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Fotos: Federico Gambarini / dpa / freepik / Collage: jetzt.de

Mit Bäumen kennt sich Christian Kroll, der Gründer von Ecosia, gut aus. Sein Unternehmen, eine Suchmaschine, hat seit der Gründung mehr als 30 Millionen Bäume gepflanzt. Ecosia bekommt wie alle anderen Suchmaschinen für jede angeklickte Anzeige Geld. Mit diesen Gewinnen finanziert das Unternehmen Aufforstungen in Ländern der südlichen Erdhalbkugel. 

Nachdem das Oberverwaltungsgericht Münster RWE am vergangenen Freitag vorerst untersagt hat, weitere Bäume im Hambacher Forst zu roden, hat nun Ecosia ein öffentliches Kaufangebot gemacht: Das Unternehmen bietet RWE eine Million Euro für die verbliebenen 200 Hektar Wald, um die teilweise bis zu 350 Jahre alten Bäume zu schützen.

jetzt: Christian, gestern hast du RWE offiziell eine Million Euro geboten, damit das Unternehmen dir den Hambacher Forst verkauft. Was wolltest du mit diesem Angebot bewirken?

Christian Kroll: Ich wollte, dass sie das Angebot annehmen. Ich glaube, dass es im 21. Jahrhundert die ethisch richtige Entscheidung ist, die Braunkohle im Boden zu lassen, insbesondere, wenn man dafür einen alten Wald abholzen müsste. Mit dem Angebot wollten wir RWE dabei helfen, das zu begreifen und eine Lösung zu finden. Eine Million Euro ist für sie natürlich nicht viel Geld, aber wir wollten uns mit ihnen zusammensetzen und darüber nachdenken, welche Folgen es für RWE hätte, wenn sie den Wald nicht abholzen. Ich gehe davon aus, dass sie das sowieso nie dürfen, und je früher sie anfangen, darüber nachzudenken, desto besser ist es für das Unternehmen und die Gesellschaft. Wir wollten ihnen dabei helfen, eine konstruktive Lösung zu finden.

Hat’s geklappt?

Nein. Bei einem Telefonat gestern habe ich noch keine definitive Antwort bekommen, sondern wurde nur abgewimmelt. Später kam dann noch eine Mail, in der sie geschrieben haben, dass sie das Angebot definitiv ablehnen und sich jede weitere Diskussion darüber verbitten, was ich ziemlich arrogant finde. Sie gehen weiter davon aus, dass sie den Wald irgendwann abholzen werden. Und – das kam in dem Gespräch sehr deutlich rüber – es ist ihnen egal, was die Öffentlichkeit darüber denkt, solange das Gericht auf ihrer Seite ist. Ich finde es von einem Unternehmen, das eine Menge Subventionen und öffentliche Unterstützungen bekommen hat, unmöglich, dass es keinerlei gesellschaftliche Verantwortung empfindet. Wir müssen da also noch ein bisschen weiter rütteln, bis es aufwacht.

„Die Botschaft von RWE ist, dass sie weitermachen, egal wie groß der Druck von außen wird“

Wie waren denn die Argumente von RWE gegen den Kauf?

Argumente habe ich keine gehört. Die haben das Angebot nicht mal ernst genommen oder darüber nachgedacht. Mich hat vor allem frustriert, dass ihnen egal ist, was die Öffentlichkeit denkt. Die Botschaft von RWE ist, dass sie weitermachen, egal wie groß der Druck von außen wird. Sie haben ganz eindeutig nicht verstanden, in welcher Zeit wir leben.  

Dieses Kaufangebot hat eure Suchmaschine auf einmal in die Öffentlichkeit gerückt – ein guter Werbeeffekt, oder? War das eine reine Publicity-Aktion?

