sozialphobie trinkgeld cover
Illustraion: Janina Schmidt

Lebensaufgabe Sozialkompetenz! So wichtig wie Wasser und Brot, so kompliziert wie eine Operation am offenen Herzen. In der Serie „Hilfe, Menschen!“ berichten wir ab sofort von unseren Sozialphobien. Heute: „Der Rest ist für Sie!“

Ich habe sehr gut gegessen, der Service war so lala und die Rechnung kommt. Was da nicht mit draufsteht, aber jeder weiß: Beim Bezahlen ist natürlich auch Trinkgeld angesagt.

Oder? Auch, wenn ich eigentlich selbst fast kein Geld mehr habe und der Service sich auf das Nötigste beschränkt hat? Und falls ich Trinkgeld gebe, wie mache ich das am besten? „Der Rest ist für Sie“ oder „Stimmt so“ sagen? Oder gar nichts sagen, sondern ein paar Münzen liegenlassen, wenn ich gehe? Aber dann denkt die Kellnerin, bis sie die Münzen findet, dass ich geizig bin, oder? Und welcher Betrag lässt mich weder wie eine Zweitausgabe von Dagobert Duck noch wie eine überhebliche Neureiche rüberkommen? Und wie soll ich jetzt bloß so schnell im Kopf ausrechnen, welches Endergebnis sich aus dem Betrag auf der Rechnung plus die angemessenen Trinkgeld-Prozente ergibt?

So viele Fragen! Und auf alle davon muss ich innerhalb von Sekunden eine Antwort finden, denn die Kellnerin steht mit geöffnetem Geldbeutel neben mir und wartet.

Der Restaurantbesuch an sich, aber insbesondere das Trinkgeldgeben, ist ein soziales Minenfeld. Überall lauert die Gefahr sich selbst, seine Begleitung oder die Kellnerin massiv zu beschämen. Am liebsten würde ich einfach die Scheine unter den Teller klemmen, ein paar Münzen obendrauf legen und dann still und heimlich verschwinden ohne dabei mit irgendwem in soziale Interaktion treten zu müssen – und genau das wäre auch in den meisten anderen Ländern möglich. Aber ich sitze hier in einem deutschen Restaurant und da zahlt man Face-to-Face und das Trinkgeldgeben wird dadurch jedes Mal ein Spießrutenlauf. 

Nicht mal Knigge hat für das Problem eine Benimm-Regel parat

Leider gibt es auch keine „Best Practice“, an der ich mich orientieren könnte. Es scheint, als wäre das Thema Trinkgeld, wie alles was mit Geld zu tun hat, latent tabuisiert. Man gibt es mit einem unauffälligen, fast schon beschämten Gestus, aber selten spricht man darüber. Selbst die bürgerliche Knigge-Bibel hat für das Problem keine Benimmregel parat: „Man sollte, muss aber nicht“ heißt es in dem Benimm-Lexikon zur Frage Trinkgeld ja oder nein.

Für mich stellen sich in dieser Situation aber noch viel mehr Fragen, als nur die nach dem ob. Ich will ja meistens Trinkgeld geben – weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie schlecht man in der Gastronomie verdient, was für ein Knochenjob das ist und wie gern man den Gästen am Ende des Tages ihr Essen am liebsten nur noch wortlos auf den Tisch knallen würde. Aus der Frage wie Trinkgeld geben leiten sich für mich aber noch ganz viele andere Unsicherheitsfaktoren ab.

Wieviel zum Beispiel. Fünf bis zehn Prozent ist in Deutschland ja die Faustregel. Wenn man aber mit einer großen Gruppe zahlt und alle ihren Teil in die Mitte werfen und erst, wenn der Kellner kommt, merkt, dass niemand Trinkgeld eingeplant hat, wird es komplex. Gebe ich dann zehn Prozent von meinen Ausgaben oder lege ich gönnerhaft einen Schein für alle dazu? Ab wieviel beziehungsweise ab wie wenig wird es unhöflich? Die Geste des Gebens überfordert mich. Die Kellnerin steht in einem offensichtlichen Abhängigkeitsverhältnis zu mir, dem Gast, und nichts ist mir unangenehmer, als diese Situation mit zu viel Trinkgeld zu betonen oder mit zu wenig bis gar keinem Extra-Geld auszunutzen. 

Noch schlimmer wird es, wenn man bei Freunden in der Bar trinkt, die sich immer wieder dazusetzen, einen aber eigentlich den ganzen Abend bedienen. Geld ist in vielen noch so guten Freundschaften ein Tabu. Ich selbst würde von Freunden nicht erwarten, dass sie ihr Erspartes an meine Trinkgeldkasse abdrücken. Gleichzeitig weiß ich, wie sehr sie sich um diese Samstagsschicht mit den anderen Kollegen streiten mussten, weil samstags jeder arbeiten will, weil es samstags am meisten Trinkgeld gibt. Vielleicht sollte ich also in Bars von Freunden keinen Unterschied machen und für diese eine Minute der sozialen Awkwardness einfach so tun, als würden wir uns nicht kennen und die üblichen fünf bis zehn Prozent einfach unauffällig auf dem Tisch liegen lassen. Aber was, wenn jemand anderes die Kohle im Vorbeigehen einsteckt? Wenn es am Ende dann doch so aussieht, als hätte ich gar nichts gegeben?

„Der Rest ist für Sie“ klingt immer ein bisschen nach Sugar-Daddy

Mit der „Italien-Methode“ (Geld einfach liegen lassen und gehen) will ich eigentlich nur die größte Hürde am Trinkgeld-Geben umgehen: das Reden darüber. „Stimmt so“ oder „Passt schon“ sind Formulierungen, die sich nur anbieten, wenn man bei 1,70 zwei Euro gibt und die restlichen 30 Cent nicht zurückwill. Mit „Machen Sie 20“ oder „Der Rest ist für Sie“ hingegen adressiere ich den Kellner direkt und das ist mir auch wieder unangenehm. Vielleicht, weil es am Ende immer ein bisschen nach Sugar-Daddy und „Kauf dir was Schönes“ klingt.      

 

Vielleicht reagiere ich aber auch so phobisch auf diese Situation, weil sie mir meinen sozialen Status vor Augen führt. Weil ich im Gegensatz zu früher jetzt selbst in dieser Position bin, jemandem qua Geld freudiger oder frustrierter aus diesem Arbeitstag gehen zu lassen. Weil ich eigentlich vermitteln will „Hey, ich kenne deinen Job, ich bin genau wie du“, dann aber doch am längeren Hebel sitze. Und weil ich es schrecklich finde, bei meinem fahrigen Versuchen, die Situation zu lösen, auch noch beobachtet zu werden.

 

Vielleicht muss man erst reich, ein bisschen abgestumpft und an die Situation des Gebens gewöhnt sein, um die Trinkgeld-Geste souverän zu meistern. Bis dahin rede ich mir ein, dass meine Unfähigkeit einfach als sympathische Unsicherheit durchgeht – und der Betrag, den ich da zusammenkratze, schon irgendwie passt.  

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