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Wieso trinken wir immer noch aus Plastikflaschen?

Es gibt doch so viele gute Ideen für Alternativen. Oder etwa nicht?
Von Annalena Sippl
  • wasserflaschen cover
    Illustration: Daniela Rudolf

War ja eigentlich ganz schön in Alicante – feiner Sand, klares Wasser, Traumstrand. Was für eine interessante Muschel, denke ich, und ziehe ein gelbes Objekt unter einer Alge hervor. Ah ja, ein alter Flaschendeckel. Wenige Meter weiter gleicht der Strand einem Pfandlager: Plastikflaschen und Kanister reihen sich nicht nur an dieser Küste zwischen Muscheln, Schneckenhäusern und Sanddünen ein, als hätte sie schon immer dazu gehört. Zwischen all den Urlaubsgedanken drängt sich darum eine Frage immer wieder in den Vordergrund: Warum gibt es noch keine umweltfreundliche Alternative zur Plastikflasche?

Glaubt man den Trends in den sozialen Netzwerken, gibt es eigentlich viele Ideen für die Mission plastikfreies Trinken. Im Frühjahr 2017 ging ein Video der Wasserblase „Ooho“ viral: Inspiriert von der Molekularküche wird die Wasserration hier in einer dünnen, durchsichtigen Hülle auf Algenbasis „verpackt“. Laut Hersteller ist dies billiger als Plastik und komplett biologisch abbaubar, die Hülle ist aber auch essbar. Ähnlich begeistert waren viele von der Flasche „Agari“ des isländischen Designstudenten Ari Jonsson. Sie ist aus Rotalgen hergestellt und behält ihre Form, so lange sie mit Wasser befüllt ist. Ohne flüssigen Inhalt beginnt sie sofort mit der Selbstzersetzung. Übrig bleibt nichts. Kein Müll, keine Plastikhülle, die an den Stränden dieser Welt angespült werden könnte. Doch nach einem medialen Begeisterungssturm wurde es wieder ruhig um die wabbeligen Kugeln und die Algen-Flasche. 

Skipping Rocks Lab, die Londoner Firma, die die Wasserblasen entwickelt hat, erklärt: „Ohho ist im Moment noch in der Prototyp-Phase und nicht für den Verkauf freigegeben.“ Die Wasserbälle würden allerdings bei privaten Events oder Sportveranstaltungen angeboten und getestet. 2018 soll Ooho in den kommerziellen Verkauf gehen, so die Firma Skipping Rocks Lab. Die Algen-Flasche von Ari Jonsson steckt ebenso noch in der Anfangsphase, so heißt es auf seiner Website.

Markus Prem, Professor für das Fachgebiet Verpackungstechnologie an der Hochschule Kempten, sieht bei beiden Ideen noch etliche ungeklärte Fragen. „Diese Produkte haben dadurch, dass sie sich zersetzen sollen, das Problem, dass sie sich zersetzen.“ Prem zweifelt daran, dass die Algen-Hülle der „Ooho-Blase“ eine sichere, dichte Verpackung ist, die chemische oder biologische Einflüsse vom Wasser fern hält. Dafür wäre eine weitere Verpackung nötig. Ein Problem, das auch die Facebook-User beschäftigt. „Irgendwie unhygienisch“, kommentiert eine Userin das Video und fragt, ob die Kugeln selbst wiederum in Plastik eingepackt werden sollen. Von Ooho gibt es dazu keine Reaktion. Prem sieht in der Kugel eher ein Lifestyle-Produkt, das in Diskotheken und Bars Absatz finden könnte, als eine revolutionäre Innovation in Sachen Umweltschutz.

„Die herkömmlichen Kunststoffe haben einfach den Riesenvorteil, dass sie bestens untersucht sind“ 

Die Flasche „Agari“, hält der Experte zwar für die bessere Alternative, doch auch hier sieht er Schwachstellen. „Bei einem Mineralwasser würden die Gase sicherlich leicht durch das Algenmaterial hindurch gehen, Wasserflaschen haben sonst eine gewisse Barriere gegen solche Gase.“ Außerdem zweifelt Prem die Stabilität der kompostierbaren Flasche hinsichtlich des Transports an.

