„Deep und deutlich“ sollte das einzige Talkformat im NDR sein

Oder zumindest den Sendeplatz mit der NDR-Talkshow tauschen. Denn die Sendung bringt die Diversität ins Fernsehen, die es dringend nötig hat.
Von Niko Kappel
deep und deutlich

Moderieren die Show im Wechsel: Von links Aminata Belli, Svenja Kellershohn, Tarik Tesfu und MoTrip.

Foto: NDR/Hendrik Lüders

Eine Mannequin-Challenge zum Einstieg. Ein wenig 2017 ist das ja schon. Man soll wohl merken: Aha, jetzt bin ich bei den coolen, jungen Leuten aus dem Internet. Das ist wohl richtig, denn cool sind die Moderator*innen allemal. Aber auch unter Wert verkauft. Denn das neue NDR-Talk-Format „deep und deutlich“ sollte mehr sein als die kleine Schwester der großen NDR-Talkshow. Und vor allem nicht nur „eine NDR Talkshow“ sein, wie es im Titel der Sendung heißt.

Moderiert wird „deep und deutlich“ abwechselnd von einem Team aus der Journalistin Aminata Belli und dem Rapper MoTrip und einem Team bestehend aus der Reporterin Svenja Kellershohn und Tarik Tesfu, der im Trailer der Sendung von sich sagt, er sei „die Schwarze Barbara Schöneberger“. Dieses Moderator*innen-Team ist so divers wie spannend und genauso sind es die Gäste der ersten Show, die seit dem 2. Oktober in der NDR-Mediathek zu sehen ist. Im Fernsehen läuft sie auch, allerdings erst um 0 Uhr, zum ersten Mal in der Nacht von Samstag auf Sonntag, den 4. Oktober. Für die erste Runde waren Rapperin Katja Krasavice, Moderatorin Sophie Passmann, Sänger Clueso, die Youtube-Zwillinge The Real Life Guys, Jam-Skaterin Oumi Janta, Reporterin Nadia Kailouli und Tiktoker Younes Zarou zu Gast.

Kein biodeutsches Moderatoren-Team, keine Lanz-artige Standard-Besetzung aus Politiker, Journalistin, Naturexperte, Autorin und Comedian, bei der die Themensprünge von ernst zu spaßig so vorhersehbar wie langweilig sind. In der Runde, moderiert von Aminata Belli und MoTrip, sitzen bekannte Menschen und solche, die mehr Bekanntheit außerhalb ihres Formats verdient hätten. Junge Menschen, wie die Real Life Boys, denen Millionen Menschen folgen, aber eben auf Youtube, weswegen sie NDR-Durchschnitts-Zuschauer*innen wohl eher nicht kennen. 

Eine Balance zwischen Traurigkeit und Wahnsinn

Philipp und Johannes Mickenbecker, die Real Life Guys, bauen auf ihrem Kanal fliegende Badewannen, Achterbahnen und Baumhäuser. Die beiden plaudern bei „deep und deutlich“ so dahin, über kindliche Abenteuerlust und Spieltrieb, übers Basteln und warum man das alles für Youtube filmt. Dann auf einmal: Schluss mit der Unbeschwertheit. Sie erzählen, dass sie das erwähnte Baumhaus für ihre Schwester gebaut haben, die 2018 bei einem Flugzeugabsturz gestorben ist. Und dass Philipp Mickenberger Krebs hatte, dadurch seinen Glauben zu Gott gefunden habe und darüber ein Buch geschrieben hat. Und dann sagt er weiter, dass sein Krebs zurück sei, mit zwei Beulen auf seiner Brust. Der Arzt habe ihm vor zwei Wochen gesagt, dass er noch zwei bis acht Wochen zu leben habe. „Wann war das?“, fragt Aminata Belli noch einmal nach. „Vor zwei Wochen“, antwortet Philipp Mickenberger. 

