„Ich bin HIV-positiv. Umarmst du mich?“

Mit diesem Schild steht Marvin in der Kölner Fußgängerzone – ein Video zeigt die Reaktionen.
Von Teresa Fries

Ein junger Mann steht in einem grauen Hoodie auf einem belebten Platz. Seine Mütze hat er sich über das ganze Gesicht bis unters Kinn gezogen. Seine Arme sind weit ausgebreitet. Um seinen Hals trägt er ein Schild mit einer Frage: „Ich bin HIV-positiv. Umarmst du mich?“ Er ist 17 Jahre alt und heißt Marvin.

Ich bin HIV-positiv. Umarmst du mich? | soziales Experiment

jetzt: Marvin, bist du HIV-positiv?

Marvin: Nein.

Warum stellst du dich dann mit einem Schild, auf dem das steht, in eine Fußgängerzone?

Weil heute bei einer HIV-Erkrankung weniger die Krankheit das Problem ist, sondern vielmehr die Stigmatisierung und die Angst vor gesellschaftlicher Diskriminierung. Wir wollten in diesem Experiment herausfinden, wie die Leute auf der Straße reagieren.

Wie die Leute reagieren, das sieht man in dem Video, das Marvin zusammen mit anderen Jugendlichen von ihrem Experiment gemacht haben: Menschen bleiben stehen, schauen, einige lachen, andere scheinen skeptisch, doch – nach kurzem Zögern – gehen viele von ihnen einen Schritt auf Marvin zu und nehmen ihn in den Arm.

jetzt: Wie hat es sich angefühlt, da zu stehen?

Marvin: Es war ein sehr mulmiges Gefühl. Man sieht ja kaum was und kann nur erahnen wie Leute einen anschauen oder was sie tun. Aber die vielen Umarmungen haben sich wirklich gut angefühlt.

Hattest du damit gerechnet?

Ich hatte mit einer größeren Distanziertheit der Leute gerechnet. Ich war positiv überrascht.

Falk Steinborn, 32, arbeitet als Medienpädagoge im „Anyway“, einem Zentrum in Köln für Jugendliche, die schwul, lesbisch, bi, trans* oder queer sind. Er betreut das Projekt „#saferanyway“ und die Gruppe, in der das Video mit Marvin entstanden ist. „Wir sind mittlerweile an einem Punkt angekommen, an dem HIV längst nicht mehr so eine große Sache ist wie noch in den 80ern. Mit einer HIV-Infektion kann man heute dank antiviraler Therapie sehr lange leben und die Gefahr, andere anzustecken, ausschließen“, erklärt Falk. Nur seien dieses Wissen und seine Bedeutung bei vielen noch nicht angekommen und die Vorurteile gegen HIV-Positive, die Diskriminierung und Ausgrenzung deswegen noch immer ein großes Problem. „Alleine die Unterscheidung, dass eine HIV-Infektion nicht das Gleiche wie eine AIDS-Erkrankung ist und dank der Therapie auch bei den meisten nie zu einer AIDS-Erkrankung führt, ist vielen heute immer noch nicht klar.“ Darüber aufzuklären ist eines der Ziele von #saferanyway.

jetzt: Wie bekommst du die Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen mit?

Marvin: Ich habe mehrere HIV-positive Freunde und weiß von ihren Erfahrungen. Bei einem ist vieles ziemlich unschön gelaufen. Seine Beziehung ist zu Bruch gegangen, es gab Ärger im sozialen Umfeld. Ein anderer Freund traut sich überhaupt nicht, es anderen zu erzählen oder sich zu öffnen aus Angst vor den Reaktionen.

Warum ist es wichtig, dass positive Menschen mit ihrer Diagnose offen umgehen?

Ich glaube, wenn man etwas nach außen tragen kann, dann kann man viel besser damit leben. Wenn man von außen Akzeptanz erfährt und auch sieht, man ist nicht alleine, dann ist es einfacher, sich selbst zu akzeptieren und zu sich selbst zu stehen. Diese Botschaft wollten wir mit dem Video verbreiten.

Darüber, dass Marvin als nicht HIV-positiver Mensch das Experiment macht, hat Falk mit seiner Jugendgruppe vorher diskutiert. „Wir haben uns dafür entschieden, es so zu machen, weil Marvin nicht als Person im Vordergrund steht und es ja auch genau darum geht, dass es jeder Mensch sein könnte, der sich aus welchen Grund auch immer infiziert hat. Man sieht sein Gesicht nicht. Es könnte genauso gut ein Freund sein.“ Bei der Mütze ging es also nicht darum, dass Marvin nicht erkannt werden wollte, oder Angst hatte, jemand könne denken, er sei wirklich HIV-positiv, sondern eher darum, ihn zu einer Metapher zu machen, einem Sinnbild in das quasi jedes beliebige Gesicht eingesetzt werden könnte.

Dass Marvin in dem Experiment so viele positive Reaktionen bekam und so oft umarmt wurde, ist für Falk zwar ein sehr erfreuliches Ergebnis, er sagt aber auch: „Man darf nicht vergessen, dass wir in Köln quasi in der schwulen Hauptstadt Deutschlands leben. In anderen, konservativeren Städten wäre das Ergebnis sicher ein anderes“. Es sei bereits in Planung das Experiment auch woanders nochmal zu starten.  

Solange HIV-positive Menschen noch immer diskriminiert werden und Angst haben müssen sich zu outen, solange es noch Ärzte gibt, die sich weigern sie zu behandeln, solange ihnen die Jobsuche erschwert wird und eine Diagnose gegen Prominente und Menschen in der Öffentlichkeit wie im Fall von Conchita Wurst immer noch als Druckmittel genutzt werden kann, solange muss weiter an der Aufklärung gearbeitet werden, da ist sich Falk sicher. Videos wie das von Marvin, das auf Facebook mittlerweile über 64 000 Aufrufe hat und mehr als 800-mal geteilt wurde, sieht Falk als kleinen Beitrag dazu. Aber die Aufklärung an Schulen und vor allem in den Medien sei besonders wichtig.

jetzt: Hast du deinem Freund, der Angst hat sich zu outen, das Video gezeigt?

Marvin: Er hat es selbst gesehen und mir geschrieben, dass es ihm geholfen hat und er sich davon gestärkt fühlt. Er überlegt jetzt wirklich, offener damit umzugehen, dass er HIV-positiv ist – erstmal guten Freunden gegebenüber. Das hat mich sehr gefreut, genau darum ging es ja.