Aber nicht alle sind so, das ist wichtig“, sagt Salah (r.). Sein Freund (l.) möchte lieber anonym bleiben.

Foto: Johanna Roth

Manche Szenen aus der Serie wirken insbesondere in Staffel zwei wie MTV-Clips. Da wird zu einem harten Beat eine Minute lang oder länger nicht gesprochen. Sondern rangezoomt, wie Latif und seine Jungs den Stoff strecken („Die bessere Mischung nur für Premiumkunden“), wie Toni seine S-Klasse um die Häuser fährt und wie die Nachwuchsdealer ihren Feierabend im Stripclub verbringen.

Neukölln als Fototapete für Möchtegern-Gangster: Trotz ihres enormen Erfolgs wurde die Serie dafür auch kritisiert. Beim Dreh musste das Set teilweise abgesperrt werden, weil so viele Schaulustige da waren. Und Hauptdarsteller Kida Khodr Ramadan hat neulich bei „Late Night Berlin“ Klaas Heufer-Umlauf erzählt, es kämen auch schon mal Jungs zu ihm, die für ihn arbeiten wollten. Dann müsse er erst mal aufklären, dass 4 Blocks keine Doku ist und er selbst nicht Toni Hamady. Er sage ihnen: „Das ist alles Fiktion. Bleib schön zu Hause, geh zur Schule, mach dein Abitur.“

Wie realistisch die Serie Neukölln wiedergibt? „Eins zu eins. Vor allem das mit den Clan-Geschäften“

„Es ist leicht, hier vom Weg abzukommen“, sagt Jermaine, 36, ein riesiger, schwerer Mann mit kahlgeschorenem Kopf. „Koks, Frauen, Autos: Ist ja klar, dass die Jugendlichen das als Vorbild nehmen.“ Er, selbst Neuköllner, ist mit zwei Freunden zur Premiere gekommen, von denen einer eins auf die Nase bekommen zu haben scheint und der andere im schummrigen Kino eine ähnliche Sonnenbrille trägt wie Neo in „Matrix“. Auf die Frage, was er sonst so macht, grinst Jermaine so höflich wie vielsagend: „Sicherheitsdienst“. Dann kann er ja sicher auch beurteilen, wie realistisch die Serie das wiedergibt, was in Neukölln so passiert? „Eins zu eins. Vor allem das mit den Clan-Geschäften ist genauso.“

Die Clans – arabisch-kurdische Großfamilien – gibt es in Berlin schon lange, ohne dass es früher groß jemanden interessiert hätte. Sie kontrollieren nicht nur mutmaßlich einen Großteil der Drogen- und Schutzgeldgeschäfte, sondern sind seit der ersten Staffel von 4 Blocks und vor allem wegen der Figur des charismatischen Paten Toni Hamady Teil der Popkultur. Aber spätestens, seit Anfang September einer ihrer zentralen Vertreter auf offener Straße in Neukölln mit mehreren Schüssen hingerichtet wurde, an einem Sonntagnachmittag, vor den Augen seiner Familie, steht auch die Schattenseite des Ganzen in der Öffentlichkeit.

Cora, Anna und Mia, alle 28, mit runden Brillen und Ponyfrisuren, haben die ersten beiden Folgen deshalb mit einer Mischung aus Faszination und Beklemmung angeschaut. „Hier zu leben ist total aufregend, aber die Realität ist schon auch scheiße“, sagt Cora. „Wir gehen in den Club und wissen, dass die Dealer darin zu einem der Clans gehören. Und vielleicht gerade jemanden auf dem Klo verprügeln, während wir tanzen.“ Sie wohnt am Kottbusser Tor, dem „Kotti“, der etwas nördlich der Grenze zwischen Neukölln und Kreuzberg liegt, immer wieder Schlagzeilen als angeblich „rechtsfreier Raum“ macht und auch in der Serie den Dealern gehört. Die Handlung findet sie spannend, die Serie gut gemacht: „Ich hätte 4 Blocks auch geguckt, wenn es in Prenzlauer Berg spielen würde.“

In Prenzlauer Berg wird wohl kaum ein Mann ganz selbstverständlich erwürgt, während die, die dabei zusehen, lächelnd Baklava knabbern. Allerdings: In Neukölln auch nicht. Wie nah an der Realität die restliche Handlung ist, kommt darauf an, wen man fragt. Ziemlich spannend ist sie auf jeden Fall und wer auf harte Jungs und noch härtere Konflikte steht, wird Spaß haben, auch wenn er nicht in Berlin wohnt. Oder vielleicht gerade dann. Das Disneyland für Schwerkriminelle aber, als das Neukölln in der Serie gezeichnet wird, das gibt es zumindest an diesem Abend nur auf der Leinwand.

Mehr Berlin: