„Booksmart“ ist die Coming-of-Age-Komödie des Jahres

Man kann offenbar auch einen Teenie-Film machen, ohne, dass alle darin ignorante Arschlöcher sind.
Von Magdalena Pulz

Molly und Amy haben den Groove raus.

Foto: Francois Duhamel / dpa

„Nicht ok! Wer hat dir erlaubt, so schön zu sein?” ruft Molly. „Wer hat DIR erlaubt, so schön zu sein?”, gröhlt Amy zurück. „Wer hat dir erlaubt, mir den Atem zu rauben?”, wieder Molly. So geht es hin und her. Die jungen Frauen stehen sich im Zimmer von Amy gegenüber, Molly, dunkelhaarig, klein, fest. Amy, rotblondes Haar, sommersprossig. Die Mädchen bewundern gegenseitig ihre Party-Outifits: Beide tragen einen blauen Jumpsuit, der nicht nur auf den ersten Blick an einen Baustellen-Blaumann erinnert, und dazu Baskenmützen. Dass es sich hier um einen ungeplanten Partnerlook handelt, stört sie wenig – stattdessen feiern die Freundinnen wie fabelhaft die jeweils andere Person ist und aussieht. Und so grooven Amy und Molly in den Abend hinein, auf ihre erste richtige Party, ins Abenteuer, selbstbewusst und gut drauf.

Amy und Molly sind in ihrem letzten Highschool-Jahr angekommen, sogar ihrem letzten Tag. Colleges, soziale Missionen in Afrika – die Pläne der beiden für die Zeit nach der Schule stehen. Mit dem letzten Schultag kommt aber blöderweise auch die Erkenntnis, dass die Freundinnen in ihrer Schulzeit etwas verpasst haben könnten, eben weil sie sich auf die Schule konzentrierten, um auf gute Colleges zu kommen. Das hat zwar soweit funktioniert, aber die Tatsache, dass ihre etwas wilderen MitschülerInnen es ebenfalls auf gute Colleges geschafft haben – und das obwohl sie Party gemacht haben –, wirft das Weltbild der determinierten Molly durcheinander. Wie, da ist mehr als nur ein Weg zum Erfolg? Ja Mist. Da gibt’s nur eins: „Was die anderen in vier Jahren gemacht haben, schaffen wir in einer Nacht!”

Highschool-Filme sind zu Recht in Verruf – „Booksmart“ macht aber vieles anders

‘Booksmart’ Trailer - Exclusive

Highschool-Komödien zählen neben Katastrophen-Filmen mit Haien und Adam-Sandler-Filmen generell zur Kategorie „Guilty-Pleasure“. Sicher, Klassiker wie „Mean Girls“, „10 Dinge, die ich an dir hasse“ oder „Fack ju Göhte“ sind lustig und fluffig. Aber man würde nicht gerade damit angeben, dass man die siebenteilige „American Pie“-DVD-Kollektion im Schrank stehen hat. Highschool-Filme sind zu Recht in Verruf, gerade weil sie die immer gleichen Rollenbilder reproduzieren: Jungs wollen nur Sex, die coolen Kids sind gemein, Mädchen sollen geschmeidige Jaguarkörper haben und wer gut in der Schule ist, hat im sozialen Gefüge des Teenager-Daseins eh nichts verloren. So richtig passen diese Bilder – und damit einige der absoluten Highschool-Komödien-Klassiker – aber nicht mehr ins Jahr 2019.  Und jetzt gibt es „Booksmart“.

Zwei Freundinnen, eine davon lesbisch, beide klug, lustig und nett, auf der Suche nach der angesagtesten Hausparty: Die Hauptdarstellerinnen allein würden schon reichen, um „Booksmart“ im Gegensatz zu älteren Vergleichsfilmen progressiv aussehen zu lassen. Aber auch der Plot (ohne zu viel zu verraten) nimmt andere Wendungen, als man das bisher gewohnt ist. Das erfrischt nicht nur, sondern tut vor allem den Gags gut. Denn auch, wenn man sich hervorragend über Stereotype lustig machen kann, ist es ab einem gewissen Punkt einfach nur noch dröge, immer die gleichen blonden Cheerleader-Witze zu hören. 

