sozialphobie einkaufen cover
Illustration: Katharina Bitzl

Lebensaufgabe Sozialkompetenz! So wichtig wie Wasser und Brot, so kompliziert wie eine Operation am offenen Herzen. In der Serie "Hilfe, Menschen!" berichten wir von unseren Sozialphobien. Heute: Shopping – Verkäuferinnen, Überforderung und beobachtende Blicke.

Es passiert immer wieder. Ich werde zu irgendwelchen Events eingeladen, sage zu, aber die passende Garderobe fehlt. Und die Zeit, sie im Internet zu bestellen, auch. Das zwingt mich aus der kuscheligen Sicherheit des Online-Shoppings in das nächstbeste Shoppingcenter der Stadt. Dort erwartet mich die unvermeidlichen Konfrontationen mit... Menschen. Und drei Situationen, überfordern mich besonders. Sie machen mich wieder zum unbeholfenen, introvertierten Kind. 

Situation 1 – die Slenderman-Verkäuferin

Da stehe ich nun in irgendeinem riesigen Laden und schaue mich um. Obwohl ich genau weiß, was ich will, und sogar, wo ich das finde, schweift mein Blick unruhig suchend umher. Denn irgendwo ist sie. Die viel zu engagierte Verkäuferin.

Sie steht in irgendeiner Ecke, erst weit weg, und starrt von dort bereits zu mir. Sie hat meinen Blick bemerkt und den falschen Schluss gezogen. Ich weiß, dass ich nur blinzeln muss, und sie ist plötzlich zehn Meter näher gerückt. Wie in einem Horrorfilm.

Schon steht sie vor mir. Sie will mir helfen. Und ich weiß nicht, wie ich Nein sagen soll. Deshalb tue ich es nicht. „Oh Danke, gern, ich suche eine Bluse.“ Und dann rennt sie hypermotiviert durch den ganzen Laden, immer mit mir im Schlepptau und ich dackel ihr verzweifelnd hinterher, denn ich weiß schon: Sie ist so engagiert, dass ich ihr nichts ausschlagen kann.

Also sage ich: „Oh, die ist schön! Ach, die gefällt mir auch! Danke für die Hilfe!“ und lächle pausenlos, während auf meinem Arm der Turm von Babel in Form von Blusen entsteht. Wartet sie dann vor der Umkleidekabine, trage ich alle drei Millionen Blusen an ihr vorbei zur Kasse, während sie mir stolz hinterherblickt. Eine Woche später bringe ich dann alles wieder zurück. Und die Paranoia beginnt von vorn. Denn ich will ihr auf keinen Fall noch einmal begegnen, und mich bei dieser Tat ertappen lassen.

Und wenn ich anderswo ablehne, energisch den Kopf schüttelnd und viel zu hektisch abwinkend – „Nein nein, vielen Dank, ich komm klar!!!“ – begegnet mir ein verwirrter, dann skeptischer Blick à la „Die kommt offensichtlich ganz und gar nicht klar.“ Die Gefahr entfernt sich schweigend mit einem freundlichen Lächeln.

Trotzdem folgt sie mir auf Distanz wie ein modebewusster Slenderman. Sie wird nun alles beobachten, was ich tue. Wird meine gestresste Miene und mein unbeholfenes Kramen in T-Shirt-Stapeln als Indiz für dafür sehen, dass sie Recht hatte, mich anzusprechen. Und ich komme mir schlecht vor, dafür, dass ich sie ihre Arbeit nicht habe machen lassen.

 

Situation 2 – Der „Du gehörst nicht in diesen Laden“-Blick

 

Ganz anders ist es, wenn ich nicht beäugt werde, weil ich die perfekte potentielle Kundin bin – sondern weil ich aussehe wie das Gegenteil. Wenn ich in irgendeiner Shoppingmeile falsch abgebogen bin und in einem Laden lande, der so gar nicht meinem Budget entspricht – und man mir das auch ansieht.

