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Illustration: Katharina Bitzl; Foto: coresince84/photocase de

Selbst wenn wir eigentlich noch gar nicht daran denken wollen, lässt es sich nicht leugnen: Unsere Eltern werden alt. Doch sollen wir sie offen darauf ansprechen oder es lieber mit Humor versuchen? Das Altern der Eltern ist ein schwieriges Thema, mit dem sich Therapeutin Birgit Lambers seit 2009 beschäftigt. In Seminaren und ihrem Buch „Wenn die Eltern plötzlich alt sind“ beschreibt sie ihre Erfahrungen.  

jetzt: Frau Lambers, darf ich über das Alter meiner Eltern Witze machen? So was wie „Du bist halt kein junger Hüpfer mehr, Papa“?

Birgit Lambers: Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass Eltern so etwas lustig finden, denn das Altern ist für sie schon schmerzhaft genug. Wir leben nicht gerade in einer Gesellschaft, die das Alter ehrt oder die Alten als weise Ratgeber besonders schätzt. Wer nicht mehr jung, fit und vital ist, fällt hier irgendwie raus. Ein Witz über ihr Alter kann Eltern aber auch schocken, weil sie noch gar nicht so richtig gemerkt haben, dass sie altern. Das passiert sogar recht oft. Denn mit zunehmendem Alter wird die Kluft zwischen dem gefühlten und dem tatsächlichen Alter immer größer.

Solche Sprüche sind aber nicht böse gemeint, sondern vielleicht eher der etwas hilflose Versuch, das Thema Altern anzusprechen. Sollten wir das tun? 

Das Thema offen anzusprechen ist wichtig, denn die Wahrscheinlichkeit, dass die eigenen Eltern mit 90 Jahren noch völlig fit herumhüpfen und dann im Schlaf vom Tod überrascht werden, ist sehr gering. Durch zunehmende medizinische Errungenschaften leben die Menschen immer länger. Die Chance, dass die aktuelle Eltern-Generation, also Personen um die 50 Jahre, mal für lange Zeit pflegebedürftig ist, ist somit höher als bei vorherigen Generationen.

Was ist denn der richtig Weg, mit den Eltern darüber zu sprechen?

Wichtig ist es, authentisch zu bleiben und das Altern nicht zu bewerten, so wie in dem Spruch mit dem „jungen Hüpfer“. Besser ist es zu sagen: „Für mich fühlt sich das ganz komisch an, dass ihr älter werdet. Wie ist das denn für euch?“ Den richtigen Zeitpunkt dafür gibt es nicht. Oft gibt es aber Vorfälle im Bekanntenkreis oder in der Nachbarschaft, die man als Anlass nehmen kann, um zu sagen: Lasst uns doch auch mal darüber reden.

Therapeutin Birgit Lambers beschäftigt sich seit 2009 intensiv mit dem Thema alternde Eltern.

Therapeutin Birgit Lambers beschäftigt sich seit 2009 intensiv mit dem Thema alternde Eltern.

Foto: Susanne Fern

Wann fangen Kinder überhaupt an, über das Alter der eigenen Eltern nachzudenken? 

Häufig stellen Kinder gravierende Veränderungen an ihren Eltern fest, wenn sie ausziehen, sie aus einer gewissen Distanz betrachten und selbst in der Zwischenzeit erwachsen werden und sich abnabeln. Mit einem kritischen Blick merken Kinder dann oft: Oh, meine Eltern sind ja ganz schön umständlich geworden. Ständig muss ich ihnen das Smartphone erklären oder sie wollen schon drei Wochen im Voraus wissen, was ich bei meinem Besuch essen möchte. 

Aber warum tut es uns so weh, diese Veränderungen bei unseren Eltern zu sehen? 

Das hat mehrere Dimensionen: Im positiven Fall sind unsere Eltern die Helden unserer Kindertage, die uns die Welt erklärt haben. Dass diese starken Menschen nun Dinge selbst nicht mehr so gut hinbekommen, passt überhaupt nicht in das Bild, das wir von ihnen haben. Auch manche neue Verhaltensweisen passen nicht mehr zu den Eltern, die wir eigentlich als stark oder lebensfroh kennen. Wenn wir das sehen, stellen wir uns automatisch die Frage: „Werde ich denn auch mal so?“ 

 

Erwarten unsere Eltern, dass wir Kinder sie auf das Altern ansprechen?

Die jetzige Generation der Eltern ist da zwiegespalten: Ein Teil will mit ihren Kindern darüber reden und sagt: „Ich möchte nicht, dass du mich mal pflegst. Dafür habe ich dir kein Studium ermöglicht, ich will nicht, dass du dein Leben für mich aufgibst.“ Es gibt aber auch andere, die schon erwarten, dass die Kinder das für sie tun. Denn in der Generation davor war es selbstverständlich, dass die Jungen die Alten bis zum Tod versorgt und gepflegt haben.

 

Meine Generation lebt aber ein ganz anderes Modell: Wir ziehen in andere Städte, machen Karriere, wollen uns selbst verwirklichen und verlassen vielleicht sogar das Land. 

