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Illustration: Daniela Rudolf

Lebensaufgabe Sozialkompetenz! So wichtig wie Wasser und Brot, so kompliziert wie eine Operation am offenen Herzen. In der Serie "Hilfe, Menschen!" berichten wir  von unseren Sozialphobien. Heute: Die Gruppendynamik. 

Manchmal schleifen mich Freunde mit ins Fußballstadion. Ein Ort, an dem ich mich maximal unwohl fühle. Das liegt nicht einmal an meinem wenig ausgeprägten Interesse an diesem Sport. Sondern vielmehr an den sozialen Mechanismen, die dort greifen: Ein Tor und alle springen Fahnen-schwenkend auf. „JAAAA!“, brüllen meine Freunde und tausende Menschen fallen sich gegenseitig in die Arme. Ich sitze währenddessen auf meinem Sitz und versuche, mich unauffällig zu verhalten. Mir ist die ganze Situation hochgradig peinlich. Ich falle hier schließlich komplett aus dem Raster – will mich aber auch nicht an das Verhalten der anderen anpassen, nur weil das eben alle so machen.

Dabei freue ich mich tatsächlich aufrichtig, dass dieses Tor gefallen ist und sich jetzt ganz viele Menschen darüber freuen können. Aber nichts liegt mir ferner, als deshalb komplett auszurasten, die Fäuste in der Luft zu ballen und laut zu jubeln. Ich lächle einfach selig in mich hinein.

Bei den anderen kommt das nicht gut an. „EEEEEY, nimm mal den Stock aus dem Arsch“, sagt mir dann jemand. Ich weiß zwar nichts von einem Stock in meinem Arsch. Aber ich weiß zumindest, was er meint. Und obwohl ich mich furchtbar dabei fühle, blind nachzumachen, was alle anderen vormachen, nehme ich mir vor, meine Freude beim nächsten Tor ein wenig anders zu zeigen.

Nicht nur, weil ich nicht unangenehm auffallen möchte. Sondern auch, weil ich merke, dass meine skeptische Distanziertheit die Dynamik hier vollkommen blockiert. Anstatt dass mein Freund Michael (rechts von mir), mir im Freudentaumel direkt um den Hals fallen kann, muss er sich für eine Umarmung über mich hinweg beugen, um dann Leonie (links von mir) erreichen zu können. Ich verharre währenddessen total überfordert auf meinem Sitz, ziehe den Kopf ein und lächele beschämt.

Das mit dem „Freude anders zeigen“ klappt leider auch beim nächsten Tor nur so semi-gut. Ich stehe zwar auf und umarme einen Menschen. Dabei tätschle ich ihm aber verlegen den Rücken, sage „Juhu“ und fühle mich wie eine verdammte Heuchlerin. Ähnlich enthusiastisch verläuft meine Beteiligung an einer La-Ola-Welle und das Mitgeschunkle bei den Fangesängen. Ich fühle mich wie eine Gefangene – in einem  Strudel aus sozialen Zwängen, die mich früher oder später in Scham ertränken werden.

Der Besuch im Fußballstadion stellt mich also vor immense soziale Herausforderungen.  Ähnlich geht es mir aber auch an Orten, die ich eigentlich gerne besuche. Zum Beispiel im Club: „Put your hands up in the air“. Ich putte erstmal gar nichts up in the air, weil es mir bescheuert und unnötig vorkommt. Bei der dritten oder vierten Aufforderung des DJs, hebe ich zaghaft die Hand. Ich passe sonst einfach nicht in die Menge aus Hände-hochhaltenden Menschen. Oder im Festzelt beim Tanzen auf der Bierbank. Da lasse ich mich mit raufziehen und denke mir trotzdem gleichzeitig: „Warum zur Hölle sollte man riskieren, runterzufallen, wenn am Boden auch Platz ist?“

Der Gruppenzwang übermannt mich also früher oder später immer wieder und lässt mich Dinge tun, die mir vollkommen zuwider sind. Die Angst ist einfach zu groß, dass mich andere Leute dafür verurteilen könnten, dass ich nicht mitziehe. Dass sie mich nicht mehr als wertvolles Mitglied wahrnehmen könnten, weil ich sie ausbremse. Irgendwie will man ja – auch als Individualistin – in der eigenen Gruppe gut ankommen.

Dafür opfert man dann aber eben auch etwas: seine Authentizität. Und das verursacht wahrscheinlich dieses schreckliche Gefühl, das Gruppendynamiken bei mir auslösen. Dass ich immer wieder glaube, durch sie zu einer Entscheidung gedrängt zu werden: Will ich nun lieber gemocht werden oder mich einfach verhalten, wie ich mich natürlicherweise verhalten würde?

Klar kann man darauf altklug erwidern: „Wenn deine Freunde dich nicht so nehmen wie du bist, dann sind sie eben auch nicht deine Freunde.“ Danke Omi, aber den Spruch kenne ich schon. Fakt ist ja trotzdem, dass Freundschaften vor allem durch gemeinsamen Spaß entstehen und wachsen. Wenn einer die Gruppe ständig nur lahmlegt mit seiner „Da mach ich nicht mit“-Haltung, gefährdet das die Freundschaft auf lange Sicht gesehen eben doch.

Ich werde also vermutlich weiter versuchen, mich anzupassen – mir dabei aber immer wieder die gleichen Fragen stellen: Wie viele der Menschen, die hier alle das gleiche Programm abspulen, genießen das eigentlich? Denken die meisten von ihnen insgeheim wie ich? Oder bin ich wirklich die einzige, die das alles ziemlich dämlich findet?  

Glücklicherweise habe aber auch ich Grenzen. Es gibt nämlich auch Gruppenzwänge, denen ich mich nicht beugen will. Bei denen die Kosten-Nutzen-Rechnung also eher zu Gunsten meiner eigenen Authentizität ausgeht. Bei Drogen zum Beispiel. Oder in Sachen politische Meinung. Und ab sofort auch dann, wenn es wieder heißt: „Wir gehen alle ins Stadion. Kommst du mit?“ „Nein“, werde ich dann sagen. Und mir denken, dass das wirklich besser für alle Beteiligten ist.

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