 

Aber abhauen? Das kann ich meinem Ego nicht antun! Also drehe ich heldenhaft entspannt, als wäre ich schon tausend Mal in dieser Boutique gewesen, eine große Runde durch den Laden. Ich gebe alles, was schauspielerisch drin ist und begutachte die Ware. Schwarz, weiß, schlicht, edel, und die Preise pro Teil beginnen bei meinem Monatsgehalt. Trotzdem bleibe ich stark. Mal nicke ich, werfe einen Blick auf das Etikett – Kaschmir – doch lege alles wieder weg und gebe mich schrecklich unzufrieden mit dem Angebot.

 

Der „Du bist hier falsch“-Blick der Verkäuferinnen ruht auf mir, bis eine von ihnen entscheidet, dieses Trauerspiel zu beenden und auf mich zukommt. Sehr schnell, aber mit sehr stolz erhobenen, hochroten Kopf, schreite ich auf meinen auseinanderfallenden Sneakers aus dem Geschäft, noch bevor sie mich zu fassen kriegt. 

Situation 3 – Die Umkleide

 

Ich packe mir grundsätzlich – selbst, wenn mir keine Verkäuferin aufgelauert hat – einen ganzen Berg Klamotten auf den Arm. Damit ich nicht immer wieder raus muss und das Ganze ein schnelleres Ende findet. Stolz, bisher überlebt zu haben, stolziere ich also an dem einen Mitarbeiter, der an den Umkleiden steht, vorbei und suche mir eine Kabine. Dort steht es dann: „Bitte nur drei Teile in die Unkleide nehmen.“

 

Ein Hinweis, der jedes Mal zu spät kommt. Und jetzt hat mich dieser Mensch vor der Kabine gesehen, wie ich gegen dieses Gebot verstoße.  So startet meine Anprobe mit Reue und Scham – und endet verbissenen:  Zwischen leeren Kleiderbügeln und einem großen Haufen Anprobiertem auf dem viel zu winzigen Hocker stehe ich in der stickigen Kabine und fädele alles wieder auf. Alles. So ordentlich, wie es vorher war. Mit genau demselben System. Denn dem Typ da draußen auf seine Rückgabe-Stange ein Chaos hinzuhängen, würde meine Scham noch größer machen.

 

Das seltene Phänomen der Umkleide ohne Spiegel macht alles noch schlimmer.

Während ich genau weiß, dass Dutzende darauf warten, dass ich fertig werde, schäle ich mich aus den Jeans, verbiege mich, um Reisverschlüsse an den unpraktischsten Stellen zu erreichen, knöpfe tausendfach auf- und wieder zu. Aus dem Spiegel der Kabine blickt das eigene, überbeleuchtete Gesicht wie zur Halloween-Maske mutiert: Jeder Makel sticht plötzlich hervor, dass man sich kaum mehr an die Öffentlichkeit traut. Aber man muss.

Um zu sehen, ob es passt. Raus, dahin, wo schon eine Schlange Fremder steht, die jeder eine Braue heben wie Harald Glöökler. Oh, Schätzchen, nein. Das steht dir nicht.

 

Das sehe ich selbst, aber erst eine Sekunde nach den anderen, und laufe rückwärts zurück in die Kabine. Den Rest probiere ich ohne Spiegel. Doch das Warten der anderen setzt mich so unter Druck, dass ich am Ende nicht mal die Hälfte anziehe und nervös lächelnd Reißaus nehme.

 

Gefühlt zehntausend Läden später, nach hunderttausend Mal Aus- und wieder Anziehen  in der grellen Kulisse mit viel zu lautem Pop-Gedudel trage ich irgendwann alles nach Hause, was irgendwie passabel aussah. Mit tauben Füßen und schmerzenden Beinen habe ich mich endlich mit dem Nötigsten eingedeckt. Hoffentlich ist da auch was für das nächste, unangekündigte Event dabei.

 

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