Warum „Never Have I Ever“ eine wegweisende Teenage-Rom-Com ist

Auch wenn sie nicht ganz ohne Klischees auskommt: Diese Serie hätte ich mir als Jugendliche gewünscht.
Von Nhi Le
never have i ever

Foto: Netflix

Als ich ein Teenager war, gab es kaum Popkultur, die mich in meiner Lebensrealität abgeholt hat. Die „Bravo Girl!“ hat mir gezeigt, wie ich Jungs, aber nicht mir selbst gefallen konnte. Die einzige Viet-Deutsche, die öffentlich in Erscheinung trat, war Mitglied der Castingband Preluders, der nur eine kurze Karriere vergönnt war. Ich flüchtete in die MTV-Welt bestehend aus Serien und Musikvideos, weil man wenigstens dort diverse Gesichter sah (und es auch einfach mega viel Spaß gemacht hat). Der Film „The Virign Suicides“ wurde mein Favorit, weil ich zumindest die Kleinstadtmelancholie, in der die Protagonistinnen gefangen waren, nachvollziehen konnte.

Mit „Never Have I Ever“ läuft auf Netflix eine Serie, die mir als Teenagerin gefallen hätte. In den zehn Episoden rund um Protagonistin Devi Vishwakumr werden Freundschaft, Crushes, Familienprobleme, post-migrantische Identität, Trauer und vieles mehr behandelt. Kreiert wurde die Serie von Mindy Kaling und Lang Fisher. Ich verfolge Kalings Karriere als Comedian und Autorin schon lange. Mal schrieb sie Lustiges, mal so Schlechtes, dass ich am liebsten geheult hätte. Bei Kalings neuestem Werk habe ich tatsächlich eine Menge Tränen vergossen. Nicht allerdings, weil es so mies war, sondern weil die von Kaling und Lang Fisher kreierte Serie „Never Have I Ever“ mich durch jegliche Emotionen geschickt hat. Ich habe geweint, weil ich mitgefühlt habe, geweint, weil ich traurig war, geweint, weil ich es so schön fand und geweint, weil ich Lebensrealitäten sah, die sonst nie abgebildet werden. 

In Rom-Coms haben Schwarze Frauen oft nur den Zweck, die kecke beste Freundin zu sein

„Never Have I Ever“ ist die erste Coming-Of-Age Serie mit einer südasiatischen Protagonistin. Es geht um die 15-jährige Devi Vishwakumar, die ein schreckliches erstes Jahr an der High School hatte. Nachdem ihr Vater plötzlich verstorben war, war sie für drei Monate gelähmt und saß im Rollstuhl. Ihr zweites Jahr soll daher besser werden. Auch wenn Liebe und Sex eine große Rolle spielen, ist es eben nicht das einzige, was diese High-School-Komödie ausmacht. Im Gegensatz zu anderen Filmen und Serien werden Teenagerinnen in ihrer vielschichtigen Lebensrealität abgebildet. Die Show präsentiert neben Devi weitere multidimensionale Frauen of Color und ihre Gefühlswelten. So etwa Devis Mutter, Cousine oder ihre zwei besten Freundinnen.

Es ist erfrischend, dass die Schwarze Freundin Fabiola nicht das TV-Stereotyp der „Sassy Black Woman“ bedient. In Rom-Coms haben Schwarze Frauen oft nur den Zweck, die kecke beste Freundin zu sein. Sie bieten der meist weißen Hauptrolle freche Ratschläge, haben aber sonst keine weiteren Eigenschaften. „Never Have I Ever“ erzählt stattdessen die Geschichte von Fabiolas Coming-out, die weder den Hauptplot überschattet noch reingequetscht wirkt. Auch der Handlungsstrang um Freundin Eleanor, die Korean-American ist, bleibt klischeefrei und dreht sich stattdessen um ein kompliziertes Mutter-Verhältnis, das die ein oder andere Tochter sehr abholen könnte.

Als Teenagerin wollte ich als Deutsche vietnamesischer Herkunft einfach lieber in die weiße Mehrheitsgesellschaft passen

Mir gefällt es, dass das Thema Identität eine Rolle spielt, aber nicht die ganze Serie dominiert. Es ist klar, dass Netflix wohl auch aus Marketinggründen versucht, immer weiter diverse Zielgruppen anzusprechen und deshalb auch verschiedene Lebenswelten auf den Bildschirm bringt. „Never Have I Ever“ ist aber keine Show übers Indisch-Amerikanisch sein. Stattdessen wird Devis Migrationshintergrund clever in die Narration eingewoben, was eben den Entwicklerinnen Kaling und Lang zu verdanken ist. Tatsächlich dreht sich nur eine Folge ganz um das Thema Identität, doch die hat es in sich. In Episode 4, „Never Have I Ever … Felt super Indian“, besucht Devi mit ihrer Familie eine Zeremonie, um das Hindu-Fest Ganesh Puja zu feiern, das zu Ehren des Gottes Ganesha ausgerichtet wird. Ihre Mutter erwartet ein geordnetes Verhalten, während Devi sich deplatziert fühlt.

Auf der Feier trifft sie einen Kindheitsfreund, mit dem sie über die Bräuche ablästern will, doch dieser gibt ihr zu verstehen, dass er mittlerweile einen gesunden Umgang mit seinen Wurzeln gefunden hat. Auch wenn ich keinen indischen Hintergrund habe, habe ich diese Szene so sehr gefühlt. Als Teenagerin wollte ich als Deutsche vietnamesischer Herkunft einfach lieber in die weiße Mehrheitsgesellschaft passen und war überfordert von familiären sowie gesellschaftlichen Ansprüchen. In einer folgenden Szene bringt es Devi auf den Punkt: „Ein alter Loser sagte, ich sei zu indisch. Andere denken, ich sei nicht indisch genug. Eigentlich will ich nur Donuts esse, aber ich sitze hier fest.“ Ich konnte den Moment gut nachvollziehen.

Trotz des diversen Casts und smarten Drehbuchs gibt es auch einige diskriminierende Szenen

Leider gelingt es der Serie nicht durchgehend, Stereotype zu brechen. Ben, der anfängliche Erzfeind und später potenzielle Boyfriend, stammt aus einer reichen jüdischen Familie. Der Vater ist Promi-Anwalt, die Mutter nur mit sich selbst beschäftigt und Ben somit meist einsam in der luxuriösen Villa. Während die anderen Figuren vielschichtig sind, scheint Ben vorrangig durch sein stereotypes Jüdischsein definiert. Es bleibt zu hoffen, dass der Charakter in einer möglichen zweiten Staffel mehr Tiefe bekommt. Trotz des diversen Casts und smarten Drehbuchs gibt es auch einige diskriminierende Szenen, die nichts zur Handlung beitragen. Ein ungepflegter Mitschüler wird immer wieder als dicker Weirdo gezeigt. In einer Serie, die ihre Charaktere so nuanciert darstellt, fühlt sich diese Figur besonders unnötig und deplatziert an.

Trotzdem ist die Show großartig und in ihrer Machart wegweisend. Mir ist es oftmals lieber, wenn Popprodukte unterhaltsam und clever sind, statt unbedingt politisch sein zu wollen. Dennoch finde ich es wichtig, dass wir diverse Geschichten sehen, die am besten von diversen Drehbuchschreiber*innen stammen. Weder hätte ich mir eine weitere Serie über einen average white college boy angeschaut, noch eine Serie, die krampfhaft woke sein will und dadurch einfach peinlich wird. Ich hoffe, dass nach „Never Have I Ever“ noch viele weitere Serien und Filme folgen, die die Lebensrealitäten von Teenagerinnen und vor allem Teenagerinnen of Color derart vielschichtig, tiefgründig und spaßig abbilden. Ich hätte mir so etwas als Jugendliche sehr gewünscht.

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