Der Verpackungstechnologie-Professor weiß, wie schwer der Sprung in die kommerzielle Produktion für solche Innovationen tatsächlich ist. „Der Markt hat seine eigenen Gesetzmäßigkeiten.“ Neue Verpackungen müssten unter verschiedensten Bedingungen untersucht werden – UV-Bestrahlung, unterschiedlichste Temperaturen und Luftfeuchtigkeiten. Die Haltbarkeit und definierte Transportwege seien weitere wichtige Faktoren. „Diese ganzen Fragen müssen geklärt werden und das kostet Zeit und natürlich auch Geld.“ Laut Prem ist diese Prozedur aber unabdingbar, denn Sicherheit spiele in der Lebensmittel- und Verpackungsindustrie die zentrale Rolle. „Die herkömmlichen Kunststoffe haben einfach den Riesenvorteil, dass sie bestens untersucht sind.“ 

Grundsätzlich sei Plastik aber nicht unbedingt umweltschädlicher als zum Beispiel Glas. „Ob etwas ökologisch ist oder nicht, hängt unter anderem von den dafür verbrauchten Ressourcen und den Transportwegen ab: Die Einweg-Plastikflasche kann ökologischer sein als eine Glas-Mehrwegflasche eines französischen Herstellers, die immer dorthin gefahren werden muss,  um neu befüllt zu werden.“ Kunststoff sei zudem leicht, einfach zu produzieren und da PET-Flaschen aus einem Monomaterial bestehen, sei das Recycling unproblematisch und effektiv. „Ich weiß, dass das viele nicht hören wolle, aber das System in Deutschland funktioniert einwandfrei,“ sagt Prem.

Klingt, als hätten wir in Deutschland gar kein Plastik-Problem. Wenn es nach dem Experten geht, dann stimmt das sogar. Vor allem auf der Südhalbkugel und in den sogenannten Entwicklungsländern stelle der Umgang mit den Kunststoffflaschen allerdings wirklich ein großes Problem dar. Prem hat die riesigen Müllkippen in Ländern wie Indonesien selbst gesehen, auf denen Kinder nach etwas Nützlichem suchen. Wie man die Plastik-Schwemme dort eindämmen könnte, weiß er allerdings auch nicht genau.

Wer keinen Zugang zu fließendem Wasser hat, kauft es sich in einer Flasche

Aufklärungsarbeit, ein Pfandsystem und Schritte gegen die illegalen Müllkippen wären laut Prem wirkungsvolle Schritte. „Man sollte auch auf die Lebensgewohnheiten der Menschen eingehen. Das Problem ist ja an vielen Stellen, dass es überhaut keinen Zugang zu Trinkwasser oder zu trinkbarem Wasser gibt.“ Wer keinen Zugang zu fließendem Wasser mit guter Qualität hat, kauft es sich in einer Flasche – sofern er die Möglichkeit hat. Eine logische Konsequenz. Deshalb sei auch der Ausbau und die Erneuerung der Wasserleitungen und Zugänge ein wirkungsvolles Mittel im Kampf gegen die Plastikflasche.

Doch auch wir können mit unserem Verhalten dazu beitragen, dass die Plastikflasche überflüssig wird: „Bei uns in Deutschland bräuchte eigentlich kein Mensch eine Wasserflasche, das ist Luxus!,“ sagt Prem. „Unser Leitungswasser ist teilweise sogar besser als das verpackte Wasser. Wer nachhaltig leben will, sollte das Wasser also aus dem Hahn trinken.“ Ob das dann in Edelstahl-, Alu-, Glas- oder Kunststoffflasche gefüllt wird, spielt keine allzu große Rolle– hauptsache, die Flasche wird mehrfach genutzt. 

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