Ja, in den vergangenen 30 Jahren hat es viele gravierende Veränderungen gegeben. Ein Punkt ist, dass Familien nicht mehr unbedingt in räumlicher Nähe leben – oft berufsbedingt. Auch die Berufstätigkeit der Frau hat viel verändert. Da nun etwa 80 Prozent der deutschen Frauen arbeiten, ist das Pflegen der Eltern für sie faktisch nicht mehr möglich. Obwohl die Pflege der Familienangehörigen auch heute immer noch weiblich ist – rund 90 Prozent der Kümmernden sind Frauen – sind auch sie heute seltener dazu bereit, sich für das Wohl anderer völlig aufzuopfern. 

 

Gleichzeitig sind seit Jahren Pflegenotstand, geringe Renten und Altersarmut ein großes Thema. Heißt das nicht, dass der Druck, der auf meiner Generation lastet, enorm groß ist? 

Früher war es noch völlig normal, sich um die Alten zu kümmern, weil es eine wirtschaftliche Abhängigkeit gab. Diese ist dann aber durch die Rentenversicherung gelöst worden. Eigentlich eine wunderbare Entwicklung, denn ab diesem Punkt wurden Familienbeziehungen freiwillig.

Nun gibt es aber für die aktuelle Generation die Tendenz zu einer neuen finanziellen Abhängigkeit, in der Kinder für ihre Eltern zahlen müssen, weil die Renten nicht mehr ausreichen. Für Ihre Generation könnte das zu einem inneren Widerspruch führen: Zum einen sind Sie endlich autonom, auf der anderen Seite bittet der Staat Sie für Ihre Eltern zur Kasse. Das kann sogar Zorn auslösen: Wenn sich beispielsweise jemand eine eigene gehobene Existenz aufgebaut hat und die unter Umständen durch das Altern der Eltern eingeschränkt wird.  

 

Das heißt, meine Generation sollte mit ihren Eltern auch ganz offen über das Thema Pflegebedürftigkeit sprechen? 

Natürlich, beispielsweise mit dem Renteneintrittsalter. Wie möchten die Eltern diese Zeit füllen? Das ist ein guter Anknüpfungspunkt, um über die nächsten 30 Jahre, das Haus oder den großen Garten zu sprechen. Ich rate Kindern, sich gemeinsam mit den Eltern darüber Gedanken zu machen. Kommt es für euch überhaupt in Frage, dass Mama und Papa jemals bei euch leben? Wenn nein, dann seid doch so fair und sagt es ihnen frühzeitig. Dann können sie sich nämlich Alternativen suchen. 

 

 

Was sollte jemand tun, dessen Eltern davon ausgehen, er oder sie würde sie im Alter pflegen? 

Auch hier ist es wichtig, die Zukunft ganz offen mit ihnen zu diskutieren. Kinder sollten auch in diesem Fall ganz klar Position beziehen und den Eltern direkt sagen: „Das kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen.“ Denn es ist immer wichtig, den eigenen Standpunkt zu vertreten – selbst wenn man die Eltern dadurch enttäuscht. Falls man sich noch unsicher ist, kann man die eigene Pläne noch offen lassen und den Eltern das auch so sagen. 

 

Das ist ja auch wirklich eine komplizierte Entscheidung, denn man weiß ja gar nicht, wie das eigene Leben in 20 Jahren aussieht. 

Genau, das ist das Schwierige daran. In zwanzig Jahren haben Sie sich vielleicht eine eigene Heimat aufgebaut und selbst eine Familie. Falls Sie sich dann persönlich die Pflege ihrer Eltern übernehmen wollen, bleibt also eigentlich nur die Option, dass Mama und Papa zu ihrer Familie ziehen. Für die aktuelle junge Generation wird es sogar noch schwieriger, denn viele Kinder sind in Patchworkfamilien aufgewachsen. Das heißt ja, dass es nicht nur zwei Elternteile gibt, die potentiell mal Hilfe brauchen, sondern sogar vier. Hinzu kommt, dass Menschen mittlerweile oft über 100 Jahre alt werden. Es ist also schon jetzt nicht unüblich, dass Kinder sich um zwei, statt um eine Generation kümmern müssen.

 

Woran merkt man, dass die Pflege der eigenen Eltern einem zu viel wird? 

Ganz salopp gesagt merkt man es, wenn man seine Eltern anzickt, unwirsch zu ihnen ist, anordnet, befiehlt oder schimpft. Dadurch haben Kinder dann aber oft ein schlechtes Gewissen und strengen sich deshalb noch mehr an. Das führt aber wiederum dazu, dass sie noch schneller an ihre Grenzen kommen. Diese Spirale zeigt, wie wichtig es ist, sich schon vor der Pflegebedürftigkeit Gedanken zu machen: Kinder sollten sorgfältig in sich hineinfühlen, was sie bereit sind ihren Eltern zu geben. Wichtig ist allerdings, dass sie das eigene innere Nein auch ernst nehmen. Denn wenn pflegende Kinder später ständig an ihren Eltern herummeckern, ist das wirklich für alle Beteiligten eine Anleitung zum Unglücklichsein.

 

 

 

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