Warum eine Staffel „Tote Mädchen lügen nicht“ gereicht hätte

Nach vier Staffeln kommt die umstrittene Netflix-Serie zu ihrem überfälligen Ende. Doch sie hat nichts mehr zu erzählen.
Von Hannah Berger

Foto: Netflix

„It never fucking ends!“ Eine tiefe Wahrheit liegt in diesen Worten, die in den ersten Minuten der finalen Staffel „Tote Mädchen lügen nicht“ fallen: Denn es sah so aus, als würde die anfangs vielversprechende Netflix-Produktion niemals ein Ende finden. Und das, obwohl Hannah Baker, eine der tragenden Figuren, bereits seit der ersten Staffel tot ist. Sie hat sich das Leben genommen – und ihren Mitschüler*innen sieben Audiokassetten hinterlassen, auf denen sie die Gründe für ihren Suizid darlegt. Diese erste Staffel war eine zielstrebig erzählte und mitreißende Geschichte, die gezeigt hat, wie schmerzhaft es sein kann, als Jugendliche*r eine eigene Identität zu bilden. Sie hat veranschaulicht, wie grausam das Highschool-Leben für Heranwachsende sein kann und für wichtige Themen wie Suizid, Mobbing und sexualisierte Gewalt sensibilisiert. 

Man hätte die Produktion nach der ersten Staffel einstellen sollen

Auch wenn die erste Staffel „Tote Mädchen lügen nicht“ unter anderem für die sehr expliziten Darstellungen zu Recht kritisiert wurde, konnte man den Showrunner*innen ihre guten Absichten hier noch abkaufen: Man wolle aufklären, Tabus brechen, zur Diskussion anregen. Mission erfüllt. Diskutiert wurde die Serie nach der ersten Staffel zur Genüge. Fatalerweise entschied sich Netflix jedoch, die Produktion fortzuführen. Zwar muss der Tod eines Hauptcharakters nicht zwangsläufig das Ende einer Serie bedeuten. „Game of Thrones“ liefert den eindrucksvollen Beweis. Nur leider kann sich „Tote Mädchen lügen nicht“ in dieser Hinsicht nicht mit dem HBO-Giganten messen. Hier hätte man gut daran getan, sich an die Buchvorlage von Jay Asher zu halten und die Produktion nach einer Staffel einzustellen.

Mit viel gutem Willen lässt sich die zweite Staffel noch als Epilog rechtfertigen: Hannahs subjektive Erzählinstanz wird ergänzt durch die Perspektiven ihrer Mitschüler*innen. Schade nur, dass damit nachträglich klaffende Logiklöcher in die eigentlich so runde erste Staffel gerissen werden. Und damit nicht genug: Indem die Serie die Frage aufwirft, ob tote Mädchen nicht vielleicht doch lügen, wird Hannahs Glaubhaftigkeit nachhaltig in Zweifel gezogen. Während sich die Showrunner*innen in den begleitenden Dokumentationen immer wieder gegen Victim Blaming aussprechen, untergraben sie mit solchen Spekulationen ihre eigene Position.

Die dritte Staffel versucht sich mit eher mäßigem Erfolg am Kriminalgenre und verliert sich in allzu konstruierten Handlungssträngen. Und auch hier bleibt am Ende ein bitterer Nachgeschmack: Vergewaltiger haben auch Gefühle. Und: Wer weiß und männlich ist und einen Polizisten zum Vater hat, der kommt sogar mit einem Mord davon. Schwierig ...

Die vierte Staffel lässt die schlimmsten Befürchtungen wahr werden

Nachdem die Serie also bereits in den Staffeln 2 und 3 allmählich dahinsiechte, richtet sie sich im letzten Akt nun endgültig selbst zugrunde. Das ist nur schwer zu ertragen und übertrifft die schlimmsten Befürchtungen. 

