Wieso das Ende von „Keeping up with the Kardashians“ überfällig ist

Transgender, Co-Parenting, Leihmutterschaft, der Umgang mit psychischer Gesundheit: Was einst Reality-TV war, ist längst Realität geworden.
Von Jasper Steinlein
kardashians cover

Foto: Angela Weiss / AFP

Kim Kardashian ist aufgeregt, weil sie in einer Talkshow über ihr Sexvideo reden soll. Ihre Mutter Kris feiert eine Hochzeitsjubiläums-Party mit Caitlyn Jenner (damals noch bekannt als Bruce), zu der sie betrunken ankommt. Ihre ältere Schwester Kourtney führt mit ihren Schwestern eine Boutique und mit ihrem Freund Scott eine wechselhafte Beziehung. Kims Halbschwestern Kendall und Kylie sind zwölf und zehn Jahre alt, probieren Cocktails, Poledance und anderen Schabernack aus. Bruder Rob ist auch da und die ältere Schwester Khloe macht zu allem rüde Kommentare. Ganz schön viel Trash und Drama? Das war gerade einmal die erste Folge „Keeping Up With The Kardashians“, und sie dauert knapp 21 Minuten.

Keeping Up With The Kardashians Season 1

Inzwischen gibt es 261 Folgen, mehrere Spinoff-Serien – und bis die Serie nach 14 Jahren eingestellt wird, wie Kim jetzt bekanntgab, verbleiben noch zwei volle Staffeln. Dass das Ende naht, ist aber völlig in Ordnung: Was als Reality-TV mit dem Sujet „Wenn die Flodders Superreiche wären“ begann, ist längst zu einer eigenen Realität geworden.

Die Kardashians sind alles, was wir in ihnen sehen wollen: kontrovers und zugleich inhaltslos, glamourös und asozial, Menschen und Roboter-Barbies, neo-christliche Großfamilie und queere Idole, unerreichbar und präsent auf allen Kanälen. Unsere überstimulierten eyeballs können sich herrlich an ihnen abarbeiten. Allein schon an Kim, die so gar nicht zum feministischen Idol taugt, aber doch alles richtig macht, um eines zu sein: eine Frau, die aus dem Hass anderer auf ihren Körper und ihre nonchalante Art ein Konsumgüter-Business erschaffen hat – und sich dann mit fast 40 und vier Kindern noch zur Anwältin ausbilden lässt und für eine Reform des US-Gefängnissystems einsetzt.

Über die Wechselwirkung von Social Media und den Kardashian-Jenners gibt es sozialwissenschaftliche Essays

Klar, sie und ihre Familie haben bei der gemeinsamen Apotheose ein paar Abkürzungen genommen, für die sie zu Recht zur Rechenschaft gezogen werden: Ruf und Vermögen des verstorbenen Anwalts Robert Kardashian etwa. Das Schweigen, als Rob Nacktbilder seiner Exfreundin postete, um sie zu demütigen und sich damit strafbar machte. Das ständige Blackfishing und Anbiedern an die Schwarze Community, mit dem Teile der Familie den Ruhm für Dinge einstrich, für die Schwarze Frauen oft verurteilt wurden. Und Kris Jenner als „Momagerin“, die beim Ausschlachten von Allzumenschlichem aus dem Leben ihrer Kinder oft eher nach Mafiaboss aussieht, sät Zweifel, ob unter sonst gleichen Voraussetzungen das Leben im Matriarchat nun wirklich ein besseres wäre. Männer sind im Kardashian-Clan jedenfalls nur Beiwerk, die Frauen sind ebenso selbstbestimmt wie gefangen in einem Verwirrspiel aus Supersexy-Hochglanz-Selbstobjektifizierung. Zwei von ihnen sind inzwischen Milliardärinnen – oder war auch das nur ein PR-Trick? Zum Geldverdienen brauchen sie die Sendung, die Werbemittel und Produkt in einem war, ohnehin nicht mehr.

Auch um „dranzubleiben“ an den Kardashians, was laut Titel ja einst das Ziel war, hat eine Fernsehserie mittlerweile ausgedient: Auf Instagram, Snapchat und TikTok, die bei der Premiere 2007 noch gar nicht existierten, erzählt jedes Familienmitglied seine eigene Show endlos weiter – und hält so den Familienbetrieb in der Aufmerksamkeitsökonomie am Leben. Über die Wechselwirkung von Social Media und den Kardashian-Jenners gibt es sozialwissenschaftliche Essays; ihren Einfluss auf Mode, Lifestyle und Schönheitsideale beweist ein kurzer Gang durch die Fußgängerzone.

Und sogar der Wunsch nach dem „Mithalten“ mit reichen, superprivilegierten Promis dürfte 2021, wenn die Serie dann wirklich ausgelaufen ist, endgültig überholt sein: Denn die gleichen Millenni­­als, die als Teenager*innen die Serie guckten, um in eine glamouröse Traumwelt zu fliehen, erleben als Erwachsene in der Corona-Pandemie schon die dritte Wirtschaftskrise ihrer Lebenszeit. Im Angesicht von Klimakrise, Plastikvermüllung und Rezession, fühlt sich das ständige Flexen mit Kylies Handtaschen-Zimmer, Kims Pferderanch in Wyoming oder Khloes ausgedehnten Fernreisen zunehmend toxic an – nicht nur für Kourtney, die ihren (vielleicht doch nicht endgültigen) Ausstieg aus der Serie zu einem separaten Medienspektakel machte.

Was heute Mainstream ist, kam in der Serie vor

Als wollten sie ein letztes Mal einen Trend kapern, canceln sich die Kardashians nun also konsequenterweise selbst. Ob es in einigen Jahren ein Remake mit den – Stand September 2020 – zehn Kindern gibt oder nicht, wie es einige Fans vermuten, spielt für den Kultstatus der Familie mit den vielen Ks keine Rolle. Sie wird in der Mediengeschichte nachwirken, denn was heute zur Alltagskultur gehört, kam davor meist in der Serie vor: eine Transfrau auf dem Cover Vanity Fair, Co-Parenting und Leihmutterschaft als Familienmodelle, der offene, wenn auch nicht unproblematische Umgang mit psychischer Gesundheit.

Aber was ist schon normal, wenn die inzwischen 23-jährige Kylie sagt, sie könne sich nicht an eine Zeit erinnern, in der sie nicht von Kameras umgeben war. Was für sie Alltag ist, ist für uns Zuschauer*innen surreal – und so ist das ganze hyperrealistisch vorgespielte Leben der Kardashians: Kanye Wests öffentlich als „Präsidentschaftskandidatur“ ausgelebte bipolare Episode. Kims Termin im Oval Office. Der Moment, als beide ihr Anwesen durch die Dienste eines privaten Feuerlöschtrupps vor den Waldbränden in Kalifornien schützen ließen.

Was in der letzten Folge 2021 noch passieren soll? Schwer zu sagen. Das, was wir Realität nennen, ist längst viel grotesker als das Serienscript. Die Sendung habe ich übrigens nie gesehen.

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