Spätestens da kann und will man nicht mehr abschalten. Die Sendung ist keine 15 Minuten alt und hat schon selbstgebaute U-Boote, unheilbaren Krebs, Bücher über Gott und tödliche Flugzeugabstürze thematisiert.

Diese Balance zwischen Traurigkeit und Wahnsinn zieht sich weiter durch. Oumi Janta skatet im Studio eine verrückt schöne Performance auf ihren Rollschuhen, mit denen sie sonst auf Instagram im Sonnenuntergang über das Tempelhofer Feld fährt. Danach spricht Katja Krasavice darüber, dass ihr Vater eine ihrer Freundinnen missbraucht hat und dass sie mit 13 Jahren auf SchülerVZ „pornomaus“ hieß. „Ich habe mir dein erstes Video angeguckt“, sagt Aminata Belli, „und selbst ich war damals empört.“ „Welches“, fragt Krasavice. „Das mit dem Blasen.“ „Welches“, fragt Krasavice wieder. Auf Katja Krasavices Youtube-Kanal gibt es so viel Content über Oralsex, da kann man schon mal durcheinanderkommen. 

„deep und deutlich“ ist ein Talk-TV für die Generation Tiktok

Sie erzählt weiter, dass sie sich gerne von Männern ins Gesicht pinkeln lässt und dass das wahrscheinlich mit ihrem Vaterkomplex zu tun hat. Man stellt sich vor, dass das Oma und Opa sehen, die vor dem Fernseher eingeschlafen sind, nach 0 Uhr wieder wach werden, weiter NDR gucken und freut sich, dass es dieses Format ins Linear-Fernsehen geschafft hat. Denn in der Talkshow finden Themen statt, die sonst im Fernsehen kaum stattfinden. Die werden hier von jungen Menschen gesetzt, sollten aber alle Menschen interessieren. Sophie Passmann spricht über Body Neutrality, ihren Wunsch, dass man seinen Körper auch einfach okay finden kann und nicht immer lieben muss, wie das auf Instagram oft propagiert wird. MoTrip interviewt sie dazu und man fragt sich, warum er zuerst Rapper und nicht Talkshow-Master geworden ist. Danach redet Clueso über das Aufwachsen in der DDR. Reporterin Nadia Kaliouli spricht über ihre mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Reportage von der Sea-Watch 3. Im Hintergrund laufen Bilder von weinenden Geflüchteten vor Lampedusa. 

Und wieder ein Sprung: Der erfolgreichste Tiktoker Deutschlands heißt Younes Zarou und sitzt natürlich auch in der Runde. Er versucht zu erklären, warum sein Video, in dem er Farbe in Wasser rührt, 200 Millionen Menschen angeschaut haben. Das gelingt ihm nicht so richtig, ist aber auch eigentlich egal. Mittlerweile folgen ihm 13 Millionen Menschen. „deep und deutlich“ springt hin und her zwischen krass und verrückt, zwischen Information und Emotion und ist zwischendurch ein absoluter Overkill, Trigger nach Trigger. Es ist Talk-TV für die Generation Tiktok.

Das alles tut dem deutschen Fernsehen gut. Es ist schön, dass das altehrwürdige Format Talkshow so – es gibt einfach keinen passenderen Ausdruck – „fresh“ besetzt wird. Die Moderator*innen sind emphatisch, aber nicht zu kumpelhaft, sie sind jugendlich, aber nicht peinlich. Die Gäste kennt man zur einen Hälfte und zur anderen nicht, man lernt also neue Menschen kennen, wird geschockt und informiert. Barbara Schöneberger hat Aminata Belli und MoTrip im Mutter-Format, der NDR-Talkshow, „die zwei Coolen“ genannt. Die zwei sind wirklich cool, so cool, dass man darüber nachdenken sollte, dass „deep und deutlich“ nicht nur das junge, sondern das Talk-Format im NDR wird und um 22 Uhr läuft. Die alte NDR-Talkshow gibt es ja auch schon lange genug.

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