Wenn Teenager sich mit Photoshop „bereit für Social Media“ machen sollen

Das Projekt „Selfie Harm“ zeigt, wie weit sie gehen.
Interview von Christina Waechter

Der britische Fotograf und GNTM-Lieblingsfotograf Rankin hat pünktlich zum Start der 14. Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ ein Fotoprojekt veröffentlicht, das sich mit den Gefahren der Selfie-Kultur auseinandersetzt. Für „Selfie Harm“ hat Rankin 15 Teenager zwischen 13 und 19 Jahren fotografiert und diesen dann das Bild zur Überarbeitung überlassen. Die Teenager sollten ihr Bild solange bearbeiten, bis sie es „bereit für Social Media“ hielten.

Für sein Projekt hat Rankin nun die Original-Bilder den bearbeiteten gegenübergestellt – und zeigt damit recht eindrucksvoll den Druck, der auf jungen Menschen lastet, auf Social Media ein perfektes Bild von sich selbst zu präsentieren, das bisweilen kaum mehr etwas mit der Realität zu tun hat. Wir haben mit Rankin über das Projekt gesprochen.

Bild: Rankin Photography Ltd.

Bild: Rankin Photography Ltd.

Bild: Rankin Photography Ltd.

Bild: Rankin Photography Ltd.

Bild: Rankin Photography Ltd.

Bild: Rankin Photography Ltd.

Bild: Rankin Photography Ltd

Bild: Rankin Photography Ltd.

Bild: Rankin Photography Ltd.

Bild: Rankin Photography Ltd.

jetzt: Rankin, beobachten Sie dieses Phänomen, dass alle ihre Bilder für Instagram bearbeiten, schon länger?

Rankin: Ja. Bevor wir Smartphones hatten, war die Vorstellung, ein Selfie zu machen, komplett lächerlich. Aber mit Instagram, Facebook und all den anderen Apps ist das Selfie zum Mainstream geworden – von Teenagern bis zu Großeltern tun es alle. Wenn aber alle alles teilen, stehen die persönlichen Bilder deines Lebens im Wettbewerb mit allen anderen. Als Teenager willst du da auf keinen Fall außen vor bleiben. Und was schlimmer ist: Du willst nicht für dein Aussehen kritisiert werden oder dafür, was du tust. Es ist so, als würdest du ermuntert, nur deine besten Eigenschaften zu zeigen. Die Tatsache, dass wir unsere Erscheinung mit diesen Apps verändern können, ist ein riesiges Symptom dafür. Man wird dazu gebracht zu denken, dass man nicht gut genug bist, wenn man nicht wie die Influencer aussieht, denen man folgt.

Wie denken Sie über all diese Filter, mit denen wir unsere Bilder bearbeiten können?  

Die sind definitiv schädlich für junge Menschen. Unterscheiden zu können, was echt ist und was mit einer App bearbeitet wurde, sollte eigentlich einfach sein, aber die Bearbeitungsmöglichkeiten sind sehr professionell. Die Leute verkleinern ihre Taille hier um ein paar Zentimeter, entfernen da ein paar Pickelchen und plötzlich strebt jeder nach einer Idealversion von sich selbst – die unmöglich zu erreichen ist.

Bevor es soziale Medien gab, war es vor allem der Job von Models, wunderschön auszusehen. Heute scheint der Druck auf uns allen zu lasten. Wie kann man damit besser umgehen?

Ich glaube, die sozialen Medien müssen sehr viel mehr Verantwortung übernehmen. Aber auch wir müssen darüber reden und darauf aufmerksam machen. Wenn ein Bild verändert wurde, sollte es einen entsprechenden Hashtag bekommen – und zwar immer denselben.

Die einzig andere Möglichkeit, dem Druck zu entgehen, ist, die Apps zu löschen und nichts mehr anzuschauen. Denn es ist nun mal sehr menschlich, uns mit dem zu vergleichen, was wir sehen – und wenn es ein bearbeitetes Bild ist, das dir als Realität präsentiert wird...

Einige der bearbeiteten Fotos sind wirklich bizarr – kaum etwas schien den Teenagern zu gefallen, fast alles wurde verändert.

Die Teilnehmer waren alle großartig und hatten wirklich tolle Persönlichkeiten. Aber durch ihre Bildbearbeitung haben sie sich alle sehr homogen gemacht – größere Augen, dünneres Kinn, hellere Haut. Was mich am meisten erschrocken hat, war, wie viel Spaß die Apps gemacht haben und wie süchtig sie machen können. Ich habe auch großen Spaß, wenn ich sie nutze.

 Wie reagieren Betrachter auf das Projekt?

Die meisten finden das Projekt extrem entmutigend.

Führen Sie als Fotograf bei Germany’s Next Topmodel Gespräche mit den Models über ihre Selbstwahrnehmung und ihre Selbstkritik?

Wenn aufstrebende Models etwas von mir lernen können, dann das: Um zu wissen, wer du bist, solltest du mit dir zufrieden sein, bevor du es in der Industrie versuchst. Außerdem sollte man den Menschen schon zuhören, die einem sagen, ob es sich lohnt oder nicht. Die wissen meistens, wovon sie sprechen.  Man muss realistisch sein in diesem Geschäft. Ich sage es aber auch den Menschen, wenn ich finde, dass das nicht der richtige Job ist. Denn ich will ihnen nicht die Zeit stehlen. Unglücklicherweise wird man in dieser Karriere immer irgendwann kritisiert werden. Aber für mich sind die besten Models die mit einer starken Persönlichkeit. Wenn ich fotografiere, geht es mir darum, eine Verbindung mit dem Subjekt herzustellen, damit es sich gestärkt fühlt.

Die Sendung "Germany's Next Topmodel" wird ebenfalls von vielen dafür kritisiert, dass sie Gift für das Selbstbewusstsein junger Mädchen sei. Finden Sie das nicht auch diskussionswürdig?

Alles, was mit psychischer Gesundheit zu tun hat, sollte zur Diskussion stehen. 

Fühlen Sie sich durch Ihre Arbeit als Modefotograf in irgendeiner Weise verantwortlich für den Trend zu bearbeiteten Fotos?

Wenn ich zurück schaue auf die 1990er und 2000er Jahre, dann wird mir klar, dass wir es alle damals zu weit getrieben haben mit dem Retouchieren. Photoshop hat die Industrie revolutioniert. Es hat die Modewelt allerdings gut 20 Jahre gekostet, zu lernen, dass man sich auch zurückhalten kann und bis Authentizität wieder zum Trend wurde. Diese Apps gibt es erst ein paar Jahre. Ich hoffe, dass wir den Schaden, den sie anrichten, begrenzen können, bevor ganze Generationen davon verletzt werden.

 Wie kann man der Selfie-Kultur begegnen? Durch Aufklärung?

Ich glaube, dass viele Teenager sehr viel schlauer sind als wir denken und Social Media als Spiel betrachten. Photoshop bringt allerdings selbst das Selbstbewusstsein und den Selbstwert von erwachsenen Schauspielerinnen und Models durcheinander – da kann man sich vorstellen, was das für Kinder bedeutet, die eigentlich gerade damit beschäftigt sind, es irgendwie durch die Pubertät zu schaffen. Das Schlimmste, was wir tun könnten, wäre ihnen die Apps zu verbieten - welcher Teenager hört schon auf Erwachsene, die ihm sagen wollen, was er zu tun hat?