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Fahrkartenautomaten sind der Endgegner

Süßigkeitenautomaten auch! Nie kommt da raus, was ich brauche – während hinter mir die Schlange immer länger wird.
Von Krsto Lazarevic
  • sozialphobie fahrkartenautomat 2 cover
    Illustration: Daniela Rudolf

Lebensaufgabe Sozialkompetenz! So wichtig wie Wasser und Brot, so kompliziert wie eine Operation am offenen Herzen. In der Serie „Hilfe, Menschen!“ berichten wir ab sofort von unseren Sozialphobien. Heute: Mensch vs. Maschine – und vs. andere Menschen.

Ich hasse Fahrscheinautomaten. In fast jeder fremden Stadt stehe ich vor den Dingern und überlege mir, was für ein Ticket ich brauche. Kurzstrecke oder Einzelfahrschein? Wenn ich einen Einzelfahrschein ziehe und der nur für die Zonen A und B gilt, muss ich mir dann den teureren kaufen, in dem auch C enthalten ist? Vielleicht doch lieber ein Vier-Fahrten-Ticket oder gleich eine Tageskarte? Und gilt die Tageskarte eigentlich 24 Stunden lang oder nur für dieses Datum?  

Der Hauptgrund, aus dem ich Fahrscheinautomaten hasse, sind aber nicht diese vielen Fragen, die man sich stellen muss, sondern die Schlange die sich hinter mir bildet und mich am liebsten am Stück auffressen würde. Während ich am Automaten stehe, fährt die Bahn ein und in den Gesichtern der Menschen hinter mir steht geschrieben: „Toll, jetzt verpasse ich wegen dir meine Bahn. Du scheiß Touri!“ Sie schauen genervt und ich bin der Grund. Dabei will ich keine Menschen nerven, die ich nicht kenne. Okay, das ist gelogen – ich liebe es zum Beispiel, Nazis mit meinen Texten zu nerven. Aber ich will keine fremden Menschen damit nerven, dass sie wegen mir ihre Bahn verpassen! 

In fremden Städten komme ich oft in diese Situation. Mein Herz beginnt, schneller zu schlagen und ich kriege einen kleinen Stressschub. Ich ziehe dann einfach einen Einzelfahrschein, um schnell aus dieser Situation rauszukommen, egal, ob es Sinn macht oder nicht. 

Meistens ist es dann wieder okay. Aber manchmal will der Automat mein Kleingeld nicht haben. Ticket kostet 3,10 Euro. Die Zwei- und die Eineuromünze schluckt der blöde Automat, aber die zehn Cent will er nicht bei sich behalten. Sie kommen unten wieder heraus. Dann nochmal rein und er spuckt sie wieder aus. Diese Szene wiederholt sich noch drei bis vier Mal mit verschiedenen Zehncentstücken. Die Schlange hinter mir wird länger. Ich ziehe die Bankkarte und stecke sie in den Automaten – aber die will er auch nicht akzeptieren. Ich gehe dann manchmal einfach weiter, ohne eine Ticket gezogen zu haben, bevor jemand hinter mir auf die Idee kommt, mich zu verprügeln. 

Ich werfe die Münzen ein, der Automat rattert, der Schokoriegel bewegt sich – und bleibt dann stecken

Warum müssen es einem die Verkehrsbetriebe in Deutschland so schwer machen? In keinem Land der Welt ist es komplizierter, seine Steuererklärung zu machen oder einen Fahrschein für öffentliche Verkehrsmittel zu ziehen. Da lobe ich mir das touristenfreundliche Bangkok: Alles ist auf Englisch beschildert und neben den Stationen des Skytrains steht immer eine Zahl, die anzeigt, wieviel die einzelnen Strecken, die man vom aktuellen Standort aus fahren kann, bis zum jeweiligen Zielort kosten. Keine Komplikationen, keine Probleme, keine Schlange. Geld reinwerfen, Ticket rausziehen. Vorbildlich! Gute Fahrscheinautomaten.

Die Fahrscheinautomaten in Deutschland hingegen sind Arschlöcher. Es gibt hier allerdings auch Automaten, die erst auf nett machen und sich dann im Nachhinein als Arschlöcher entpuppen. In Berlin-Neukölln gibt es einen Kunstautomaten, neben einem Atelier. Er ist bunt bemalt und strahlt eine freundliche Stimmung aus, sodass ich trotz meiner Angst vor Automaten und ihrer Wirkung auf mich und meine Mitmenschen neulich Lust hatte, ihn auszuprobieren. Ich spazierte mit einer Freundin an ihm vorbei und wir dachten uns: „Cool, Kunst für zwei Euro, mal gucken, was dabei herauskommt.“ Wir schmissen also voller Vorfreude das Geld in den Automaten und am Ende kam nichts heraus. Kategorie: Arschlochautomat, der auf nett macht. Scheiß neuköllner Hipster-Künstler, die einem das letzte Geld aus der Tasche ziehen. 

Der absolute Endgegner sind aber diese Snack- und Getränkeautomaten, bei denen man das Produkt des Begehrens durch die Scheibe sehen kann. Der Schokoriegel meiner Wahl ist nur wenige Zentimeter von mir entfernt. Ich werfe die Münzen ein, der Automat rattert, meine Schokoriegel bewegt sich schon – und bleibt dann stecken. 

Der Automat spielt mit meinem Begehren und meinen Hoffnungen. Je nach Wut und Zustand trete ich dann dagegen, was aber fast nie hilft. Diese verdammten Abzockautomaten werden öfter getreten als Fußbälle und sie haben es auch verdient. Wenigstens haben die Wartenden hinter mir mehr Verständnis als vor dem Fahrscheinautomaten. Das verbündet ein bisschen und hilft gegen die Phobie.

Aber trotzdem haben Automaten mich eines gelehrt: Wir können den Kampf gegen die Maschinen am Ende nicht gewinnen. Und den Kampf gegen unsere Ängste vor anderen Menschen auch nicht.  

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