Natürlich freuen wir uns, dass so viel über uns berichtet wird, und ich will es gar nicht verleugnen: Gestern war ein toller Tag für uns, wir haben auch neue Nutzer bekommen. Aber wir sind ein Non-Profit-Unternehmen, das heißt: Durch die Werbung für uns ist nichts passiert, außer, dass ein paar mehr Bäume gepflanzt wurden. Wir haben aber auch nicht damit gerechnet, dass unser Angebot solche Wellen schlagen würde. Der Grund, warum wir das öffentlich gemacht haben, war vor allem unsere Sorge, dass RWE unser Angebot sonst ignoriert hätte. Solange die ihren Kopf in den Sand stecken, muss Druck auf sie ausgeübt werden. Denn ihr Handeln ist nicht im Interesse der Allgemeinheit. Nach den letzten Befragungen wollen 75 Prozent der Deutschen, dass der Wald stehen bleibt. Wenn man die kommende Generation fragen würde, wären es vermutlich 100 Prozent der Befragten. RWE handelt gegen das Interesse der Gesellschaft.

Was würdet ihr denn mit dem Wald tun, wenn ihr ihn kaufen würdet?

Unser Plan wäre, ihn an eine Organisation wie den BUND zu übergeben oder in einer eigenen Stiftung zu verwalten. Wir wollen definitiv nicht plötzlich zu Großgrundbesitzern werden.

Christian Kroll hat Ecosia gegründet.

Christian Kroll hat Ecosia gegründet.

Foto: Privat

Hast du eine Idee, warum ausgerechnet dieses kleine Stückchen Land die Gemüter der Deutschen auf einmal so erregt? Schließlich baggert RWE dort seit Jahrzehnten an einem der größten Löcher weltweit und bis vor Kurzem hat das kaum jemanden interessiert. Jetzt, wo es –  wenn man zynisch sein will – auch schon egal ist, werden die Demos immer größer und die Anteilnahme auch.

Klar, so kann man argumentieren: Es sind ja nur ein paar Hektar und der Wald ist beileibe nicht das einzige bedrohte Biotop auf der Welt, in Europa oder gar in Deutschland. Aber trotzdem lohnt es sich, für den Rest des Hambacher Forsts zu kämpfen, weil es so eine hohe politische Bedeutung hat. Ich finde, das Klima wird im Hambacher Forst verteidigt. Es geht um die Frage: Sind wir bereit, die Zukunft der nächsten Generation aufs Spiel zu setzen für die Interessen einiger Konzerne? Auf diese Frage muss die Antwort ein klares „Nein!“ sein. Deshalb muss der Wald jetzt verteidigt werden.

„Ich glaube, dass unsere Gesellschaft langsam wach wird“

Nachdem der Weltklimarat am Montag den Bericht vorgelegt hat, demzufolge uns noch zehn Jahre bleiben, um den Klimawandel einigermaßen in Schach zu halten, waren viele von uns absolut desillusioniert. Was bringt es eigentlich, mich selbst in irgendeiner Weise einzuschränken oder zu engagieren, wenn die Aussichten, dass wirklich etwas verändert wird, gleich null sind? Kannst du mir das sagen, als Mensch, der tatsächlich Bäume pflanzt und gleichzeitig ausgerechnet gegen Google antritt?

Ganz ehrlich: Meine Hoffnung wird gerade wieder größer. In den letzten Jahren hat mich das alles eher deprimiert. Aber ich glaube, dass unsere Gesellschaft langsam wach wird. Wir müssen im Grunde nur zwei Dinge tun: Wir müssen dafür sorgen, dass das CO2 im Boden bleibt. Und dann müssen wir dafür sorgen, dass das CO2, das schon in der Atmosphäre ist, gebunden wird. Dafür müssen wir Bäume pflanzen und die Landwirtschaft regenerativ machen. Ich sehe, dass wir diesen ersten Schritt jetzt gewinnen: Erneuerbare Energien sind günstiger denn je, Elektroautos sind mittlerweile auch sexier als Diesel-Autos. Jetzt müssen wir als Gesellschaft beschließen, dass wir die Herausforderung annehmen. Und ich nehme wahr, dass sich da langsam eine Energie aufbaut. Vor allem bei der jungen Generation, die das aufbauen wird, was in den letzten Generationen zerstört wurde. Es gibt inzwischen wirklich gute Lösungen, wir müssen nur den Mut haben, den Schritt gemeinsam zu gehen. Und dieser Mut wird von den Jungen kommen. Und die Alten, die den Klimawandel verleugnen, wie Donald Trump, die sind sowieso demnächst weg.

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