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Das große Hallo-Problem

Schlimme Situation: Man kommt wohin und alle anderen sind schon da. Und jetzt?
Von Nadja Schlüter
  • cover sozialphobie
    Illustration: Katharina Bitzl

Lebensaufgabe Sozialkompetenz! So wichtig wie Wasser und Brot, so kompliziert wie eine Operation am offenen Herzen. In der Serie "Hilfe, Menschen!" berichten wir ab sofort von unseren Sozialphobien. Folge 3: „Hallo, alle!“

 

Angenommen, ein Freund von dir hat Geburtstag und alle, mit denen er das feiern möchte, sind eingeladen, mit ihm in einer Pizzeria zu essen und zu trinken. So ab acht. Gegen viertel nach neun schaffst du es hin (du musstest vorher noch warten, bis die Wäsche fertig war) und als du reinkommst, sitzen da 20 Menschen um drei aneinander geschobene Tische. Natürlich gratulierst du erst mal dem Gastgeber, aber währenddessen schauen dich 19 andere Augenpaare neugierig an. Du kriegst kaltschweißige Hände, weil du nichts mehr hasst, als Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen. Plötzlich stehst du vor einem riesigen Sozialphobiker-Dilemma, denn du hast jetzt drei Möglichkeiten: eine schlechte, eine schlechte und noch eine schlechte.

 

Erste schlechte Möglichkeit: Du begrüßt jeden Menschen einzeln, umarmst, wen du kennst, schüttelst die Hand aller, die du nicht kennst, und stellst dich ihnen brav vor. Das ist zwar höflich, aber anstrengend. Und außerdem bringst du damit die ganze Feiergesellschaft durcheinander. Die einen sehen sich gezwungen aufzustehen, die nächsten müssen ihr aktuelles Gespräch, das sie schon unterbrochen haben, als du reingekommen bist, noch länger unterbrechen. Oder sie haben es zwar wieder aufgenommen als du am Kopfende deine Begrüßungsrunde angefangen hast, aber sehen aus dem Augenwinkel, wie du immer näher kommst und wissen, dass sie sich gleich unterbrechen müssen. Du willst aber kein Unterbrecher sein, niemand soll wegen dir irgendwas unterbrechen müssen! Und dann dieser schreckliche Smalltalk, den ihr, sofern ihr euch kennt, womöglich führen werdet, und in dem in jeder Silbe mitschwingt: „Wir wissen beide, dass der eine von uns jetzt seine Begrüßungsrunde durchziehen muss und der andere eigentlich gerade mit einem anderen Gespräche beschäftigt war – warum also reden wir miteinander?“

 

Gleichzeitig fürchtest du, dass alle, die vor dir gekommen sind, diese große Begrüßungsrunde nicht gemacht haben, und alle nachfolgenden sie auch nicht machen werden und du darum der Weirdo bist, über den alle so etwas denken wie: „Kommt viel zu spät und findet das wohl cool und glaubt dann auch noch, dass seine Anwesenheit hier so wertvoll ist, dass er jeden einzelnen von uns persönlich damit beglücken muss.“ Und weil du 19 Begrüßungen lang Zeit hast, dir über all das Sorgen zu machen, bist du nach Begrüßung Nummer fünf schon so erschöpft, dass du gerne abbrechen und dich einfach hinsetzen würdest. Aber das geht natürlich nicht.

Zweite schlechte Möglichkeit: Du setzt Prioritäten und begrüßt nur diejenigen persönlich, die du eh schon kennst. Allen anderen nickst du zu oder winkst in die Runde. Aber die einen zu umarmen und sich bei den anderen nicht mal vorzustellen, kann extrem unhöflich rüberkommen. Zumal das Risiko besteht, dass jemand, den du kennst, neben jemandem sitzt, den du nicht kennst, und dann musst du dich bei dem ja auf jeden Fall vorstellen und bist den anderen gegenüber noch unhöflicher. Und der In-die-Runde-winken-Part ist außerdem gleichzeitig die…

 

„Hallo, alle! Ich mach einfach mal so…“ 

 

…dritte schlechte Möglichkeit: Du willst, dass dieser Moment schnell vorbei ist, darum lässt du schwitzend und winkend den Blick über die drei zusammengeschobenen Tische schweifen und sagst dabei so etwas wie „Hallo, alle! Ich mach einfach mal so…“ und lachst nervös. Mal davon abgesehen, dass auch das keine allzu höfliche Variante ist, ist der schreckliche Moment damit immer noch nicht vorbei, sondern erreicht seinen Höhepunkt, wenn ein paar andere halbherzig zurück winken oder gar etwas schief grinsen, weil du so angestrengt wirkst. Und außerdem weißt du nicht, wann der richtig Zeitpunkt gekommen ist, den Blick abzuwenden und dich zu setzen. Was übrigens das nächste Problem darstellt: Wohin, zum Teufel, setzt du dich jetzt eigentlich?

 

Falls du nicht alleine gekommen bist, kann man nur hoffen, dass deine Begleitung und du im Vorfeld ein kurzes, aber ernsthaftes Gespräch über eure angestrebte Begrüßungstaktik geführt habt. Damit ihr die selbe nutzt. Denn noch schlechter als alle drei schlechten Möglichkeiten, ist eine vierte, bei der du deinen unbeholfenen Winkewinke-hallo-alle-Move machst – und der andere gleichzeitig, aber von dir unbemerkt begonnen hat, jeden am Tisch einzeln zu begrüßen. Dann musst du dich nämlich entscheiden, ob du der unhöfliche Teil des Paars sein willst oder der, der nachträglich noch in die persönliche Begrüßung einsteigt und bei dem darum offensichtlich ist, dass er grade nicht weiß, wie er sich verhalten soll – und damit auch, dass er sozial völlig inkompetent ist.

 

Insgesamt wünschst du dir in dieser Situation nichts mehr, als dass dein Freund in eine laute, volle Kneipe eingeladen hätte, in der sowieso niemand so richtig mitkriegt, wenn jemand Neues reinkommt. Oder zu sich nach Hause, wo der Gastgeber dich entweder an der Tür empfängt, dann zum Tisch geleitet und dich dort allen vorstellt. Oder wo eine auf die gesamte Wohnung verteilte Sitz- und Steh- und Tanz-Party gefeiert wird, bei der es vollkommen egal ist, wen man wann begrüßt und genauso egal, wenn man irgendwen einfach überhaupt nicht begrüßt.

 

Wenn du endlich sitzt, ein Bier bestellt und bekommen und drei große Schlücke davon getrunken hast, nimmst du dir ganz, ganz fest vor, bei der nächsten Einladung dieser Art überpünktlich da zu sein. Wäsche hin oder her. Wenn du nämlich als erster sitzt, bist du fein raus. Und das Problem haben die anderen.

 

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