Entlarvende Doku oder Bühne für rechtsextreme Inszenierung?

Für „Rechts. Deutsch. Radikal“ hat Thilo Mischke mit Rechten gesprochen. Wir haben einen Medienethiker um eine Einschätzung gebeten.
Interview von Leonie Sanke
rechts deutsch radikal cover

Foto: obs / ProSieben / dpa

Eigentlich hätte am Montagabend zur Primetime ein Tarantino-Film auf ProSieben laufen sollen. Doch der Sender zeigte stattdessen eine Doku über Rechte und Rechtsextreme in Deutschland, die seitdem viel diskutiert wird: „Pro Sieben Spezial: Rechts. Deutsch. Radikal.“ Mehr als zwei Stunden sucht Reporter Thilo Mischke darin nach den Beweggründen von Menschen mit mehr oder weniger offen rechtsextremer Gesinnung und zeigt dabei, wie selbstbewusst und vernetzt die Szene inzwischen auftritt. Der schockierende Höhepunkt der Doku: verdeckt gefilmte Statements eines AfD-Funktionärs, bei dem es sich laut Zeit Online um den inzwischen gekündigten Pressesprecher der AfD-Fraktion, Christian Lüth, handelt. Er spricht davon, dass es Geflüchtete brauche, um eine Stimmung in Deutschland zu erzeugen, die der AfD nutze. Die Menschen könne man am Ende ja immer noch „vergasen“ oder „erschießen“. 

Wir haben mit Christian Schicha, Medienwissenschaftler und Professor für Medienethik, darüber gesprochen, ob und wie rechte und rechtsextreme Positionen in den Medien abgebildet werden sollten. Und was die ProSieben-Doku über die Strategie rechter Parteien enthüllt.

jetzt: Für die Doku „Rechts. Deutsch. Radikal.“ gab es viel Lob, aber auch Kritik. Etwa, dass die Gefahren rechtsextremer Strukturen in Deutschland hier als neue Entdeckung inszeniert werde – während etwa antifaschistische Recherchegruppen schon lange genau davor warnen. Wie sehen Sie diese Kritik?

Christian Schicha: Das, was gezeigt wurde, war sicher für viele nicht neu. Aber jemand, der sich auf ProSieben am Montagabend auf einen Tarantino-Film gefreut hat und zufällig drangeblieben ist, für den war das hoffentlich ganz erhellend. Die Einschaltquoten der Doku waren sehr hoch. Auch die Medienresonanz war zu Recht positiv. Ein Sendeformat im privat-kommerziellen Fernsehen zu diesem Thema, zur Primetime und ohne Werbeeinblendungen, das in der Lage ist, solche Anschluss-Diskurse zu generieren, wie auch wir ihn hiergerade führen, ist durchaus lobenswert.

Was konnte die Doku aufzeigen, was in der Berichterstattung über Rechte und Rechtsextreme sonst kaum vorkommt?

Ich war überrascht, wie die Rechten sich in den Interviews selbst dargestellt haben: relativ ruhig und sachlich. Sogar Vertreter der Partei „Die Rechte“, die normalerweise sehr aggressiv in Erscheinung treten, haben sich zurückgehalten. In Wahlwerbespots der Partei, die ich analysiert habe, herrscht eine ziemlich aggressive Stimmung, pures Geschrei. Oder denken Sie an Pegida-Demonstrationen, bei denen Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angepöbelt werden. Mit den Protagonisten in der Doku gab es, abgesehen von einer Szene, dagegen teilweise durchaus argumentativen Austausch. Das zeigt auch, wie professionell die Selbstinszenierung der Rechten inzwischen ist. Die sind geschult und gebrieft, die wissen genau, was sie sagen dürfen und haben auf einiges bewusst nicht geantwortet, eben mit der Begründung, dass sie sonst gegebenenfalls strafrechtlich verfolgt werden.

„Die AfD ist immer sehr dankbar, wenn man sagt, wir sprechen nicht mit euch“

Aber liegt nicht genau darin die Gefahr, Rechten und Rechtsextremen in so einem Format eine Bühne für ihre bewusste Selbstinszenierung zu bieten?

Diese Debatte halte ich für sehr problematisch. Ich bin zwar kein Anhänger der AfD und bewerte Aussagen von Politikern dieser Partei zum Teil als menschenverachtend. Trotzdem habe ich ein großes Problem damit, wenn über eine politische Kraft, die die größte Oppositionspartei in Deutschland stellt, nicht berichtet wird. Denn die AfD ist immer sehr dankbar, wenn man sagt, wir sprechen nicht mit euch. Dadurch kann sie eine Opferrolle einnehmen. Natürlich gibt es aber Grenzen. Ich halte es für keine gute Idee, einem Herrn Höcke die Möglichkeit zu geben, seine rassistischen Kommentare in Interviews loszuwerden. Es kommt vielmehr darauf an, die kruden Thesen der AfD durch gründliche Recherche und gute Argumente zu entkräften. Auch über Hetzreden wie die von Höcke sollte entsprechend kritisch und einordnend berichtet werden.