Mittlerweile scheint man sich nämlich nicht mal mehr die Mühe zu machen, die immer fragwürdiger werdenden Botschaften pädagogisch wertvoll zu verpacken. Die Triggerwarnungen am Anfang jeder Folge werden inzwischen offenbar als Rechtfertigung für grenzenlose Narrenfreiheit verstanden: Identifikationsfiguren dreschen munter mit dem Baseballschläger auf Schuleigentum und Polizeibeamte ein, plaudern in College-Bewerbungen über die Schönheit von Waffen, flüchten aus der Psychiatrie und stecken Autos in Brand. Und das alles, ohne mit ernsthaften Konsequenzen rechnen zu müssen. Reflektiert wird dieses Verhalten kaum. Stattdessen muss die psychische Labilität der Protagonist*innen als Ausrede für jedwede Verantwortungslosigkeit herhalten, die die Drehbuchschreiber*innen verbrochen haben. Und wer ist schuld an dem ganzen Schlamassel? Richtig, die Highschool. Also: Baseballschläger raus und nieder mit der bösen Schule. Der Abschlussball soll aber bitte trotzdem stattfinden. 

Sensible Themen werden für den dramatischen Effekt verheizt

Die Krönung des Ganzen ist eine Amokübung inklusive fingiertem Schusswechsel. Eine ganze Folge lang müssen die Schüler*innen der Liberty High ‚nur so zum Spaß‘ mit Todesangst in verbarrikadierten Klassenzimmern ausharren. Eine richtige Funktion innerhalb der Handlung hat dieser Zwischenfall nicht. Es ist nur der geschmacklose Versuch, künstlich Spannung zu erzeugen.

Von derart abstrusen Plot Twists gibt es leider eine Menge in der vierten Staffel von „Tote Mädchen lügen nicht“. Mühsam aufgebauschte Cliffhanger und Konflikte verlaufen auf ebenso unspektakuläre wie unlogische Weise im Sande. Dazu springt die Serie ungelenk von Teen-Horror- zu Science-Fiction-Elementen. Beides wirkt unglaublich fehl am Platz. Und wenn einem dann so gar nichts mehr einfallen will, kann man ja immer noch verstorbene Figuren als Geister auferstehen lassen. Damit zum Schluss nochmal ordentlich auf die Tränendrüse gedrückt werden kann, lässt man eine der wenigen interessanten Figuren in der letzten Folge völlig unerwartet an Aids sterben. Kritiker*innen werfen der Serie hier eine schädliche und unrealistische Darstellung der Krankheit vor: HIV beziehungsweise Aids sei im 21. Jahrhundert kein sicheres Todesurteil mehr. Einmal mehr offenbart sich die Tendenz der Show, möglichst viele sensible Themen anzuschneiden, um sie dann für den dramatische Effekt zu verheizen. 

Wiederholt verpasst man die Gelegenheit, angemessen über psychische Erkrankungen aufzuklären

Das zeigt sich leider auch immer wieder im Umgang mit psychischen Krankheiten. Bereits in der ersten Staffel wurde nicht ausreichend reflektiert, dass eine Depression eine behandelbare psychische Erkrankung ist. Während der folgenden Staffeln wird immer wieder die Gelegenheit verpasst, über professionelle Hilfe und Therapiemöglichkeiten aufzuklären. Stattdessen machen die jugendlichen Protagonist*innen alles unter sich aus, getreu dem Motto „I get by with a little help from my friends“. Eine reichlich naive und gefährliche Botschaft für eine Serie, die sich selbst so wichtig nimmt. Die vierte Staffel macht zunächst Hoffnung: Clay begibt sich in Behandlung bei einem Psychologen. Nur leider wird auch diese Chance in den Sand gesetzt.

Das gescheiterte Serienfinale ist nicht nur peinlich, sondern auch problematisch

„Tote Mädchen lügen nicht“ ist ein besonders trauriges Beispiel für eine unnötig aufgeblasene Hype-Serie. Über vier Staffeln wird krampfhaft eine Geschichte in die Länge gezogen, die bereits nach einer Staffel auserzählt war. Die Showrunner*innen enttäuschen jegliches Vertrauen, das ihnen anfangs entgegengebracht wurde: Sie werden der Verantwortung nicht gerecht, die so sensible und komplexe Themen erfordern. Das macht das  gescheiterte Serienfinale nicht nur peinlich, sondern auch problematisch: Die Fortsetzung von „Tote Mädchen lügen nicht“ ist nicht einfach nur schlechtes Fernsehen. Unter dem Deckmantel aufklärerischer Motive wird ein erfolgreiches Format kommerziell ausgeschlachtet – und die Wirkung, die die fragwürdigen Botschaften der Serie auf junge Zuschauer*innen haben können, wird dabei billigend in Kauf genommen.

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