„Die Filmhochschule hätte sich wie ein Rückschritt angefühlt“

Mariko Minoguchis Film „Mein Ende. Dein Anfang“ läuft in den Kinos – als Autodidaktin ist sie im Filmgeschäft die große Ausnahme.
Interview von Mercedes Lauenstein

„Mein Ende. Dein Anfang“ heißt das am 28. November offiziell in den Kinos startende Spielfilmdebüt der 31-jährigen Münchner Regisseurin Mariko Minoguchi. Was nur die wenigsten wissen: Sie hat nie eine Filmhochschule besucht und sich das Handwerkszeug fürs Filmemachen komplett selbst beigebracht. Im Interview haben wir mit ihr darüber gesprochen, wie sie das als junge Frau in einer hart umkämpften Branche angestellt hat, ob sie es nochmal genauso machen würde und was sie jungen Menschen rät, die heute von einer Karriere beim Film träumen.

Foto: Philipp Trauer

jetzt: Vom eigenen Kinofilm träumen ja viele. Für die meisten ist ein Studium an einer Filmhochschule die erste wichtige Etappe dahin. Du hast nie eine besucht und es mit gerade einmal 31 trotzdem schon ins Kino geschafft. War die Angst vor dem Scheitern ohne Institution im Rücken nicht besonders groß?

Mariko Minoguchi: Ich bin, glaube ich, einfach sehr naiv. Ich habe nie in Frage gestellt, dass ich es irgendwann schaffe, einen Spielfilm zu drehen. Außerdem habe ich immer nur in Etappen gedacht. Einen Kurzfilm fertig machen, dann den nächsten, dann den nächsten. Machbare Ziele. Dadurch war der erste Langfilm irgendwann einfach nur der nächste logische Schritt. 

Erinnerst du dich noch an den Moment, in dem du entschieden hast, Regisseurin zu werden?

Ich fand Kameras schon als Kind total faszinierend. Vielleicht, weil es wie Zauberei ist, dass man damit etwas für immer konservieren kann. Mit 15 oder 16 habe ich dann nach langem Betteln einen Camcorder bekommen. Von da an habe ich alles gefilmt: meinen Alltag, Urlaube, Interviews mit Freunden. Ich habe mir beigebracht, zu schneiden und im Keller einen Greenscreen gebaut. Mein Schulpraktikum in der zehnten Klasse habe ich dann bei einer Werbefilm-Firma gemacht. Und zum ersten Mal das Gefühl gehabt: Cool, da gibt’s endlich was, das ich kann und das mir Spaß macht.

Bei deinem ersten Kurzfilm warst du 18. Wie geht man da sowohl technisch als auch finanziell ran, wenn man noch so jung und unerfahren ist?

Ein Freund meiner Cousine war Drehbuchautor und an Ostern bei uns zu Besuch. Ich habe ihm natürlich tausend Fragen gestellt und er hat mir empfohlen, mich mit einer Idee bei einer Jugendförderung zu bewerben. Die haben einem 1000 Euro für den Filmdreh, technisches Equipment und fachliche Beratung in Aussicht gestellt. Habe ich gemacht und die Förderung bekommen.

Worum ging’s in dem Kurzfilm?

Um drei Mädchen, die dieselbe Nacht jeweils ganz unterschiedlich erleben. Eine Komödie übers Erwachsenwerden und über Freundschaft. Nach drei Tagen habe ich den Dreh abgebrochen, weil ich gemerkt habe, dass ich keine Ahnung habe, wie man eigentlich einen Film dreht. Es gibt noch Tagebucheinträge davon, in denen ich daraufhin mein ganzes Leben in Frage stelle. Aber nach ein paar Wochen habe ich mich neu aufgerafft, alles radikal vereinfacht, das Drehbuch auf Silvester umgeschrieben und neu gedreht. Und ehrlich gesagt, war das die viel bessere Version. Das Scheitern hatte also einen Lerneffekt.

Was hat dir noch dabei geholfen, das Handwerk zu lernen?