Es hat mich aber auch geärgert, dass über die AfD in den Nachrichten anfangs immer mit dem Zusatz „rechtspopulistisch“ berichtet wurde. Das gibt der AfD eine Sonderrolle, die es ihr ermöglicht, sich als Märtyrer darzustellen. Mit ihrem kontrollierten Auftreten in der Doku hat die rechte Szene dagegen sehr viel über sich verraten.

Was denn genau?

Das Gespräch des Reporters mit den beiden Vertretern der Partei „Die Rechte“ ist dafür ein gutes Beispiel. Die haben ihm gegenüber ihr Motto klargemacht: Lasst die AfD erst mal schauen, dass sie die normalen Bürger gewinnt, die weniger radikale Ansichten haben. Und wenn die AfD dann die Macht hat, ist der linke Reporter – so die Hoffnung der Rechten – irgendwann in der Außenseiterrolle, die derzeit noch diese Splitterpartei einnimmt.

Das sind hoffentlich vergebliche Wünsche. Aber sie zeigen auch: Die Verbindungen sind da – zwischen rechten Parteien, nationalistischen Initiativen, sehr aggressiven Parteien und dieser sich bürgerlich gebenden AfD. Auch wenn die AfD das bestreitet. Diese Partei weiß schon, wie sie diesen Spagat zwischen bürgerlichem Auftreten sowie nationalsozialistischen Positionen hinbekommt und dabei Anhänger auf beiden Seiten generiert. Es gilt, diese strategische Vernetzung ernst zu nehmen und zu bekämpfen. Die AfD ist längst nicht mehr nur eine kleine Partei, die im Westen keine Rolle spielt.

„Ich habe die Hoffnung, dass der kritische Zuschauer derartige Aussagen angemessen einordnen kann“

Die Doku begleitet auch Sanny Kujath. Mit seiner Jugendgruppierung „Junge Revolution“ gilt er als Hoffnungsträger der extremen Rechten. Auf die Frage nach dem Wert jüdischen Lebens antwortet er: „Kein Kommentar.“ Zum Zweiten Weltkrieg hat er nicht mehr zu sagen als: „Der Sieger schreibt die Geschichte.“ Kann man so eindeutig antisemitische Aussagen wirklich im Fernsehen zeigen?

Gerade bei Aussagen, die eigentlich die Grenze des Sagbaren überschreiten, ist es wichtig, diese ausgrenzende Haltung und dieses menschenfeindliche Agieren zu dokumentieren. Ich habe die Hoffnung, dass der kritische Zuschauer derartige Aussagen angemessen einordnen kann.

Ein Fazit der Doku ist: Der AfD geht es vor allem um Eskalation, da sie sonst um ihre Unterstützung fürchtet. Das zeigt ein Zitat eines verdeckt gefilmten AfD-Funktionärs, wohl Christian Lüth, der inzwischen entlassene Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion: „Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD.“ Wie wichtig ist es, diese Logik aufzuzeigen?

Das ist auf jeden Fall wichtig. Wobei ich auch die Gefahr sehe: Je stärker man diese Positionen thematisiert, umso mehr mobilisiert man die Anhänger. Das führt dazu, dass sich auf der einen Seite Leute darüber aufregen und sich auf der anderen Seite Leute dafür begeistern, die etwa Kritik an der Bundesregierung üben. Insgesamt war es aber richtig und wichtig, dieses und andere Zitate von Lüth zu dokumentieren. Zu Recht hatte dies auch Folgen für ihn und es zeigt, welche problematische Haltungen verantwortliche Protagonisten in dieser Partei einnehmen. 

„Dramatisierung ist hier weder notwendig noch hilfreich, sondern eher störend“

Welche Erzählweisen, die auch in der Doku verwendet wurden, finden Sie problematisch?

Natürlich gab es Szenen, die etwas dramatisiert worden sind, indem entsprechende Musik zu den Bildern und Aussagen unterlegt wurde. Die tränenreiche Szene der rechten Youtuberin, die sich offenbar von diesem Gedankengut abgewandt hat, war ebenfalls stark emotionalisiert. Hier war es aber auch wichtig, dass Ausschnitte gezeigt wurden, die sie davor als AfD-Sympathisantin zeigten. Man kann auf jeden Fall auch mit einer weniger starken Bebilderung, wie hier während der Experten-Interviews auf Leinwänden im Hintergrund, und ohne Musikeinlagen, die vielleicht ablenken und unnötigerweise ein großes Drama aufbauen, genauso gut über so ein Thema reden. Dramatisierung ist hier weder notwendig noch hilfreich, sondern eher störend. Insgesamt handelt es sich aus meiner Perspektive bei der Doku aber um eine sehr gelungene, gründlich recherchierte Analyse der AfD und von anderen rechten Strömungen in Deutschland. Es ist zu hoffen, dass es im privat-kommerziellen Fernsehen in Zukunft mehr solche Beiträge gibt, die einen Beitrag zu politischen Bildung leisten.

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