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Charlotte Roche mit ihren Gästen Robert Stadlober, Tim Wiese, Annalena Baerbock und Christine Neubauer vor der Hütte im Wald.

NDR

Charlotte Roche, das mal vorab, ist eine coole Sau. Dabei ist ziemlich egal, was sie anpackt. Ob sie bei Harald Schmidt ihr Damm-Massagegerät für Frauen vor der Geburt vorstellt, ob sie mit Jan Böhmermann gemeinsam das Format der verklemmten Talkshow karikiert oder –  noch gar nicht so lange her – im SZ-Magazin über den Gender Pay Gap schreibt. Diese Frau ist vielleicht die kreativste der deutschen Medienlandschaft.

Das dachte sich auch der NDR und verpflichtete Roche für das Format „Die Geschiche eines Abends“. In der Sendung laden Promis Promis ein, um mit ihnen einen Abend an einem spannenden Ort zu erleben und über tiefgehende Themen zu sprechen (die nächsten Folgen sind mit Lars Eidinger und Christian Ulmen als Gastgeber geplant). In Roches Fall war der Ort, in der Nacht von Samstag von Sonntag, im NDR zu sehen, ein Wald bei Hamburg und eine Hütte. Die eingeladenen Promis waren: Robert Stadlober (das ist der Crazy-Schauspieler), Annalena Baerbock (das ist die von den Grünen), Tim Wiese (das ist der Bodybuilder-Torwart) und Christine Neubauer (das ist die Landärztin).

Das Konzept: Ganz viel Seele ausschütten

Bei den ersten Sätzen Roches dämmert dem Zuschauer schon, dass es im Konzept der Sendung ganz viel um Seele ausschütten geht. „Ich bin Charlotte Roche, vor Kurzem bin ich aus der Stadt raus aufs Land gezogen. Mich hat das völlig verändert“, hört man in einem Voice-Over. Roche hat sich die Gäste eingeladen, um herauszufinden, ob sie in der Natur ein bisschen zu sich selbst finden, so wie Roche das getan hat. Alle Gäste sind es gewohnt, eine Fassade aufrecht zu erhalten (außer vielleicht Tim Wiese). Von den Schauspielern und der Grünen-Vorsitzenden will Roche, dass sie die Fassade mal fallen lassen, damit der Fernsehzuschauer die mal „in echt“ erleben kann, ohne aufgesetzte Rolle.

Keine acht Minuten nach Beginn der Sendung, die Gäste haben da bereits Fisch selbst ausgenommen und sind dabei, ihn zu essen, stellt Roche die wirklich unangenehmen Fragen. „Du hast doch ziemliche Angst vor dem Tod, oder?“, fragt sie Robert Stadlober. Es ist eine Frage, auf die Stadlober nicht mit „Nein“ antworten kann, denn das wäre vermutlich nicht nur gelogen, sondern auch ziemlich unhöflich gegenüber Roche. Also erzählt er brav von seiner Todesangst.

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Fisch ausnehmen und dabei über den Tod sprechen? Roche kann das.

NDR

Kurz kommt Annalena Baerbock zu Wort, in dieser Sendung eindeutig die interessanteste Figur, weil sie bereit ist, authentisch davon zu berichten, was es heißt, Parteivorsitzende zu sein. Das heißt, sie wäre dazu bereit. Sie will zum Beispiel in einer Szene ansetzen zu erzählen, dass sie Angst hat, das Leben ihrer Kinder zu verpassen. Aber da wird sie schon von der nächsten orchestrierten Frage Roches „Deine Eltern sind doch ziemlich früh gestorben, oder?“ an Tim Wiese unterbrochen . Spätestens, und zwar wirklich allerspätestens hier, wird klar, dass die Gäste nicht etwa über sich selbst und ihre Ängste reden, weil es in der warmen Holzhütte mit dem frischen, gegrillten Fisch so herzausschüttungs-heimelig ist. Sondern weil Roche einfach so dreist danach fragt.

Themen, die Friedrich Schiller nicht pathetischer hätte zusammenfassen könenn

Wenn Charlotte Roche selbst über ihre Vergangenheit und Schicksalsschläge spricht (Roche hat ihre Brüder bei einem Autounfall verloren) ist das nicht mal peinlich. Sie kann das. Das Problem: Sie erwartet, dass die Gespräche über den Tod, die ein Drittel der Sendung einnehmen, ihren Gästen genauso locker über die Lippen gehen. Und während es in der ganzen Sendung um Themen geht, die Friedrich Schiller nicht pathetischer zusammenfassen könnte (Tod, Angst, Leben), wechseln sich die Hütten- und Waldszenen mit Studioszenen ab. In denen machen die Gäste Kunstpausen und denken bei Gitarrenmusik über die Dinge nach, auf die Charlotte Roche sie gebracht haben soll.

Baerbock und Stadlober sprechen einmal, und hier könnte es wirklich interessant werden, über die unterschiedliche Wahrnehmung von Männern mit Kindern und Frauen mit Kindern in der Politik - und werden dann plump von Roche unterbrochen, die unbedingt ein Feuer machen will. Also doch nur eine normale Talkshow, die die spannenden Diskussionen abwürgt, auch, wenn im Laufe des Abends noch Holz gehackt und eine Nachtwanderung gemacht wird. Nein, hier soll es eindeutig, trotz einer oberlehrerhaften eingeschobenen Passage über Flüchtlinge, nicht um Politik gehen, sondern um hyggeliges Beisammensein und Seele nach Außen tragen.  

Der NDR wollte eine Sendung mit der "Hoffnung auf Echtes"

Der NDR wollte eine Sendung mit der „Hoffnung auf Echtes“, darum stellt Roche Fragen über Tod und Angst und eröffnet eine Therapiestunde für ihre Gäste, und gerade deswegen bleibt die Sendung durchweg ein reines Konstrukt. Eine Art Dschungelcamp für das Publikum der Öffentlich-Rechtlichen. Es bleibt die Frage, warum man sich das ansehen sollte, anstatt sich am Samstagabend mit Freunden zu treffen und mal nachzufragen, was bei ihnen eigentlich so los ist mit Liebe und Tod. Vielleicht, weil es einfach zu unangenehm wäre, deswegen übernimmt Roche das für uns, das wäre ja ganz nett.

Es funktioniert nur leider nicht. Die Sendung ist zu offensichtlich angeschmiegt an warme Farben, ruhige Singer-Songwritermusik und langsam abgespielte Gelächterszenen der Protagonisten, die extra verdeutlichen, wie viel Spaß sie hier im Wald haben. Dabei hätte die Zusammenstellung der Gäste wirklich interessant sein können, wenn Roche sie ohne Wald-Bohei einfach auf eine Studiocouch gebeten hätte. Aber das hat sie nicht.

Vorschlag für die nächste Sendung: Eine Frau, vier prominente Menschen, Titel der Sendung: „Charlotte Roche.“ Ohne Schiller-Pathos, ohne Fische ausnehmen, ohne Gitarre am Lagerfeuer. Könnte eine wirklich gute Sendung werden.

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