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„Wie heißt du noch gleich?“

Ich habe keine Angst vor neuen Menschen – aber vor ihren Namen.
Von Katja Lewina
  • sozialphobie namen cover
    Illustration: Daniela Rudolph

Was wäre ich ohne all die Menschen in meinem Leben? Nichts wäre ich. Sie sind das Schmierfett meines Daseins, sie machen, dass ich weiterkomme – es wird also nicht überraschen, dass ich mich über neue Begegnungen meist überschwänglich freue. Aber leider wird mir diese Freude häufig nicht abgekauft. Denn es kann leicht passieren, dass ich eine frische Partybekanntschaft am selben Abend mit „Georg“, „Gregor“ und „Gerd“ anspreche – und trotz Korrektur jedes Mal danebenliege. Oder ich jemanden, der mich ganz selbstverständlich mit „Hallo, Katja“ begrüßt, frage: „Äh, wie heißt du noch gleich?“

 

Im besten Fall ernte ich verwirrtes Lachen, im schlimmsten tödliche „Wie kann ich dir nur so egal sein?“-Blicke. Mit dem Namen angesprochen zu werden ist nämlich verbales Kopfkraulen. „Ich bin gemeint, ich!“, jubelt unser Ego. Und wenn jemand unseren Namen vergisst, ist es stinkbeleidigt.

 

Dabei ist es nicht so, dass ich mir beim Kennenlernen keine Mühe gebe. Ich achte darauf, dass mein Händedruck angenehm fest ist, meine Augen mitlächeln und der Soßenfleck vom Mittagessen den Anderen nicht gleich anspringt. Ich bin aufgeregt: Was hält dieser Mensch wohl von mir? Und was kann ich von ihm halten? Riechen tut er schonmal gut, seine Hand ist ein wenig feucht und dann die Stimme… Aber was hat die Stimme eben gesagt? War das ein Name? Verdammt, jetzt habe ich den wieder verpasst! So wie immer!

 

Mein kleines Hirn rackert sich also in dieser Situation mit sehr vielen Informationen ab, und je mehr es davon in kurzer Zeit verarbeiten muss, desto weniger ist es in der Lage, sich parallel dazu irgendetwas zu merken. Und die Panik davor, das eh wieder zu versemmeln, macht alles nur noch schlimmer. Selbst bei großen Vorstellungsrunden ohne Händeschütteln ist das nicht anders. Nach maximal zwei Menschen und Namen ist Schluss, danach verliere ich den Faden und phantasiere über diese Namensschildchen, die man auf Messen und Konferenzen ausgehändigt bekommt.

 

Es geht verdammt vielen Menschen so wie mir

 

Man mag mir die Aufmerksamkeitsspanne eines Eichhörnchens unterstellen, ich aber behaupte: Es geht verdammt vielen Menschen so wie mir. Die meisten von ihnen tarnen ihr Unvermögen nur besser. Vermeiden es schon satzbautechnisch, Namen nennen zu müssen. Sagen einfach „Hallo“ statt „Hallo, wie war noch dein Name“. Fragen in einer günstigen Minute heimlich jemanden, der es wissen muss. Und wenn sie einen Menschen, dessen Namen sie vergessen haben, jemand anderem vorstellen müssen, dann eiern sie so lange rum, bis die beiden es selbst erledigen. Klar, so kann man es auch machen. Und doch: elegant geht anders.

 

Elegant wäre es zum Beispiel, die Namen mit dazu passenden Bildern zu verknüpfen, um sie im Hirn besser verankern zu können. So bringen es zumindest Gedächtnistrainer Menschen bei, die beruflich darauf angewiesen, sich viele Namen merken zu können. Ich persönlich bin mit dieser Methode krachend gescheitert: Da stand ich dann zum Beispiel und schüttelte minutenlang die Hand einer gewissen Sina, während mein Kopf darüber nachsann, ob es nicht auch ein anderes Attribut als ihre großen Brüste zum Verknüpfen gäbe, und falls nicht, wie „Sina“ und „große Brüste“ überhaupt zusammenpassten – was etwas völlig anderes gewesen wäre, hieße sie Maria, denn dann hätte ich mir vorstellen können, wie sie den kleinen Jesus stillt und alles wäre gut gewesen.

 

Sina aber hieß Sina, und am Ende musste sie sich von meinem Klammergriff befreien als wäre sie einer dieser peinlich berührten Staatsmänner und ich Donald Trump. Jetzt hält sie mich für merkwürdig, und zwar nicht, weil ich ihren Namen nicht auf Anhieb wusste. Ein Glück, dass sie nur die Freundin einer Freundin war und nicht meine zukünftige Chefin.

 

 

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