„Es ist gerade keine schlechte Zeit für Frauen beim Film“

Sophie Kluges erster Spielfilm dreht sich um das Erwachsenwerden und die große Orientierungslosigkeit in den Zwanzigern.
Interview von Annika Säuberlich

Foto: privat Bearbeitung: jetzt

Die Münchner Regisseurin Sophie Kluge hat ein beachtliches Spielfilmdebüt hingelegt. Nach ihrem Master in Regie hat die Tochter von Alexander Kluge bereits mehrere Kurzfilme gedreht, jetzt läuft mit „Golden Twenties“ ihr erster Film im Kino. Die Mittzwanzigerin Ava (Henriette Confurius) findet darin nach dem Studium keinen Job und zieht wieder bei ihrer egozentrischen Mutter ein. Sie sucht ihren Platz im Leben und beginnt eine Hospitanz beim Theater, bei der sie sich so einiges gefallen lassen muss. Im Interview spricht die 36-jährige Sophie über ihre Zwanziger und die Skurrilität der Theater- und Filmwelt.

jetzt: Sophie, waren deine Twenties golden?

Sophie Kluge: (lacht) Naja, durchwachsen. In der Zeit ist alles noch offen und man hat so viele Möglichkeiten, was ja toll ist. Aber in diesem riesigen Becken schwimmt man irgendwie vor sich hin und man merkt auch zum ersten Mal richtig, dass die Dinge nicht so laufen, wie man es sich vorgestellt hat. Diesen Zustand der Orientierungslosigkeit wollte ich auch im Film erzählen.

„Ich habe früher jede Entscheidung auf die Goldwaage gelegt“

Deiner Protagonistin Ava geht es da genauso wie dir damals. Muss man gerade das in seinen 20ern lernen, dass alles anders kommt, als geplant?

Ich glaube, das muss man sein ganzes Leben lang lernen. In den Zwanzigern erlebt man es aber besonders intensiv, weil man sich so stark mit sich selbst auseinandersetzt.

Nach deinem Film hat man das Gefühl, dass es völlig in Ordnung ist, wenn im eigenen Leben mal was nicht klappt.

Genau das wollte ich zeigen: Man muss nicht so streng mit sich selber sein. Ich habe früher jede Entscheidung auf die Goldwaage gelegt und mir aus der Angst, Fehler zu machen, Sachen verbaut. Aber eigentlich ist es total okay Fehler zu machen. Und es ist auch okay, wenn man seinen Platz noch nicht gefunden hat.

Das klingt, als wäre dein Film autobiografisch.

Nein, das ist er nicht, aber es gibt natürlich Schnittstellen. Und dieses gewisse Grundgefühl, das ich beschrieben habe, steckt auch in Ava. Aber als Menschen sind wir sehr unterschiedlich. Ava hat eine andere Energie als ich, sie ruht sehr in sich. Ich glaube, ich war in ihrem Alter nervöser – dafür wusste ich eher, wo ich hinwill.

Dabei hätte Ava ja allen Grund für emotionale Ausbrüche: Ihr Vater kümmert sich kaum um sie, ihre Mutter führt ein Partyleben inklusive jungem Lover und beruflich kommt sie auch nicht weiter. Warum hast du ihre Rolle so gefasst geschrieben?

Ich wollte eine starke Frau zeigen, die nicht hysterisch und laut ist. Für mich entsteht Stärke aus einer Innerlichkeit heraus. Sie müssen nicht immer laut oder überzeichnet sein.

„Ich wollte einen Kontrast schaffen“

Lulu ist Avas beste Freundin, hat aber eine ganz andere Mentalität: Erst datet sie wild durch die Gegend, dann will sie plötzlich heiraten. Warum stellst du diese gegensätzlichen Frauen nebeneinander?

Einerseits wollte ich zeigen, dass alte Freunde auch noch miteinander verbunden sein können, wenn sie sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Andererseits ist Lulu ein Gegenentwurf zu Ava, sie stürzt sich einfach in alles hinein. Ava ist viel vorsichtiger, aber eben auch gehemmter. Ich wollte einen Kontrast schaffen.

Eigentlich ist Ava die Erwachsene in diesem Chaos.

Das habe ich schon oft gehört. Für mich hat Ava auch eine alte Seele, deswegen wollte ich sie mit Henriette Confurius besetzen, sie strahlt etwas Altmodisches aus. Aber obwohl Ava im Vergleich zu den anderen Figuren sehr bei sich ist, fehlt ihr noch das Selbstbewusstsein, nicht alles mit sich machen zu lassen.

Ava macht eine Hospitanz beim Theater, so wie du vor ein paar Jahren. Waren die Menschen dort wirklich so eigenwillig und blasiert wie in deinem Film?

Ich habe erst eine Hospitanz in London gemacht und war dann eine als Regieassistentin in Berlin. Die einzelnen Situationen sind nicht genauso bei mir passiert, aber ich habe auch nicht übertrieben. Die Typen von Menschen, die Umgangsform, der Ton – das alles ist wirklich oft sehr ähnlich, wie ich es im Film zeige. Das gilt natürlich nicht für alle Produktionen (lacht). Aber als Hospitantin hat man eben nicht so richtig seinen Platz und wird dann oft auch nicht wahrgenommen.

Was sagst du jungen Menschen, die den gleichen Berufsweg einschlagen wollen wie du?

Ich glaube, man steht es wirklich am besten durch, wenn man sich von diesem ganzen Quatsch nicht irritieren lässt. Und man muss es ernst meinen. Dann heißt es Zähne zusammenbeißen und nur so schafft man es.

 

„Es ist gerade keine schlechte Zeit für Frauen beim Film“

War es schwer, dich als junge und weibliche Regisseurin in der Branche zu behaupten?

Es war schon ein langer Weg für mich. Ob das damit zu tun hat, dass ich eine Frau bin, weiß ich nicht. Es ist gerade keine schlechte Zeit für Frauen beim Film, man wird inzwischen ernster genommen als noch vor einigen Jahren. Aber es bleibt ein Kampf.

Dein Vater Alexander Kluge ist ein sehr bekannter Filmemacher. Wirst du oft mit ihm verglichen?

Verglichen nicht wirklich, dafür ist unsere Arbeit zu unterschiedlich. Ich werde aber oft auf ihn angesprochen.

Nervt dich das?

(lacht) Naja, nein. Es ist eigentlich ok, ich kann nachvollziehen, dass das interessant ist und deswegen beantworte ich diese Fragen auch gerne, aber – naja.

In verschiedenen Kurzbiografien erwähnst du ihn aber nicht…

Weil ich finde, dass das nichts mit meinem Film zu tun hat. Und außerdem: Das ist mein Papa und wer würde denn in seinem Pressetext über seinen Papa schreiben?

Hat er in seiner Rolle als Regisseur versucht, dir in deine Projekte reinzureden?

Er versucht schon sehr, mich zu beeinflussen. Inzwischen aber zum Glück nicht mehr so wie früher, da wollte er mir sozusagen noch auf die Sprünge helfen. Aber „Golden Twenties“ wollte ich alleine machen und habe ich alleine gemacht. Man muss seine eigene Sprache finden, zu viele Ratschläge bringen einen vom Pfad ab.

Du bist jetzt 36 Jahre alt – ist inzwischen etwas mehr Orientierung in deinem Leben als noch vor zehn Jahren?

(lacht) Vieles ist für mich konkreter geworden. Aber man merkt mit der Zeit auch, dass man nicht immer wieder von vorne anfangen kann. Ich habe jetzt etwas gefunden, das ich machen möchte und ich traue mich auch, es zu machen. Man verliert sich immer wieder mal ein bisschen, aber ich bin inzwischen näher an der Orientierung dran als in meinen Twenties!

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