Sehr viele Filme anzuschauen. Teilweise bin ich täglich ins Kino gegangen, manchmal mehrmals hintereinander in ein und denselben Film. Um zu verstehen, wie die Szenen gemacht sind, habe ich sie mir oft aus der Vogelperspektive aufgemalt: Wo stand der Kameramann, von woher kam das Licht? Bis heute sind auf meinem Computer so um die fünfzehn Filme, die ich immer wieder ansehe, zum Beispiel „Titanic“, „Hunger Games“ und „Inception“. Ich habe außerdem einen Ordner mit tausenden von Screenshots aus Filmen, die ich regelmäßig darauf untersuche, warum sie bei mir so gut funktionieren.

Warum hast du dich nach der Schule nicht direkt an der Filmhochschule beworben?

Wollte ich ja. Aber damals hieß es, man müsse vorher erst mal praktische Erfahrung sammeln. Also habe ich mich als Set-Runner bei einer Fernsehserie beworben. Das ist ungefähr die unterste Position, die es beim Film gibt. Aber ich habe es von Anfang an geliebt: die Stimmung am Set, die langen Tage, alles. Ob Straßen blocken, Autos vorfahren, Müll wegbringen oder Kaffee kochen. Ich wusste von jedem Teammitglied, wie es seinen Kaffee trinkt. Ich war der krasseste Streber. Und dann wurde ich gefragt, ob ich nicht bei einem weiteren Filmprojekt mithelfen wolle.

Wie hast du dich all die Jahre finanziert?

Das ist das Tolle beim Film, man kann sehr schnell gutes Geld verdienen. Nach den ersten Praktikantenjobs wurde ich dann auch bezahlt und habe teilweise um die 1500 Euro die Woche bekommen, was viel Geld ist, wenn man in einem billigen WG-Zimmer lebt und auch sonst wenig Geld ausgibt. Von ein paar Jobs konnte ich also teilweise jahrelang leben und meine nächsten Kurzfilme angehen.

Und die Uni-Pläne?

In der Zwischenzeit hatte ich mit meinem ersten Kurzfilm den Bayerischen Jugendfilmpreis gewonnen, was eine riesige Bestätigung war. Irgendwie war es danach verlockender, mich noch mal bei der Jugendförderung zu bewerben und gleich den zweiten Kurzfilm zu machen. Zumal ich durch meine Jobs am Set eine Produktionsassistentin kennengelernt hatte, meine heutige Produzentin Trini Götze, die damals gerade an der Hochschule für Film und Fernsehen in München genommen worden war und Lust hatte, parallel meinen zweiten Kurzfilm zu produzieren. Und gleich danach den dritten und vierten. Und plötzlich hätte sich die Bewerbung an der Filmhochschule wie ein Rückschritt angefühlt.

Wieso?

Ich hätte dort ja noch mal vier Kurzfilme drehen müssen, fühlte mich aber an einem Punkt angekommen, an dem ich lieber mit der Arbeit an meinem ersten Spielfilm beginnen wollte. Natürlich war das total überambitioniert und hat auch nicht so einfach funktioniert.

Auf welche Schwierigkeiten bist du gestoßen?

Die größte Herausforderung war es, den richtigen Stoff zu finden. Etwas, das es so noch nicht gab und das mit einem überschaubaren Budget machbar ist. Als ich 2016 das Gefühl hatte, das Richtige zu haben, bin ich für zwei Monate nach Taiwan gefahren, um dort fokussiert am Drehbuch zu schreiben. Mit dem fertigen Drehbuch in der Hand war alles Weitere dann erstaunlich einfach.

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Hast du manchmal das Gefühl, dass dir etwas fehlt, weil du nicht auf der Filmhochschule warst?

Was ich bedaure ist, dass ich mich so schlecht in Filmgeschichte auskenne. Mein Filmwissen fängt eigentlich erst Ende der Neunziger an. Viele große Klassiker habe ich nie gesehen, Fassbinder, Stummfilme, Schwarz-Weiß-Filme. Das sind alles tolle Filme, von denen man viel lernen kann. Aber mein Problem ist, dass ich keinen Bock hab, mir die allein daheim anzuschauen. Das müsste schon von außen kommen. Und auch um andere Seminare habe ich die Studenten beneidet. Außerdem gibt es Förderungen, bei denen man sich nur bewerben kann, wenn man studiert hat. Die für meinen Debütfilm haben wir auch nur bekommen, weil meine Produzentin das Projekt als ihren Debütfilm eingereicht hat.