„Booksmart“ hat einen inklusiven Drive, der keinen Pathos braucht

Komik funktioniert über das Element der Überraschung – und zwar nicht im Sinne einer Enthüllung, sondern eher wenn eine Handlung oder ein Dialog plötzlich einen kleinen Knick macht, und ganz woanders endet, als man das erwartet hätte. Ein solcher Perspektivwechsel hilft, Stereotype, Klischees und das eigene Schubladendenken zu hinterfragen. Das schafft den inklusiven Drive, den eine moderne Highschool-Komödie auszeichnet – ohne auf Kitsch und Pathos zurückgreifen zu müssen. 

Molly etwa, gespielt von der grandiosen Beanie Feldstein, könnte durch ihre Figur wunderbar die Trägerin der typische Dickenwitze sein – wie man das etwa von US-Schauspielerin Rebel Wilson kennt. Stattdessen wird Mollys Dicksein einfach nicht thematisiert, nicht ein einziges Mal, nicht von ihr, nicht von ihrer Umgebung. Das eröffnet ihrer Film-Persönlichkeit die Möglichkeit, mehr Facetten zu haben als nur ihren Körper, andere Probleme zu haben und damit andere Gags zu liefern: Die oft besonders lustig sind, weil sie für uns aus ihrem Mund ungewohnt klingen.

Auch hinter den Kulissen ist „Booksmart“ von Frauen geprägt: Regisseurin Olivia Wilde, die man sonst als Schauspielerin kennt, hat ein größtenteils weibliches Team von Producerinnen und Drehbuch-Autorinnen um sich versammelt. Vielleicht ist diese Tatsache das Geheimnis der vielschichtigen Frauen-Charaktere im Film.

Aber es ist eben nicht nur ein Frauenfilm, sondern eher: auch. Im Mittelpunkt steht das Gefühl, jung und frei zu sein, einfach mal zu machen. Klar hauen die jungen Menschen auf der Leinwand sexuell explizite Jokes raus, saufen und sind auch sonst ganz schrecklich unverantwortlich – wie Teenager eben so sind. Aber ohne fies zu sein. Dazu ein gnadenlos treibender Soundtrack (Lizzo, Santigold, Discovery, Cautious Clay, und so weiter) und fertig ist der perfekte Coming-of-Age-Film. 

Es ist eine Weiterentwicklung, so wie unsere heutigen Mobiltelefone zu einem Klapphandy

In den Medien wird „Booksmart“ oft als das neue „Superbad“ abgestempelt. Die Grundhandlung – zwei Loser auf der Suche nach einer Party – ist auf den ersten Blick ähnlich. „Superbad“ lief im Jahr 2007: irre lustig, mit Jonah Hill und Michael Cera in den Hauptrollen. Ein Klassiker des Highschool-Genres, mit mehr Penis- und Sexwitzen als möglich zu sein scheint.

Trotzdem ist „Booksmart“ mehr als einfach nur ein zweites „Superbad“, mehr als ein Abklatsch. Es ist eine Weiterentwicklung, so wie unsere heutigen Mobiltelefone im Vergleich zu einem Klapphandy. Sie sind unterhaltsamer und sie können mehr.

Ob „Booksmart“  jetzt besser als „Superbad“ ist, bleibt natürlich Ansichtssache. Fakt ist, dass es auf jeden Fall diverser und inklusiver ist – und mindestens gleich lustig. Das ist, was ein Film für und über junge Menschen in 2019 liefern muss. Und eine klare Verwandtschaft gibt es zwischen den beiden Filmen: Hauptdarstellerin Beanie Feldstein, die Molly verkörpert, ist tatsächlich die zehn Jahre jüngere Schwester von Jonah Hill. Aber das macht Feldsteins  Schauspielleistung – das macht „Booksmart“ – weder besser noch schlechter. Es ist einfach nur ein Fun Fact.

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