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Die Premiere von „Dogs of Berlin“ in, na klar, Berlin.

Foto: Getty / Andreas Rentz

Am 7. Dezember ging „Dogs of Berlin“ bei Netflix an den Start. Keine Woche später wird das sehnsüchtig erwartete deutsche Netflix-Original von Kritikern und Zuschauern ausführlich in der Luft zerfetzt. Wer die Kritiken liest, muss zwangsläufig zu dem Ergebnis kommen, dass Serienschöpfer und Regisseur Christian Alvart hier wirklich alles falsch gemacht hat, was man falsch machen kann. 

Nachdem ich mir „Dogs of Berlin“ angesehen habe, stellt sich mir vor allem eine Frage: Was hat Deutschland eigentlich für ein Problem mit deutschen Serien?

Ja, okay, „Dogs of Berlin“ ist sicher nicht die originellste Serie der Welt. Da habe ich dieses Jahr schon viel Besseres gesehen – aber eben auch viel Schlechteres. Das nicht enden wollende Sperrfeuer der Schmähkritik erschließt sich mir nicht. 

Nicht nur die Pressestimmen fielen überwiegend vernichtend aus. Auf Twitter entbrannte direkt der Wettstreit um die giftigste Schmähkritik in 280 Zeichen. Und dazu wurde „Dogs of Berlin“ bis ins kleinste Detail durchleuchtet. Eine rote Linie auf dem Beton markiert das Territorium des arabischen Mafia-Clans? Unrealistisch! Ein Fußballspiel wurde vorm Greenscreen in Szene gesetzt? Na, das sah bei FIFA 19 aber echter aus! Der Nazi-Schläger trägt Glatze und Unterhemd? Hallo, die Achtziger haben angerufen, die wollen sofort ihr Klischee zurück!

Neu sind diese Reaktionen aus dem Netz nicht. Mancher deutscher Serien-Trash lässt sich wirklich nur mit viel Humor oder Häme ertragen. Nur: So kritisch ist das deutsche Publikum nicht immer.

Sobald das Brandenburger Tor ins Bild rückt, wird ganz genau hingeschaut

Jede Form der fiktiven Unterhaltung braucht ein gewisses Maß an Suspension of Disbelief: Der Zuschauer muss seinen „Unglauben“ kurzzeitig ausschalten und sich auf die Welt der Geschichte einlassen; erstmal schauen, wo die Reise hingeht und welche Maßstäbe da angelegt werden. Solange im Hintergrund der Serie die Freiheitsstatue oder Big Ben zu sehen sind, funktioniert das eigentlich auch ganz gut.

Sobald aber das Brandenburger Tor ins Bild rückt, wird ganz genau hingeschaut. Jedes vernuschelte Wort ist zu viel, jede Abweichung von der Realität zu groß, und plötzlich findet der deutsche Zuschauer die ganze Serie doof, albern, peinlich. An dieser Stelle wird dann gern der Vergleich zum „Tatort“ ausgepackt – eine neue Serie mit einem schlechten Sonntagabendkrimi gleichzusetzen, gilt vielen wohl als ultimative Abwertung. Dass der Tatort nach fast 50 Jahren Laufzeit noch immer regelmäßig Marktanteile von mehr als 30 Prozent holt und damit zu den erfolgreichsten Fernsehformaten weltweit gehört, wird dabei übersehen. Natürlich ist Masse nicht unbedingt ein Merkmal für Qualität. Der Leistung könnte man aber durchaus ein gewisses Maß an Respekt zollen. Dass die langlebigste deutsche Serie aller Zeiten stattdessen als Pointe für böse Kritiken herhalten muss, sagt einiges über die deutsche Perspektive aus.

Deutsche Serien können einfach nicht gewinnen in Deutschland. Und das liegt nicht daran, dass sie nichts können, sondern daran, dass man ihnen nichts, aber auch gar nichts zutraut. Dabei geht es oft gar nicht um Handlung, Schauspieler oder Effekte – es scheint einfach eine sehr deutsche Angewohnheit zu, alles Deutsche erst mal kritisch zu sehen. Im Urlaub meiden die Deutschen nichts mehr, als andere Deutsche zu treffen. Das Verhalten der eigenen Landsleute wird grundsätzlich als peinlich und tölpelhaft gesehen – selbst, wenn es sich objektiv betrachtet kaum vom eigenen unterscheidet. Im Fußball lässt sich ein ähnliches Phänomen beobachten: Wenn die Nationalelf gerade mal nicht Weltmeister wird, wird sie von den eigenen Fans härter angegangen als von ihren größten Kontrahenten. 

Genauso so geht der deutsche Zuschauer auch deutsche Serien an. Man geht von vorn herein davon aus, enttäuscht zu werden – und hat verständlicherweise von vorn herein nicht so wirklich Lust auf das Ganze. Wer trotzdem einschaltet, sucht vom ersten Bild an nach Fehlern und Fettnäpfchen, die die böse Vorahnung bestätigen. So werden vielversprechende neue Produktionen entweder direkt aufs Abstellgleis gestellt oder noch vor Erstausstrahlung tot geredet.

Beispiele für hochkarätige Serien aus deutscher Produktion gab es in den letzten Jahren reichlich. Die ZDF-Serien „Verbrechen“ und „Schuld“ boten nachdenklich machende Krimi-Unterhaltung weit abseits des „Tatort“-Standards. Die Mystery-Serie „Weinberg“ hielt scheinbar mühelos Schritt mit Genre-Größen wie „Twin Peaks“. „Morgen hör ich auf“ wurde gar als deutsche Antwort auf „Breaking Bad“ gehandelt. Darüber gab es bei Twitter aber nichts zu lesen. Die Serien heimsten zahlreiche Auszeichnungen ein, konnten aber kein breites Publikum für sich gewinnen.

Wenn man von deutschen Serien Unterhaltung auf Hollywood-Niveau erwartet, muss man ihnen denselben Spielraum einräumen

Um das zu ändern, starten Sender und Macher immer wieder groß angelegte Werbekampagnen für ihre Serien. Auch das geht allerdings gern mal nach hinten los. Nicht nur „Dogs of Berlin“ fiel diesem Phänomen zum Opfer; 2015 scheiterte bereits „Deutschland 83“ an überhöhten Erwartungen. Kein Wunder: Eine Serie, die noch vor ihrer Premiere ohne jede Ironie als „beste Serie der Welt“ angepriesen wird, kann doch eigentlich nur verlieren. Als die erste Folge des soliden Spionage-Thrillers endlich bei RTL lief, war der Hype längst zu groß, um ihm noch gerecht werden zu können. Aus einer starken Serie wurde über Nacht ein Quotenflop. Ob „Dogs of Berlin“ nach den ätzenden Kritiken eine zweite Staffel bekommt, bleibt abzuwarten.

Die Lösung des Problems kann natürlich nicht darin bestehen, jede deutsche Serie hochzujubeln, nur weil sie aus Deutschland kommt. Niemand muss „Dogs of Berlin“ mögen, und neben vielen guten gibt es selbstverständlich auch viele schlechte deutsche Serien. Aber vielleicht macht es Sinn, das Ganze beim nächsten Mal offener anzugehen. Wenn man von deutschen Serien Unterhaltung auf Hollywood-Niveau erwartet, dann muss man ihnen eben auch denselben Spielraum einräumen wie Hollywood. Und bereit sein, sich erstmal auf die Welt der Serie einzulassen und dann abzuwarten, ob sie einen dort halten kann. Einschalten, anschauen, wirken lassen – funktioniert sonst ja auch.

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