Das heißt, ganz ohne jemanden im Team, der an der Filmhochschule war, kann man’s also doch vergessen?

Nein, es gibt auch Förderungen ohne Beschränkungen. Aber dieser bayerische Debütfilm-Fördertopf ist eben explizit für Hochschulabsolventen gedacht. Wobei man sicher auch mit denen hätte reden können, es geht denen ja um Nachwuchsförderung.

Inwiefern ist oder war dein Geschlecht für dich ein Thema in der Filmbranche?

Eigentlich nie. Wahrscheinlich hatte ich Glück und war immer von sehr fairen Leuten umgeben. Vielleicht hat es aber auch mit meiner Erziehung zu tun. Ich habe immer alles klar unsexuell gehalten. Aber natürlich ist es tragisch, dass man das überhaupt muss. Und es gab trotzdem Situationen, wo ich mir im Nachhinein denke, naja, cool war das nicht. Mir wurde zum Beispiel auch mal spaßeshalber auf den Po gehauen. Oder der Hauptdarsteller wollte mich als Praktikantin mit Kuss auf den Mund begrüßen. Ich habe das halt überhaupt nicht für mich zum Thema gemacht. Aber das macht natürlich die Sache nicht okay.

Und jetzt?

Wird zum Glück gerade alles besser. Es kommen wahnsinnig viele junge Leute, bevorzugt übrigens Frauen, in wichtige Positionen, so dass diese alte Schule der krassen Hierarchien und mächtigen Einzelpersonen langsam ausstirbt. Dass Regisseure oder Produzenten sich extrem aufführen oder überheblich und übergriffig sind, ist heute nicht mehr so einfach.

Was würdest du jemandem raten, der jetzt gerade, genau wie du damals, am Anfang steht?

Auf jeden Fall erstmal Set-Runner machen. Das ist der beschissenste Job am Set, aber entweder liebst du ihn trotzdem oder nicht. Man merkt sofort, ob man in dieser Welt gut aufgehoben ist. Denn nur weil du Filme liebst, heißt das nicht, dass du Filmemachen liebst. Und du lernst dort Leute kennen, die dich weiterbringen können. Wichtig sind auch Mentoren-Figuren, die sich mit dir treffen und deine Sachen lesen und dir ehrliche Ratschläge geben. Und es hilft natürlich, wenn man irgendwann mit Leuten zu tun hat, die wirklich gut und erfolgreich sind, in dem was sie tun und an einen glauben.

Dein Film ist ja für die heutige Film-, Kunst- und Literaturlandschaft erstaunlich wenig zeitgeistig. Es geht nicht um den Klimawandel, es geht nicht um Feminismus, nicht ums Internet, nicht um Populismus. Dein Film ist so etwas wie Indie-Science-Fiction, es geht um Liebe und Trauer und die Frage, ob alles was in unseren Leben passiert, einer Ordnung folgt. Glaubst du, deine Themenwahl hat auch etwas damit zu tun, dass du nie für Lehrer oder Kritiker geschrieben hast, sondern immer nur für dich selbst und für das Publikum?

Ich wollte einfach einen Film machen, in den ich selbst gern gehen würde. Und wenn ich abends ins Kino gehe, will ich dort nicht unbedingt dieselben Themen sehen, die ich schon tagsüber in der Zeitung gelesen habe. Ich habe manchmal Komplexe, dass ich vielleicht zu triviale Sachen mache und frage mich, ob man sich das heutzutage noch erlauben kann. Aber das ist ja Quatsch. Erst mal muss man gar nichts. Das sehe ich in allen Belangen so. Auch wenn wieder jemand ankommt und sagt: Als Frau muss man heute… Nö. Die schönste Kritik, die ich zu meinem Film bekommen habe, war nach der Vorstellung auf dem Filmfest, wo eine Frau rausging, und sagte, sie hat jetzt so ein Gefühl, dass das Leben schön ist.

Dabei ist der Film ja sehr traurig.

Aber darum geht es mir: schreckliche Dinge so zu erzählen, dass jemand trotz allem eine Schönheit darin sehen und Trost darin finden kann.

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