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Bitte keine Begegnungen im Schwimmbad

Im Badeanzug fühle ich mich schutzloser als in jeder Saunalandschaft.
Von Nadja Schlüter
  • sozialphobie schwimmen cover
    Illustration: Katharina Bitzl

Lebensaufgabe Sozialkompetenz! So wichtig wie Wasser und Brot, so kompliziert wie eine Operation am offenen Herzen. In der Serie "Hilfe, Menschen!" berichten wir  von unseren Sozialphobien. Heute: nass und halbnackt.

Schwimmen ist auch darum mein Lieblingssport, weil ich dabei alleine bin. Immer wieder kommt es vor, dass eine motivierte Freundin sagt: „Ich wollte auch längst mal wieder ins Schwimmbad! Sag doch Bescheid, wenn du das nächste Mal gehst, dann komme ich mit!“ Ich murmele dann meistens was von „Mh, ja, mal gucken, ich gehe oft erst ganz spät abends“ oder so ähnlich – und sage dann nie Bescheid. Was das angeht, bin ich schrecklich egoistisch. Und schrecklich gern alleine. 

Natürlich bin ich in dem beliebten Schwimmbad meiner Stadt, das ich immer besuche, nicht wirklich alleine. Um mich herum schwimmen viele andere Menschen (manchmal so viele, dass ich beim Sport aggressiv werde, anstatt Aggressionen abzubauen). Aber normalerweise kenne ich die nicht. Das sind bloß lauter anonyme, beschwimmbrillte, bebadekappte Körper, die die meiste Zeit halb unter der Wasseroberfläche verschwinden und versuchen, sich möglichst nicht zu berühren. Ich selbst fühle mich dann auch als anonymer Körper, so ganz in meiner Schwimmrüstung und halb unter Wasser.

Die Begegnung im Schwimmbad ist nur so halb peinlich. Aber gerade das macht sie so schlimm

Leider bin ich aber kein anonymer Körper. Man kann mich immer noch erkennen, trotz Brille und Kappe. Darum bin ich neulich sehr erschrocken, als ein Kollege sagte: „Ich gehe jetzt auch manchmal in dein Schwimmbad!“ Sofort checkte ich seine typische Badezeit mit meiner gegen, um erleichtert festzustellen, dass sie sich unterschieden. Gefahr gebannt. Aber dann sagte gar nicht mal so lange Zeit später eine Kollegin: „Ich hab’ dich am Sonntag im Schwimmbad gesehen!“ Sie habe mich nicht angesprochen, weil ich ja beschäftigt gewesen sei (mit schwimmen). Trotzdem hatte ich sofort ein komisches Gefühl im Bauch. So was wie Angst. Und so was wie Scham.

Ich dachte darüber nach, warum. Und kam zu dem Schluss, dass ich es unangenehm finde, dass mich jemand, der mich angezogen aus dem Büro kennt, halbnackt im Chlorwasser gesehen hat. Wie ich eine Bewegung mache, die ich im Büro normalerweise nicht mache. Irgendwie machte mich das angreifbar, fand ich.  Schutzlos. Unseriös. Ich war froh, dass wir uns wenigstens nicht wirklich begegnet sind. Das wäre nämlich noch viel unangenehmer gewesen.

Manche werden jetzt sagen, das sei doch nicht so schlimm. Viel schlimmer sei es, den ehemaligen Biologielehrer in der Sauna zu treffen. Ja, okay, ist schlimmer. Aber es ist so offensichtlich schlimm, dass alle darum wissen. Jeder, auch der Biologielehrer, weiß, dass es nicht die angenehmste Situation der Welt ist, sich in einem Bereich, in dem man sich in Teilen nackt und schwitzend aufhält, zu begegnen. Und später kann man sich mit den Freundinnen in einem „Oh du meine Güte, wie unangenehm“-Wettbewerb darüber ereifern. Aber die Begegnung im Schwimmbad ist eben nur so halb peinlich. Man ist ja irgendwie angezogen. Man hat gerade Sport gemacht, das ist doch was Gutes. Man sollte sich nicht so anstellen. Man ist seltsam, wenn man beschämt wegschaut.

Aber man würde so gerne! Denn schwimmend ist man in dem Outfit, das man trägt, ja noch einigermaßen würdevoll. Aber wenn man in Latschen und tropfend, mit nackten Armen und (womöglich schlecht rasierten, weil man hier ja für sich alleine ist) Beinen und einer Kappe auf dem Kopf, die das eigene Gesicht unvorteilhaft betont, plötzlich jemandem gegenübersteht, dann fühlt man sich wie damals, in der sechsten Klasse. Als man Schwimmunterricht hatte und alle Mädchen beneidet hat, die schon ihre Periode bekamen und darum schwänzen durften. Während man sich selbst mit dem ersten Ansatz von Brust im Aldi-Badeanzug vor den Klassenkameraden schämte. Und vorm Schwimmlehrer sowieso.

Es sollte verboten sein, als angezogener Mensch Personen in Badekleidung anzusprechen! 

Am schlimmsten ist es übrigens, wenn man rund um die Umkleidekabinen jemanden trifft, der schon angezogen ist, während man selbst noch den Badeanzug trägt. Das ist sogar dann schlimm, wenn man die Person gar nicht kennt, aber sie fragt, ob man wohl ein Deospray dabeihabe, das sie mal leihen könne? Wäre das ein Boxkampf, wäre das so, als ob man eigentlich in zwei völlig verschiedenen Gewichtsklassen kämpft, aber auf einmal zusammen in den Ring gestellt wurde. Total unfair eben. Es sollte gesetzlich verboten sein, als angezogener Mensch Personen in Badekleidung anzusprechen! 

Und nicht mal danach ist es ausgestanden. Denn wenn man sich noch die Haare föhnen muss, steht man in einem Raum mit vielen Spiegeln, in dem man Blicken nicht ausweichen kann. Und macht etwas, was man sonst alleine daheim im Bad macht. Haare trocknen. Sich diese Haare bürsten. Manche schminken sich dort sogar. Das ist alles so wahnsinnig intim, dass ich am liebsten nie mehr wiederkommen würde. Aber ich schwimme halt so gerne!

Die einzige Lösung ist: Mit Tunnelblick durchs Schwimmbad rennen. Und genauso durchs Becken pflügen. Wenn ich glaube, jemanden erkannt zu haben, auf der Bahn neben mir, dann schaue ich auf keinen Fall mehr rüber. Ich gebe mich konzentriert. Und sobald ich aus dem Becken steige, starre ich ganz stur geradeaus. Ich bin gar nicht da. Ich bin ein anonymer Körper. Begegnen kann man mir draußen wieder, wenn ich geduscht, angezogen und geföhnt bin. Bis dann! 

Wir fürchten uns noch vor viel mehr Alltagssituationen: